Unterricht am Nachmittag Ganztag? Bitte nur freiwillig

Lernen am Nachmittag könnte vor allem schwachen Schülern helfen. Warum gibt es trotzdem so wenig Ganztagsschulen? Es liegt auch an den Eltern.

Von Jan-Martin Wiarda

"Ich mag keine Vorträge halten": Grundschullehrer Moritz Uibel lässt vor allem die Kinder reden, wenn sie im Sitzkreis der Känguru-Lerngruppe versammelt sind.

(Foto: Jan-Martin Wiarda)

Es ist 14.30 Uhr, und Moritz Uibel beschließt, dass es Zeit ist für einen Tempowechsel. Gerade hat er mit seiner Lerngruppe, den Kängurus, im Kreis an der Tafel gesessen, auf Hockern und Turnbänken, wie sie das immer zu Beginn einer Stunde tun. Doch Silas* zappelte, Sarah pikste Ceyda in die Seite, und Luca redete, obwohl er das Redekänguru nicht in der Hand hielt. Also ruft Moritz Uibel: "Wir schreiben jetzt eine Runde Blitz!" 20 Dritt- und Viertklässler stürmen zu ihren Tischen, holen den Arbeitsbogen heraus, auf dem "Blitzschreiben" steht, darunter 20 Wörter aus dem Bremer Grundwortschatz. "Uhr" zum Beispiel, "lang" oder "geben". "Die Zeit läuft", sagt Moritz Uibel.

Ein Mittwochnachmittag im Bremer Stadtteil Buntentor: Während für die meisten Kinder in Deutschland die Schule längst vorbei ist, haben sie bei Herrn Uibel noch zwei Schulstunden vor sich. Bis 16 Uhr geht der Unterricht an der Ganztagsgrundschule Buntentorsteinweg, doch statt Gemecker breitet sich Schweigen aus, nur die Füller kratzen übers Papier.

Es gibt da diese Fotos auf der Schul-Webseite, jubelnde Kids in blauen und pinkfarbenen Shirts, auf denen "So geht Schule heute" steht. Mittendrin: Angela Merkel. Das war 2015, als die Bremer einen zweiten Platz beim Deutschen Schulpreis gewannen. Die Grundschule am Buntentorsteinweg versuche, bis in "jede einzelne Lerngruppe hinein" zu gewährleisten, "dass Kinder mit unterschiedlichen Eigenschaften, Startbedingungen und Potentialen gemischt werden", stand in der Laudatio der Deutschen Schulakademie.

Immer wieder sind es Ganztagsschulen, die die Preise für die besten Schulen abräumen, was auf den ersten Blick nur logisch erscheint - haben doch laut Kultusministerkonferenz inzwischen 70 Prozent der Schulen ein Ganztagsangebot. Noch 2005 galt das nur für 30 Prozent. Auf den zweiten Blick allerdings fällt auf, dass erstaunlich viele der in den Wettbewerben erfolgreichen Schulen eine zweite Gemeinsamkeit haben: Sie sind sogenannte gebundene Ganztagsschulen. Was bedeutet, dass sie an mindestens drei Nachmittagen in der Woche nicht nur freiwillige Betreuung und Beschäftigung in AGs anbieten, sondern auch verpflichtenden Unterricht.

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Mehr als Druckbetankung am Vormittag

Gerade mal 13 Prozent der Ganztagsgrundschulen sind so organisiert. Doch genau das seien die Schulen, sagen Erziehungswissenschaftler, an denen überdurchschnittlich häufig neue Unterrichtskonzepte entstünden. "Bei uns lernen die Schüler nicht nur, sie leben einen Großteil ihres Alltags bei uns", sagt Monika Triba, Schulleiterin am Buntentorsteinweg. "Das gibt uns Zeit für vieles, was sonst nicht ginge."

An Tribas Schule sind sie seit 2006 schrittweise zum gebundenen Betrieb übergegangen. Mit einem Konzept, das den beständigen Wechsel von Bewegung und Stillsitzen, von Unterricht, Spiel und Projektarbeit vorsieht, von morgens um acht bis nachmittags um 16 Uhr. Rhythmisierung nennen Pädagogen das und loben es als besonders kind- und lerngerecht - im Gegensatz zur in den meisten Schulen üblichen Druckbetankung am Vormittag.

Bei den Kängurus gehen derweil die ersten Hände hoch. "Fertig!", ruft Luca. Die Aufgabe beim "Blitz": die 20 Wörter auf dem Zettel so schnell es geht abschreiben, lesbar und ohne Fehler. In der Mitte steht Moritz Uibel, 52, schwarze Hose, schwarzes T-Shirt und schwarze Weste, Rocker-Kinnbart und ein Tattoo am Arm. "90 Sekunden", sagt er zu Luca. Er kontrolliert, lobt und korrigiert. Und sagt jedes Mal die Zeit an, wenn wieder jemand fertig ist.

So, wie Uibel nicht nach einem Durchschnittslehrer aussieht, so ungewöhnlich ist der aus zwei Zimmern und vielen Lernecken bestehende Klassenraum - mit dem Sitzkreis an der Tafel, der an ein Wohnzimmer erinnert. Und so wenig alltäglich ist der Unterricht, den sie am Buntentorsteinweg mit ihren 281 Schülern machen: Die Klassenstufen eins und zwei sowie drei und vier lernen jahrgangsübergreifend - wie die Kängurus von Herrn Uibel. Einen festen Einschulungstermin gibt es nicht, die Kinder können flexibel von der Kita in die erste Klasse überwechseln.