Geschlechterdebatte Bei einer Frau steht ihre Weiblichkeit im Mittelpunkt

Cimpian und Leslie war es sehr wichtig zu betonen, dass sie ihre Ergebnisse nicht so interpretieren, als wäre die FAB-Hypothese der einzige Faktor bei der Ungleichverteilung der Geschlechter in einer Disziplin. Sie versuchen aber darzulegen, wie nützlich sie ist. In Anschlussstudien befassen sie sich auch mit nicht ganz wissenschaftskonformen Beweisen, die ihre These noch plausibler erscheinen lassen.

Die Anzahl fiktiver männlicher Genies beispielsweise, die sich in der populären Kultur breitmacht, von Sherlock Holmes über Dr. House bis zu Will Hunting, im Vergleich zu erfundenen weiblichen Genies. Das Stereotyp des Genies ist in überwältigendem Ausmaß männlich. Und, falls ich das noch hinzufügen darf: Ein weibliches Genie ist an sich ein Thema - bei einer Frau steht ihre Weiblichkeit im Mittelpunkt, mindestens genauso oder gar mehr als ihr Genie. Sollte es sich bei Genies um eine Abweichung handeln, dann wird ein weibliches Genie als die noch viel signifikantere Abweichung betrachtet, eine Abweichung von der Weiblichkeit an sich. Wenn man dieses Stereotyp betrachtet, ist es dann nicht sehr wahrscheinlich, dass Frauen seltener in Gebieten arbeiten, die so sehr aufs angeborene Genie setzen?

Schule Je mächtiger das Rollenklischee, desto schlechter die Noten
Analyse
Luxemburger Studie

Je mächtiger das Rollenklischee, desto schlechter die Noten

Selbst der Vorsprung in Mathematik ist weg: Eine Studie zeigt, wie deutlich Mädchen Jungen in der Schule überlegen sind. Das hat nicht nur mit männlichem Desinteresse zu tun.   Von Matthias Kohlmaier

Führende Literaturmagazine lassen vor allem Bücher von Männern rezensieren

Die Autoren der Studie haben sich nur mit akademischen Disziplinen befasst. Aber da ist noch ein Feld menschlicher Kreativität, in dem man oft die Begriffe "begnadet" und "Genie" hört, die Künste - auch in der Literatur. Auch hier zeigen kalte, harte Statistiken eine beharrliche Unausgewogenheit zwischen den Geschlechtern. Denn obwohl es so viele zeitgenössische Autorinnen gibt, zeigen die Daten, die der Schriftstellerverband von Frauen VIDA zusammengestellt hat, dass die führenden amerikanischen und britischen Literaturmagazine - jene Sorte, deren Auswahl den Unterschied zwischen den wichtigen Autoren und den anderen ausmacht - ihre Kritiken auf die Bücher von Männern konzentrieren und auch mehr Männer als Frauen damit beauftragen, sie zu schreiben. Vielleicht erklärt die FAB-Hypothese auch diese Unausgewogenheit und unterstreicht noch einmal, dass Cimpians and Leslies Ergebnisse zeigen, dass das Problem nicht allein die STEM- oder Non-STEM-Disziplinen betrifft und auch nicht den Gegensatz von mathematischen und sprachlichen Fähigkeiten?

Schule Zweierlei Hirn

Wie Kinder Sprachen lernen

Zweierlei Hirn

Mädchen fällt Lesen und Sprachenlernen bis zu einem bestimmten Alter meist viel leichter als Jungen. Eine Studie zeigt nun, woran das liegen könnte.   Von Matthias Kohlmaier

Mir ist klar, dass eine Diskussion über die FAB-Hypothese als Kleinigkeit gesehen werden wird im Vergleich zu richtig großen Nachrichten, wie, sagen wir mal, dass die Polkappen schneller schmelzen als vermutet. Und deswegen hatte ich, als Antwort auf die diesjährige Edge-Frage, auch erst angefangen, über die Polkappen zu schreiben. Aber vielleicht belegt die mangelnde Wichtigkeit, die wir dem Unterschätzen der Schaffenskraft der halben Menschheit zumessen, aber auch schon unser Problem. Was könnte ein größerer Segen für die Menschheit sein, als die Zahl der - hm - Väter großer Ideen zu erhöhen, nicht nur für die Wissenschaft, sondern die ganze Kultur?

Die Autorin ist Schriftstellerin und unterrichtet Philosophie an der New York University. Im September 2015 verlieh ihr Barack Obama die National Humanities Medal. Der Text ist eine der Antworten auf die Frage des Jahres, die das Onlinemagazin Edge.org insgesamt 197 Wissenschaftlern, Intellektuellen und Künstlern gestellt hat. Sie lautet: "Welche Nachricht war für Sie wichtig?" Übersetzung: Susan Vahabzadeh