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Gespräch über die 68er-Bewegung:Uni heute: "Was ist jetzt der Lernstoff, der hinterher abgefragt wird?"

Herr Lohmüller-Kaupp, wann regte sich bei Ihnen der Protest?

Lohmüller-Kaupp: Genau am Tag meines Abiturs am 1. Juli 1965. Auf der ersten großen Studentendemonstration auf dem Königsplatz demonstrierten damals 10 000 Menschen. Und ich als Schüler mittendrin, mit Transparent, auf dem irgendwas gegen Hierarchie draufstand. Vorher hatten wir ganz vornehm beim AStA angefragt: Dürfen wir da mit? Ja klar, dürft ihr, ist doch super, hieß es. Einer der großen Redner war der AStA-Chef vom RCDS, der damals Kurt Faltlhauser hieß. Er wurde später mal Finanzminister in Bayern.

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68er-Bewegung

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Also Unruhe gab es schon vor dem Tod von Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967?

Lohmüller-Kaupp: Die war da, doch sie brach erst mit Ohnesorgs Tod richtig aus nach der Demo gegen den Schah-Besuch und diese wahnsinnig repressive Westberliner Polizei, die auf alles geknüppelt hat. Wir wehrten uns gegen die Manipulationen der Springer-Presse, die zu dieser Zeit so stark meinungsbildend war. Außerdem bekämpften wir massiv rechte Strukturen an der Uni. Und bei fast jeder Vorlesung hat es richtig gescheppert.

Goodwin: Das würde ich mir als Dozent manchmal ein bisschen mehr wünschen: Eine Debatte! Statt nur zu fragen: Was ist jetzt der Lernstoff, der hinterher abgefragt wird?

Stellen Studenten heute Fragen, die über Wissensvermittlung hinausgehen?

Goodwin: Manchmal schon. Das kommt aber sehr auf den Studiengang an. Angehende Journalisten sind sehr bereit dafür. Aber jungen Studierenden, die zum Teil bereits mit 17, 18 an die Uni kommen, merkt man ihre Schüchternheit noch stark an.

Sehen Sie das junge Alter der Studenten als ein Problem?

Goodwin: Selbstbewusstsein und Lebenserfahrung sind hilfreich. Eine Studentin etwa, die vorher eine Ausbildung gemacht hat und dann an die Uni gekommen ist, hat einfach eine andere Sichtweise und mehr mitzubringen. Wir sollten an der Uni gerade deshalb auch die ungeraden Bildungsbiografien unterstützen.

68 waren die Themen: Vietnamkrieg, Auseinandersetzung mit der Nazi-Zeit und der Kampf gegen Autoritäten. Was könnte heute bis in den Hörsaal vordringen?

Goodwin: Da wir alle drei aus den Gesellschaftswissenschaften sind, müssen wir da natürlich über Populismus debattieren.

Schneider: In meinen Seminaren ist das auch ein Thema. Allerdings diskutierte auch mein ganzer Grundkurs über TTIP. Ich zweifle jedoch daran, dass sich auch die Physiker oder Mathematiker in ihren Grundkursen über solch gesellschaftspolitische Themen unterhalten können.

Lohmüller-Kaupp: Das war früher auch nicht anders, an der TU war es ziemlich still.

Ermöglicht denn die Verschulung des Systems heute noch Chancen und Freiheiten gesellschaftspolitisch aktiv zu werden? Oder ist das Korsett nach Bologna zu starr dafür?

Schneider: In den Naturwissenschaften hat der Bachelor den Studenten schon viele Freiheiten genommen. Früher waren die Bars der Studentenheime voll, heute sind abends alle in ihren Zimmern und lernen.

Goodwin: Bei uns haben die Studierenden noch viel Wahlfreiheit, die es ermöglicht, dass man sich da sehr wohl nebenher engagieren kann. Nur sagen sich wohl viele, dass es mehr bringt, eine Werkstudentenstelle bei Siemens zu haben, als bei den Jusos Kampagnen zu machen.