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FSJ:Freiwilligendienstler dürfen auch sportlich sein

Baden-Wuerttemberg Meisterschaften U23/U18; Walldorf, 19.09.2020 Neue deutsche Bestleistung durch Jolanda Kallabis (TG

Mit vollem Einsatz über die Hürden. Wer ein freiwilliges soziales Jahr der Fachrichtung Sport macht, hat häufig die Aufgabe, im Verein mit jungen Talenten zu trainieren, Termine zu koordinieren, sie zu Wettkämpfen und Auslandsspielen zu begleiten und am jeweiligen Ort zu betreuen.

(Foto: imago images/Beautiful Sports)

Wer ein freiwilliges soziale Jahr macht, hilft in Pflegeheimen, Krankenhäusern und Kindergärten. Meistens. Doch FSJ'ler finden sich inzwischen auch in vielen anderen Bereichen - etwa in Sportvereinen.

Von Joachim Göres

Rund 2000 junge Leute machen derzeit ein freiwilliges soziales Jahr Sport in Deutschland. Sie leisten ihren einjährigen Dienst bei Vereinen wie dem TV Stammheim 1895, wo Freiwillige in erster Linie bei Kursen mit Kindern zwischen zwei und zehn Jahren eingesetzt sind. Andernorts arbeiten die FSJler auch mit Sportlern, die bereits volljährig sind. "Unsere Kindersportschule wird von Fachkräften geleitet, die vom FSJler beim Auf- und Abbau und dabei unterstützt werden, Kindern beim Ballspielen, Turnen und vielen anderen Aktivitäten die Lust am Bewegen zu vermitteln", sagt Alwin Oberkersch, Geschäftsführer des rund 1500 Mitglieder zählenden Stuttgarter Vereins. Seit 2014 arbeiten FSJler beim TV Stammheim mit, der auch Bewegungsangebote in Schulen und Kindergärten macht.

"Wir achten bei den Bewerbungen darauf, dass die jungen Leute gerne Sport treiben, kommunikativ und verlässlich sind, einen Zugang zu Kindern haben, sich durchsetzen können. Die FSJler sind bei uns nicht das fünfte Rad am Wagen, sondern sie übernehmen Verantwortung", sagt Oberkersch. Er ist mit ihnen sehr zufrieden: "Zu 95 Prozent haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht. Sie haben alle vor dem FSJ schon in Vereinen Sport getrieben, sind motiviert und wachsen mit ihren Aufgaben. Nicht wenige studieren danach Sport, einige sind inzwischen bei uns Übungsleiter."

Beim TV Stammheim trainieren die FSJler keine Mannschaften - das ist in vielen Vereinen anders. Der 18-jährige Fabian Witt spielt seit seiner Kindheit Tischtennis im niedersächsischen VfL Westercelle und trainierte schon als Jugendlicher Kinder. Es lag also nahe, dass Witt bei der Entscheidung für ein freiwilliges soziales Jahr den Akzent auf Sport setzen würde: "Ich bin gefragt worden, ob ich Lust auf ein FSJ Sport im Verein hätte. Nach dem Abitur wollte ich nicht direkt studieren, deswegen habe ich das Angebot gerne angenommen", erzählt der junge Mann, der das freiwillige soziale Jahr vor Kurzem abgeschlossen hat. Zweimal die Woche leitete er während dieser Zeit an Schulen Tischtennis-AGs, er trainierte Kinder- und Jugendmannschaften der Tischtennisabteilung des VfL Westercelle und betreute sie auch bei Spielen am Wochenende.

Bei einem Besuch an Ort und Stelle zeigte sich, dass Witt es versteht, andere zu motivieren: "Den Aufschlag musst du etwas kürzer spielen, sonst weiter so", gibt er dem zwölfjährigen Enno in einer Auszeit bei der Begegnung der Spielgemeinschaft Celle/Westercelle gegen den TSV Bierden mit auf den Weg. "Du hast doch gut angefangen, da musst du einfach weitermachen", muntert er Maria auf, die gerade einen Satz verloren hat. "Vorne bleiben", ruft er Frederik zu. Vor dem Match stimmt er Bennet auf seinen nächsten Gegner ein. Es wird immer an zwei Platten gleichzeitig gespielt, die Witt beobachtet, um in den Spielpausen gezielt Tipps zu geben. "Wenn ein Gegenspieler eine extrem gute Vorhand hat, dann empfehle ich, mehr auf die Rückhand zu spielen. In diesem Alter registrieren die Spieler die Stärken und Schwächen des anderen oft noch nicht richtig", erläutert der junge Trainer, dem es Spaß macht, Spieler je nach Typ individuell zu fördern. Während der Ligasaison von September bis April verbrachte er manches Wochenende in Sporthallen, hinzu kamen bei Auswärtsspielen Fahrten mit Entfernungen von bis zu 200 Kilometern.

"In der Saison hatte ich wenige komplett freie Tage und oft dann zu tun, wenn Freunde frei hatten", sagt Witt. Als Mannschaftsverantwortlicher sprach er die Termine der Spiele mit den anderen Vereinen ab, organisierte Fahrgelegenheiten zu den Auswärtsspielen, kümmerte sich bei Turnieren um die Verpflegung, musste kurzfristig Ersatzspieler auftreiben, wenn jemand aus dem Team krank wurde. "Das ist schon eine große Verantwortung", sagt Witt, doch er habe das gern gemacht. "Durch das Organisieren bin ich selbständiger geworden." Bereits während des FSJ wusste er, was er danach studieren will - Informatik. Witt vertrat als Landessprecher die Interessen der anderen FSJler, die ihr FSJ Sport in Niedersachsen machen. Zwei Dinge liegen ihm am Herzen: Die Dienstzeit sollte sich künftig stärker auf die Wartezeit für einen Studienplatz auswirken - wer bei der Bundeswehr ein Jahr seinen Dienst leistet, bekommt im Vergleich mit dem FSJ Sport eine doppelt so lange Wartezeit angerechnet. Und angesichts des geringen Verdienstes wären mehr Vergünstigungen zum Beispiel im öffentlichen Nahverkehr dringend nötig.

Laut Janina Bäder, Koordinatorin für Jugendarbeit im Sport bei der Baden-Württembergischen Sportjugend im Landessportverband Baden-Württemberg, gehen die Bewerberzahlen für das FSJ seit zwei Jahren etwas zurück. "Aber der Freiwilligendienst im Sport ist dennoch sehr gefragt. Wir können die Stellen in unserem Bundesland in der Regel besetzen", sagt Bäder. Derzeit gibt es in Baden-Württemberg 240 Plätze für das FSJ Sport. Dabei werden die FSJler überwiegend in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen eingesetzt, zudem erledigen sie in den Geschäftsstellen der Vereine Büroarbeiten. Außerdem bestehen 175 Plätze für ein FSJ Sport und Schule - dabei arbeiten die Freiwilligen überwiegend in einer Schule.

Neben 26 Tagen Urlaub bekommen die FSJler 25 Bildungstage, an denen sie eine Übungsleiterlizenz erwerben oder eine Erste-Hilfe-Ausbildung machen können. 300 Euro gibt es bei einer 38,5-Stunden-Woche im Monat - die meisten FSJler wohnen deshalb noch bei ihren Eltern. Die Bewerber müssen zwischen 16 und 26 Jahren alt sein. 80 Prozent haben das Abitur und machen das FSJ Sport meist direkt nach Schulabschluss als Orientierung, weil sie noch nicht wissen, wie es weitergehen soll. 15 Prozent brechen es nach Schätzung von Bäder vorzeitig ab. Ihre Empfehlung: "Man sollte sich bis spätestens Mitte Mai bewerben. Je früher man das tut, desto eher kann man mit einer Stelle rechnen."

Die Deutsche Sportjugend im Deutschen Olympischen Sportbund liefert unter www.freiwilligendienste-im-sport.de Informationen zum FSJ Sport und Einsatzstellen in den Bundesländern. Das FSJ Sport beginnt in der Regel im September, doch sollte man sich schon ein Jahr im Voraus damit befassen, welche Art von Freiwilligendienst im Sport einem am meisten zusagt. In diesem September haben fast 4000 junge Menschen in Deutschland ein FSJ Sport begonnen. Bei den Einsatzstellen müssen sich Interessenten direkt bewerben. Allerdings bringt die Pandemie, je nach individuellem Einsatzort, Einschränkungen beim FSJ Sport mit sich. Unter www.freiwillige-helfen-jetzt.de können junge Leute, die bereits eine FSJ-Stelle haben, nach Alternativen schauen, falls wegen Corona in ihrer Einsatzstelle derzeit nichts oder wenig zu tun ist.

© SZ vom 16.10.2020/berk
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