Geschlechtergerechtigkeit Schrilles Örtchen

Weist allen den Weg: Toilettenschild in den Niederlanden.

(Foto: Hollandse Hoogte/imago)

Ist eine dritte Schultoilette für intersexuelle Kinder ein Grund sich aufzuregen? Die Debatte zu dem Thema wird nun bundesweit geführt.

Von Susanne Klein

Noch steht kein Stein der neuen Grundschule in Pullach, nicht einmal die Bagger sind bestellt. Und doch macht die Schule in spe am Südrand von München schon Furore: Der Gemeinderat will in Kürze beschließen, dass die Grundschule sowie eine ebenfalls zu bauende Mittelschule eine Toilette für das dritte Geschlecht bekommen sollen. Und, die Überraschung im restlichen Deutschland ist groß, auch andernorts in Bayern denkt man so. Die Stadt Garching nördlich von München hat in ihre Planung für eine neue Grundschule nachträglich eine dritte Toilette aufgenommen. In Taufkirchen, einer Nachbargemeinde von Pullach, ist die Baugrube für eine Grundschule schon ausgehoben. Kein Grund, nicht nachzubessern, so das Bauamt, die Möglichkeit einer eigenen Toilette für das dritte Geschlecht werde derzeit geprüft.

Der Vorstoß der bayrischen Schulplaner wird seit Tagen bundesweit diskutiert, in Medien und sozialen Netzwerken, unter Gleichstellungsbeauftragten und Psychologen, in Ämtern und Lehrerzimmern. Ein Sprecher des Kultusministeriums in Baden-Württemberg sagte: "Es ist bei uns nicht angedacht, aber den einzelnen Schulen ist das freigestellt." In Berlin gelten laut Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg sogenannte Musterraumprogramme. "Diese sehen derzeit solche Toiletten nicht vor", so das Amt. Auch Bayerns Schulbauverordnung, zuletzt 2012 geändert, schweigt zu der Frage, das Thema ist einfach zu neu.

Schulen und Gemeinden müssen einstweilen selbst eine Haltung finden, assistiert vom widersprüchlichen Rat der Experten. Argumentiert die Erziehungsgewerkschaft GEW für eine dritte Toilette, so fürchtet der Bildungsverband VBE, sie könnte Kinder stigmatisieren. Diskriminierung lasse sich nicht mit Toiletten aus der Welt schaffen, befindet auch der Münchner Kinderpsychologe Klaus Neumann. Seine Kollegin Nora Gaupp vom Deutschen Jugendinstitut wendet ein, wenn schon Grundschüler lernten, dass Mädchen und Jungen nicht die einzige Option seien, helfe das, Vorurteile abzubauen.

Die Resonanz zeigt: Die Suche nach einem neuen, antidiskriminierenden Umgang mit Menschen, die weder Mädchen noch Junge, weder Frau noch Mann sind, treibt gerade viele um. "Die Gesellschaft muss reagieren", findet Garchings SPD-Bürgermeister Dietmar Gruchmann. Den Anstoß hatte 2017 ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts gegeben, auf das die Bundesregierung im Dezember 2018 mit der Entscheidung reagierte, dass im Personenstandsregister und in Geburtsurkunden ein drittes Geschlecht als "divers" angegeben werden kann. Die Änderung fällt in eine Zeit, in der die Sensibilität für Genderfragen generell steigt, etwa in der Sprache. So hält die Stadt Hannover ihre Beschäftigten neuerdings zu einer geschlechtergerechten Verwaltungssprache an, statt von Lehrern oder Wählern soll nun von Lehrenden und Wählenden die Rede sein. Damit wolle man den Frauen ebenso wie der "Vielzahl geschlechtlicher Identitäten" Rechnung tragen. Auch in bayrische Amtsstuben hält die neue Sensibilität Einzug. Bedienstete der Stadt Augsburg sollen Geschlechterstereotype in Wort und Bild ab sofort vermeiden, in Regensburg, München, Nürnberg sind sie schon länger instruiert, Stellenangebote sind zudem meist mit dem Zusatz (m/w/d) versehen.

Vor diesem Hintergrund spielt sich die Debatte um die Schultoiletten ab. Wie breit sie geführt wird, hat Andrea Lehner dennoch zuerst "sehr erstaunt". So eine Toilette sei ja "im gesamten Bauvolumen einer Schule nur eine Kleinigkeit". Die externe Schulbauberaterin hat mit ihrem Vorschlag zur Pullacher Grundschultoilette die Diskussion überhaupt erst ausgelöst. "Das Thema des dritten Geschlechts ist neu, das hab ich im Planungsgremium natürlich angesprochen," sagt sie. Schließlich werde die Schule vielleicht erst in acht Jahren fertig und solle dann noch 50 Jahre Bestand haben, ohne dass man sie ständig umbauen muss. Da sei es schlicht normal, vorauszudenken.

Lehner hat sich gefreut, dass ihr das Gremium einstimmig gefolgt ist. Ob in Pullach am Ende tatsächlich eine eigene Toilette für intersexuelle Kinder entsteht, sei aber keineswegs ausgemacht, betont sie. Lehner vermutet, dass es auf einen Unisex-Bereich mit geschützten Räumen hinausläuft. "Aber darüber muss sich ein Architekt den Kopf zerbrechen. Vielleicht hat er ganz andere Ideen. Man kann Toiletten ja sehr vielfältig gestalten."