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Inklusion an Schulen:Paradebeispiel für das große Inklusionsmissverständnis

Aber zeigt nicht gerade diese große Auswahl, dass Hamburgs Schulsystem immer noch auf Selektion angelegt ist? Die grüne Bildungspolitikerin Stefanie von Berg findet den rot-grünen Koalitionsvertrag beim Thema Inklusion jedenfalls so wenig beeindruckend, dass sie sich bei der Abstimmung darüber auf dem Grünen-Parteitag enthielt. "Es geht um viel mehr als nur um Ressourcen", sagt sie. Und die Schulzeit des Trisomie-Kindes Paul wirkt wie das Paradebeispiel für das große Inklusionsmissverständnis einer Lehrergeneration, die es bis tief in die Nullerjahre hinein gewohnt war, Schüler nach gleichgeschalteten Kriterien in Leistungsklassen und Schulformate zu unterteilen. Selbst Angela Ehlers, an die sich Vater Langhoff einst mit seiner Kritik wandte, nennt die Art des Unterrichts, den Paul bekam, "zutiefst exklusiv".

Paul hat die Eppendorfer Schule im vergangenen Sommer verlassen, er ist 19 und lässt sich mittlerweile zum Kita-Mitarbeiter ausbilden. Der Druck ist weg. Langhoff ist Dozent und Fernsehjournalist, ein beharrlicher Mensch, der ungern Krawall macht, aber Konflikte durchaus annehmen kann. Schon zu dessen Schulzeiten hat er darum gekämpft, dass Paul einen Unterricht bekommt, mit dem er etwas anfangen kann - vergeblich. Die bittere Bilanz dieses Kampfes richtete er im Juli 2014 schriftlich an Ingrid Körner, die Senatskoordinatorin für Gleichstellung. Eine erklärende Antwort bekam er nicht, weshalb er das Schreiben im Januar noch mal versandte.

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Förderbedürftige Kinder können Regelschulen besuchen, ohne dass daraus irgendjemandem Nachteile entstehen. Das besagt zumindest eine vierjährige Untersuchung. Beteiligte Lehrer haben jedoch Zweifel.   Von Matthias Kohlmaier

Er beklagt darin unter anderem, dass Paul "dauerhaften Einzelunterricht" bekam. Dass er mit Unterrichtsmaterial habe arbeiten müssen, das er nicht habe verstehen können. Dass das Lehrerteam auch von der Schulbehörde verfügte Fortbildungen nicht wahrgenommen habe. Inklusion in der Schule bedeutet, dass Lehrer und Pädagogen alle Schüler, die hoch- wie die weniger begabten, im Klassenverbund nach ihren Anforderungsprofilen ansprechen. An Pauls Schule sah Inklusion im Grunde so aus, dass er mit den anderen das Schulhaus betreten durfte und dann in die Einzelbetreuung geschickt wurde. "Alles arbeitet, er geht auf den Schulhof und sammelt mit zwei Erwachsenen Blätter", sagt Langhoff, "da darfst du dich nicht wundern, dass die Schüler mit Behinderung nachher nichts können." Laut der Forsa-Umfrage hat die Mehrheit der Lehrer gar keine sonderpädagogischen Kenntnisse. Und wer schon inklusive Klassen unterrichtet, bekam meist kaum Zeit, sich richtig darauf vorzubereiten.

Langhoff hat während Pauls Schulkarriere auch tolle Lehrer kennengelernt. Trotzdem ist der Inklusionsfrust bei ihm und anderen Eltern groß. Cornelia Hampel, Mutter des Downsyndrom-Jungen Timo, hat an einer staatlichen Stadtteilschule Erfahrungen mit Mobbing und überforderten Lehrerteams gemacht, weshalb sie ihren Sohn nach zwei Jahren auf eine private Schule schickte. "Und wir haben es noch gut getroffen", sagt Hampel und spricht damit auch für Langhoff. "Ich kenne Leute, die so entsetzt von der Inklusion waren, dass sie ihre Kinder zurück an die Förderschule geschickt haben."

Angela Ehlers von der Schulbehörde sagt: "Hamburg arbeitet daran." Eine Fortbildungsoffensive für Lehrer sei in Arbeit, die Ressourcen würden aufgestockt. Aber bis das Konzept Inklusion das gesamte Schulsystem durchdringt, wird es noch eine Weile brauchen. "Das ist eine Mehr-Generationen-Aufgabe", sagt die Grüne Stefanie von Berg. Gerade für die Kinder mit geistiger Behinderung müssen noch ein paar Barrieren im Kopf fallen, ehe alle Schulen einen kreativen Umgang mit Schülern unterschiedlichster Lernprofile pflegen. Für Thomas Langhoff und seinen Sohn Paul kommt jedenfalls jede Verbesserung zu spät. "Ich bin überzeugt, dass Paul besser sprechen würde und ein freieres Leben führen könnte, wenn er mit anderen Kindern in Dreier- oder Vierergruppen hätte lernen können", sagt der Vater. Vorbei. Frustrierend. Immerhin, Paul selbst ist bestimmt nicht nachtragend.

© SZ vom 27.07.2015/mkoh
Was Eltern sagen

Konkrete Erfahrungen mit Inklusion verringert bei Eltern die Skepsis, zeigte jüngst eine Studie der Bertelsmann-Stiftung. 58 Prozent der Befragten ohne Inklusionserfahrung meinen, das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne Handicap gehe auf Kosten des fachlichen Lernens; unter Müttern und Vätern, deren Kinder bereits Schulen besuchen, an denen auch Behinderte lernen, sagen das 44 Prozent. Alle Befragten machen Unterschiede bei der Art der Beeinträchtigung: Während Inklusion mit körperlich Behinderten von 90 Prozent begrüßt wird, sind es im Fall von verhaltensauffälligen Kinder weniger als die Hälfte der Befragten. Eine inklusive Schule mit geistig Behinderten finden nur 36 Prozent gut. Das letzte Bild der obigen Bildergalerie zeigt Henri aus Baden-Württemberg, der das Down-Syndrom hat. Mit dem Kampf für einen Platz am Gymnasium oder an der Realschule hatte wurde er zur Symbolfigur für Inklusion. Seine Mutter Kirsten Ehrhardt hat ein Buch über diesen Kampf geschrieben - Henri. Ein kleiner Junge verändert die Welt. Sie kann die Ängste anderer Eltern verstehen, sagt aber: "Oft habe ich das Gefühl, dass die Skepsis nur heißt: ,Wir wollen das nicht.' Es mag auch Angst vor dem Verlust von Privilegien, Angst vor dem Unbekannten sein." Der Bundeselternrat fordert, neben Lehrern die ganze Schulgemeinschaft für Inklusion fit zu machen - durch eine Art "Elternunterricht". johann osel

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