Gastkommentar Schlecht in Mathe zu sein, gilt vielen als cool

Dennoch - und obwohl die Pisa-Studie von 2016 für deutsche Schüler bessere Ergebnisse zeigte als die von 2000 - darf man nicht den Schluss ziehen, dass der gymnasiale Unterricht nicht reformbedürftig sei. Das ist er immer noch.

Zur Begründung zunächst ein paar allgemeine Bemerkungen. Im Vergleich zu Frankreich, Skandinavien und anderen Ländern ist das gesellschaftliche Klima in Deutschland eher mathematik-feindlich. Nirgendwo sonst trifft man als Mathematiker so häufig auf Menschen, die mit ihrer Mathematikunkenntnis so unverhohlen kokettieren. Schlecht in Mathe zu sein, ist für manche cool.

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Finanzunterricht als verpflichtendes Schulfach

Wie lege ich Ersparnisse an? Wann lohnt es, eine Wohnung zu kaufen, wann zu mieten? Ab der achten Klasse sollten Jugendliche einen guten Umgang mit Geld lernen.   Kommentar von Lukas Zdrzalek

Dabei ist Mathematik eine Schlüsselkompetenz des modernen Lebens. Mittlerweile gibt es mehr Zahlen als Wörter auf der Welt. Viele Vorgänge in Technik, Produktion, Wissenschaft und Wirtschaft werden von lawinenartigen Zahlenströmen begleitet. Wir stehen an der Schwelle zu einer Zeit, in der man mit nicht-quantitativen - zum Beispiel sprachlichen - Kompetenzen und, sagen wir, der Mathematik bis zum achten Schuljahr schon den ganz normalen Alltag nicht mehr hinreichend gut bewältigen kann. Dafür ist unsere moderne Welt schlicht zu komplex.

Wir brauchen deshalb dringend ein höheres Niveau an quantitativer Bildung. Wir brauchen stärker ausgeprägte und weiter verbreitete Fähigkeiten, mit Zahlen, Funktionen, Statistiken umzugehen, Wahrscheinlichkeiten einzuschätzen, Daten zu analysieren, Chancen und Risiken zu bewerten. Nicht zuletzt müssen wir lernen, mit geringen Informationen und wenig Zeit gute Entscheidungen zu treffen. Kurzum: Wir brauchen mehr Mathematik-Sachverstand in der Gesellschaft. Leicht überspitzt: Wir brauchen in den Schulen mehr Gauß und weniger Goethe. Wir brauchen mehr Daten-Kompetenz und weniger Dativ-Kompetenz.

Mathematik muss ohne Fächergrenzen unterrichtet werden

Doch um Mathematik-Kompetenz zu vermitteln, ist kein Mathematikunterricht nötig. Der mit den Bildungsstandards beschrittene Weg hin zu einer stärkeren Orientierung an alltagsnahen Problemen muss sogar noch weiter gedacht werden. Bis zu dem Punkt, wo Fächergrenzen verschwinden.

Es geht um die Abschaffung des Schubladendenkens: Im Mathematikunterricht sollte nicht nur Mathematik, im Physikunterricht nicht nur Physik vermittelt werden. Statt voneinander abgegrenzter Fächer sollte es in der Oberstufe Themenbereiche geben. Es sollte fächerübergreifend und projektbezogen unterrichtet werden. Für realitätsbezogene Fragen sollte das Thema im Sinnzusammenhang der Beiträge mehrerer Disziplinen gesamtheitlich behandelt werden. Das Thema "Big Data" etwa erfordert substanzielle Beiträge aus Mathematik, Wirtschaft, Technik, Medizin, Ethik.

Durch diese Modularisierung wird für die weniger mathematik-affinen Schüler das Fach an ihre Lebenswelt herangeführt. Die stärker mathematik-interessierten Schüler können Themen-Module zusätzlich wählen, die sich mit mathematischen Spezial-Projekten befassen. In einer zunehmend globalisierten und vernetzten Welt ist es wichtig, interdisziplinäre Zusammenhänge zu erkennen. Fachliches Grundlagenwissen muss natürlich auch weiterhin vermittelt werden, aber im Kontext mit anderen Fächern. Es kann erwartet werden, dass diese Veränderungen die Lernmotivation vieler Schüler gerade auch im Hinblick auf mathematische Lerninhalte steigern wird.

Christian Hesse, 56, ist Professor für Mathematische Statistik an der Universität Stuttgart.

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