Gespräch über Bildungsaufsteiger "Sozialer Aufstieg ist ein schmerzhafter Prozess"

Sie meinen von der Familie und den alten Freunden?

Bei vielen Aufsteigern wird der Kontakt zu Eltern und Freunden irgendwann weniger, ja. Manche kappen ihre Wurzeln sogar komplett. Das hängt auch vom kulturellen Hintergrund ab. Türkeistämmige Aufsteiger wachsen in einem Umfeld auf, das von Loyalität und Solidarität geprägt ist. Das macht es ihnen zunächst einfacher, weil sie von zu Hause aus viel Unterstützung bekommen. Schwierig wird es, wenn sie sich emanzipieren, ihr eigenes Ding machen wollen. Das kann zu massiven Konflikten und sogar zum Abbruch des Kontakts führen. Andererseits lässt sich in dieser Gruppe auch ein interessanter "Pull-Effekt" beobachten: Manche Kinder ziehen ihre Eltern mit auf ein höheres soziales Niveau.

Wie das?

Indem sie sie beispielsweise überreden, einen Deutschkurs zu besuchen oder kulturelle Angebote wahrzunehmen. Die Rollenverteilung kehrt sich um, was auch nicht unproblematisch ist. Sozialer Aufstieg ist ein steiniger, oft schmerzhafter Prozess. Das erklärt auch, warum viele irgendwann aufgeben oder umkehren. Man muss es aushalten können, Außenseiter zu sein.

Weil das Bildungsbürgertum Emporkömmlingen mit Ablehnung begegnet?

Das mag vorkommen, aber entscheidend ist das gefühlte Alleinsein. Niemand, der sich nicht selbst die soziale Leiter hochgekämpft hat, kann die Situation und die Probleme von Aufsteigern nachfühlen. Weder die Kumpels aus der Kindheit und Jugend noch die neuen Freunde aus dem Bildungsbürgertum. Viele Aufsteiger sind erstaunt, wenn sie hören, dass es anderen auf ihrem Weg nach oben ähnlich ergangen ist - wenn Schwierigkeiten auftraten, haben sie die Gründe dafür eher bei sich gesucht. Bildungsaufsteiger sind sehr selbstkritisch.

Inwiefern?

Sie spiegeln ihr Verhalten permanent. Beobachten ganz genau, wie sich ihre Art, anderen zu begegnen, zu sprechen, zu gestikulieren von der ihres Umfelds unterscheidet. Diese habituelle Unsicherheit kann sich durchziehen bis weit ins Berufsleben hinein. Insbesondere in sozialen Situationen, bei Verhandlungen oder Geschäftsessen, fühlen sich Aufsteiger oft gehemmt.

Also versuchen sie, sich anzupassen?

Schlussendlich: ja. Viele machen in der Jugend oder an der Uni mal eine rebellische Phase durch. Aus Protest überbetonen sie für kurze Zeit ihre Herkunft und ihre Habitusunterschiede. Aber insbesondere die sehr erfolgreichen Aufsteiger haben sich im Verlauf stark angepasst. Das geht so weit, dass sie das bildungsbürgerliche Klischee leben: Man trinkt gerne Rotwein, hört klassische Musik und legt sich eine eigene Bibliothek zu.

Wenn man Ihnen zuhört, bekommt man den Eindruck, dass sozialer Aufstieg eine sehr stark individuelle Leistung ist. Wird die Rolle der Schule in der Diskussion um Bildungsgerechtigkeit überschätzt?

Nein. Meine Interviewpartner haben die Schule alle vor dem Pisa-Schock verlassen. Das mag mit erklären, warum Lehrer in den Erfolgsgeschichten keine Rolle spielen. Aber jeder Aufsteiger hatte einen "sozialen Paten". Also eine Person aus einem höheren Bildungsmilieu, die als Vorbild und Mentor beziehungsweise Mentorin fungiert hat. Das war in einem Fall die Mutter der besten Freundin. Ein anderes Mal ein Theaterregisseur, der einen jungen Mann mehr oder weniger zufällig für die Schauspielerei begeistert hat. Alleine ist der Aufstieg nicht zu schaffen.

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Aladin El-Mafaalanis Eltern sind aus Syrien nach Deutschland eingewandert. Er selbst ist hier geboren, arbeitet heute als Politik-Professor an der FH Münster. Seine Forschung zu Bildungsaufsteigern ist mehrfach preisgekrönt.