Gespräch über die 68er-Bewegung Findet die heutige Generation Politik unwichtig?

Goodwin: Da bin ich anderer Meinung, ich glaube, Wählen ist aktives Partizipieren. Nur haben die Studierenden an der LMU nicht viel Mitspracherecht und deshalb verstehe ich, dass viele an dieser Stelle nicht wählen gehen. Trotzdem halte ich es für einen Fehler, da Studierende womöglich an ihren Unis viel mehr Kraft entwickeln könnten, wenn sie eine Wahlbeteiligung von 90 Prozent im Rücken hätten.

Gibt es heute einfach weniger Anlass zu Widerspruch und Protest?

Goodwin: Dem hätte ich vor ein paar Jahren noch zugestimmt. Aber ich denke, dass wir uns in einer Zeit von Brexit, Trump und anderen großen Verwerfungen in der Politik wieder ganz grundsätzliche Fragen zu stellen haben. Politisches Engagement wird wieder ganz zentral. Das zeigt eben auch die aktuelle Eintrittswelle in die Parteien. Die Leute sagen wieder: Ja, es ist notwendig, sich zu engagieren. Gerade jetzt, wo komische Menschen Präsident werden und die EU unter Beschuss steht.

68er Bewegung Frauen zwischen Kaffeekochen und Tomatenwerfen
68er-Bewegung

Frauen zwischen Kaffeekochen und Tomatenwerfen

Die 68er wollten die Dritte Welt und die Arbeiter befreien - Frauen aber sollten Kaffee kochen. Fünf von ihnen über den steinigen Weg zu Emanzipation und Feminismus.   Protokolle von Olivia Kortas und Larissa Holzki

Ist es also vor allem Ihre Generation, die sich von der Politik abgewandt hat?

Goodwin: Ja, ein wenig schon. Wir haben in den 90er Jahren beigebracht bekommen, dass der Sozialismus verloren hat und dann hieß es nur noch: Ihr sollt möglichst gut funktionieren, weil immer eine neue Wirtschaftskrise droht und man sich vor allem um sich selbst zu kümmern hat.

Schneider: Ich glaube, dass das mangelnde politische Interesse auch darauf zurückzuführen ist, dass es so selbstverständlich geworden ist, dass alles funktioniert. Dass man sich sicher ist, dass man, wenn man nicht möchte, auch nicht mitbestimmen muss, weil sich eben irgendjemand schon drum kümmert. In meinem Heimatort Garching etwa ist die Jugend anders engagiert. Aber in der Feuerwehr und Vereinen. Eben in anderer Art und Weise reden die mit. Wenn man beispielsweise den Maibaumplatz umgestalten würde.

Aber was sind die Herausforderungen Ihrer Generation? Die liegen doch nicht ernsthaft in der Mitsprache beim Maibaumplatz in Garching?

Schneider: Meine Generation muss sich mehr mit der Zukunft auseinandersetzen, etwa wie die Renten gesichert werden können und wie wir das Klima schützen.Trotzdem ist gerade in Bayern Traditionspflege so wichtig. Sie ist ein Ankerpunkt, auf den man sich zurückbesinnen kann, aus dem man Werte zieht, um Zukunft zu gestalten.

Hätte man das 68 auch so gesehen? War Tradition damals nicht einfach nur Muff?

Lohmüller-Kaupp: Also einen Maibaum haben wir damals nicht im Kopf gehabt. 1968 war eine spannende Umbruchzeit: Es gab die erste Rezession, Ludwig Erhard stolperte und ein Alt-Nazi wie Kiesinger wurde Kanzler. Das war das letzte Aufbäumen der Adenauer-Zeit und dann veränderte sich auch die Wirtschaft stark. Die alten Strukturen kamen damit nicht mehr zurecht. Eigentlich ging es nur noch darum, ob wir jetzt die Revolution im Sommer- oder im Wintersemester machen. Wir wollten die Gesamtstruktur ändern, waren davon überzeugt, dass die wie ein Kartenhaus zusammenfällt und wollten dann etwas ganz Neues aufbauen. In so einem Zeitgeist denkt man nicht daran, Plätze umgestalten zu wollen.