Gedächtnistraining:Die besten Tipps fürs Lernen

IGLU-Studie

Beim Lernen sollten wir vor allem keine unrealistischen Erwartungen an uns selbst haben, raten Experten. (Symbolbild)

(Foto: dpa)

Der Pisa-Schock lieferte den Startschuss - seitdem boomt die Lernforschung. Mancher Experte spricht schon von einer regelrechten Hysterie. Von der Eselsbrücke bis zu Lernen im Schlaf: die besten Strategien, um sich Dinge zu merken.

Von Franziska von Malsen

Man kann mit diesem Thema vieles anstellen: Elternabende quälend in die Länge ziehen, regalweise Ratgeber verkaufen, Millionen Klicks im Netz erreichen oder eine akademische Karriere bestreiten. Ganze Forschungszweige beschäftigen sich mit der Frage, wie man am besten lernt. Seit der ersten Pisa-Studie im Jahr 2000 ist die Zahl der Drittmittelanträge in der Psychologie und den Erziehungswissenschaften extrem gestiegen, ebenso in den Neurowissenschaften.

Dass die Lernforschung in den vergangenen 15 Jahren einen Boom erlebt hat, sieht Elsbeth Stern von der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich aber nicht nur positiv. Das befördere mitunter eine Hysterie, die am Ende niemandem nutze, glaubt die Psychologin: "Wir müssen aufhören, uns Lernen wie das Besteigen einer Leiter vorzustellen. Wir lernen weder in gleichmäßigen Schritten, noch kann es immer nur darum gehen, möglichst schnell möglichst weit nach oben zu kommen." Dennoch gibt es einige Ratschläge, wie man das Lernen lernen kann. Wir stellen die wichtigsten Einsichten vor.

Die Eselsbrücke

Egal, ob man nun Vokabeln lernt oder eine komplexe philosophische Theorie: Um sich Neues zu merken, muss man es mit bereits Bekanntem verknüpfen. Mediator nennen Lernforscher eine solche Verknüpfung , Eselsbrücke sagt der Laie. Als Mediatoren können verschiedene Assoziationen dienen: ein anderes, bereits bekanntes Wort, ein Bild, eine kleine Geschichte oder eine konkrete Erinnerung, die man mit der neu abzuspeichernden Information verknüpft. Am besten funktioniert das, wenn der Lernende diesen Mediator selbständig wählt und nicht von außen zugetragen bekommt.

Die Orte-Methode

Auf demselben Prinzip basiert auch die sogenannte Loci-Methode, bei der man neue Informationen gedanklich an bereits bekannten Orten ablegt. Dazu kann man sich seinen Arbeitsweg vorstellen oder die eigene Wohnung und in Gedanken einzelne Stationen festlegen. Hauptsache, die vorgestellte Umgebung ist einem gut vertraut. Anschließend sammelt man das neu Gemerkte entlang der imaginären Route wieder ein. Diese Methode hilft deshalb auch, sich Dinge in einer bestimmten Reihenfolge zu merken.

Learning by doing

Menschen erkennen und erinnern sich an ein Lied eher, wenn sie es selbst gespielt statt nur gehört haben. Das bestätigten kürzlich Forscher der kanadischen McGill University in einem Experiment mit zwanzig Pianisten (Cerebral Cortex, online). Als sie den Klavierspielern die Lieder erneut vorspielten, erkannten die Musiker Verschiebungen in der Tonart oder Fehler in der Melodie eher, wenn sie die Stücke zuvor selbst gespielt hatten. Musiker dürfte diese Erkenntnis kaum überraschen. Raten Musiklehrer doch immer zum Üben, Üben, Üben und niemals nur zum Hören, Hören, Hören.

Das wussten auch die Neurologen der Klavierspielerstudie. Mit ihrem Experiment wollten sie besser verstehen, worauf dieser sogenannte Produktionseffekt tatsächlich beruht, also das, was allgemein als Learning by doing bekannt ist: Ob die Klavierspieler sich besser erinnerten, weil sie auch die zugehörigen Bewegungsmuster abgespeichert hatten, oder schlicht, weil sie ihr akustisches Gedächtnis besonders oft angesprochen hatten. Die Aufzeichnung der elektrischen Signale im Hirn der Pianisten bewies: Es kommt tatsächlich auf die Bewegung an.

Bewegt lernen

Bewegung kann beim Lernen sogar dann helfen, wenn diese mit dem Lerninhalt selbst nichts zu tun hat, berichten Psychologen vom Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung (MPI). Sie ließen ihre Probanden dazu Ziffern in einer vorgesprochenen Zahlenkette miteinander vergleichen. Tatsächlich konnten die Kinder die Aufgabe besser lösen, wenn sie dazu in ihrer Lieblingsgeschwindigkeit spazierten. Mussten sie dabei allerdings noch Hindernisse in einem Parcours überwinden, verschlechterten sie sich. "Trotzdem sollten Eltern ihre Kinder nun nicht zum Vokabellernen an ein Laufband ketten", sagt Sabine Schäfer vom MPI. Aber eben auch nicht unbedingt sklavisch an den Schreibtisch zwängen.

Karteikarten wenden

Karteikarten sind der Klassiker unter den Methoden, früher auf Papier, heute digital. Das Lernen mit Karteikarten und ähnlichen Methoden funktioniert so gut, weil sich der Lernende dabei wiederholt selbst testet. Entscheidend ist, die gefragte Information vor dem Umdrehen des Kärtchens aktiv aus dem Gedächtnis hervorzuholen. Die Karten rein lesend zu wenden, ist erheblich weniger effektiv. Das belegte eine Studie zum sogenannten Testungseffekt.

In dieser bekamen die Probanden mehrmals eine Liste mit vierzig Wortpaaren vorgesetzt. Sie sollten sich davon so viele wie möglich merken. Eine Gruppe bekam bei allen Durchläufen die komplette Liste mit jeweils beiden Spalten vorgelegt. Die andere Gruppe bekam die Liste nur in den ersten Durchläufen komplett, danach sollten sie sich aktiv an das zweite Wort erinnern. Bei einer abschließenden Prüfung schnitt die zweite Gruppe deutlich besser ab. Das zeigt: Etwas zu lernen bedeutet, Abrufpfade zu sichern zwischen einem "Cue" (dem Stichwort auf der Vorderseite) und der dazu abgespeicherten Information (auf der Rückseite der Karte). Am besten schafft der Lernende das, wenn er sich - wie bei der Eselsbrücke - einen eigenen Pfad zum Lerninhalt baut.

Worte laut vor sich hin sagen

Laut werden, aber nicht immer

Es hilft, wenn man, etwa beim Vokabellernen ausgewählte Worte laut ausspricht - aber nicht alle. Psychologen um Colin MacLeod von der kanadischen University of Waterloo fanden heraus, dass Probanden beim Erinnern am besten abschnitten, wenn sie nur einige der Wörter vor sich hin sagten. Hinter diesem Phänomen steckt der sogenannte Restorff-Effekt. Er benennt die Tatsache, dass man sich an alle möglichen Inhalte besser erinnert, wenn sie sich von der Umgebung abheben. Findet sich eine Zahl in einer Reihe von Buchstaben, erinnert man sich mit Sicherheit zuerst an die Zahl. Etwas Ähnliches scheint zu passieren, wenn man ein Wort akustisch markiert.

In ihren Experimenten ließen die kanadischen Psychologen Probanden eine Liste mit Wörtern lernen. Eine Gruppe sollte alle Wörter still lesen, eine zweite sie laut vor sich hinsagen, und eine dritte Gruppe sollte die Hälfte der Wörter leise lesen, die andere laut. Tatsächlich erinnerte sich diese dritte Gruppe an die meisten Wörter. Die beiden anderen Gruppen erinnerten sich an rund zehn Prozent weniger, wobei die sprechende Gruppe leicht besser abschnitt als die stumm lesende. Vermutlich ist das so, weil die ausgesprochenen Worte mehrere Sinneskanäle passieren: Die Teilnehmer sehen das Wort beim Lesen, transferieren es beim Sprechen in ein akustisches Signal, das sie gleichzeitig auch hören. Alle diese Informationen zusammen lassen die Erinnerung an ein gesprochenes Wort individueller werden. Der Effekt tritt MacLeod zufolge auch bei zusammenhängenden Textabschnitten auf.

Beim Lernen sollte man überlegen, welche Teile des Stoffs besonders wichtig sind, und genau diese sprechend memorieren.

Lernen im Schlaf

Wie die neurobiologische Forschung in den letzten Jahren gezeigt hat, ist der Zeitpunkt und die Qualität des Schlafes wichtig für die Festigung von Gedächtnisinhalten. Dinge, die wir unmittelbar vor dem Einschlafen lernen, werden besser konsolidiert, als solche, die wir lange Zeit vor dem Einschlafen aufgenommen haben. Die Hirnregion des Hippocampus, in dem wir Informationen wie in einer Art Zwischenpuffer abspeichern, hat nämlich nur eine begrenzte Kapazität. Früher eingegangene Informationen drohen deshalb überschrieben zu werden.

Jan Born, Neurowissenschaftler an der Universität Tübingen, empfiehlt deshalb, Wichtiges am Ende des Tages zu wiederholen. Zum erstmaligen Lernen eignen sich hingegen die Morgenstunden am besten, wenn man noch wach und konzentriert ist. Weil das Gehirn Informationen im Schlaf auch verarbeitet und besser strukturiert, erkennt man nach dem Schlafen außerdem Zusammenhänge besser und kommt leichter auf die Lösung einer Aufgabe. Am effektivsten konsolidiert das Hirn Gelerntes im Tiefschlaf, also nachts. Aber selbst nach einem Mittagsschlaf machte sich bei Probanden ein positiver Effekt bemerkbar.

Erinnern an Ort und Stelle

Wir erinnern uns an Dinge leichter, wenn wir uns in einer ähnlichen Situation befinden wie im Moment des Lernens. Neue Information verbindet sich nämlich mit den Sinneseindrücken und Emotionen zum Zeitpunkt der Aufnahme. Schüler erinnerten sich eher, wenn sie im selben Raum getestet wurden, in dem sie sich auf die Prüfung vorbereitet hatten. Auch Reisende kennen das Phänomen: Wenn sie an einen bereits besuchten Ort zurückkehren, erwachen viele Erinnerungen, auf die sie zu Hause vielleicht nicht gekommen wären.

Texte durchdringen

Geht es darum, besser zu verstehen, wie das Gehirn komplexe Zusammenhänge erfasst und abspeichert, geraten Neurowissenschaftler schnell an ihre Grenzen. Noch sind es nur einzelne Aspekte, die sich in Versuchen verifizieren lassen - isoliert von anderen Einflüssen. "Auf Aufnahmen, die Hirnströme abbilden, kann ich eben nicht erkennen, ob das Gehirn in dem Moment Mathematik oder Physik begreift", sagt Elsbeth Stern von der ETH Zürich. Lernforscher untersuchen deshalb eher mit klassischen psychologischen Experimenten, wie zum Beispiel Kinder lernen, Texte zu verstehen. Auch hier zeigte sich laut Stern: Wer Neues begreifen will, muss es durchdringen und mit bekanntem Wissen verknüpfen. Schüler, die einen Text hinterfragen, begreifen deutlich mehr als jene, die ihn nur durchlesen, selbst wenn sie das mehrmals tun.

Wer einen Text wirklich verstehen will, sollte sich deshalb nach jedem Absatz fragen: Welche Frage wird hier beantwortet? Was kommt mir bekannt vor, was ist neu? Was verstehe ich nicht? Wozu brauche ich diese Information nun überhaupt?

Der Computer hilft

Es ist daher nicht verwunderlich, dass ein guter Lehrer beim Lernen sehr wichtig ist, der mit den richtigen Fragen und Rückmeldungen Schülern und Studenten helfen kann, einen Stoff zu durchdringen. Deshalb haben Kritiker Zweifel, ob etwa Online-Vorlesungen am Bildschirm, die sogenannten MOOCS (Massive Open Online Courses), wirklich eine gute Idee sind. Doch womöglich können in Zukunft Computer tatsächlich mit den Fähigkeiten von Lehrern glänzen. Das zumindest behauptet ein Autorenteam um Marcia Linn von der University of Berkeley in einem Überblicksartikel in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins Science (Bd. 344, S. 155, 2014).

Ihnen zufolge funktioniert moderne Lern-Software wie Auto-Tutor oder Writing-Pal mittlerweile so gut, dass sie einen menschlichen Lehrer zumindest in den MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) zu großen Teilen ersetzen kann. Diese Programme können zum Beispiel Texte oder Zeichnungen von Studenten automatisch analysieren und bewerten sowie Ratschläge geben, was jetzt zu tun ist: "Überlege, ob die Qualität Deiner Beweise ausreicht", oder: "Schau Dir das folgende Thema noch mal an." Dabei ist es ein großer Vorteil, dass der Computer umgehend und individuell auf jeden Schüler entsprechend seinen Fähigkeiten eingehen kann.

Welcher Lehrer aus Fleisch und Blut schafft das schon?

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