Freiwilliges Engagement:Ich bin dann mal Bufdi

Lesezeit: 4 min

Freiwilliges Ökologisches Jahr

Schafe füttern im Freiwilligen Ökologischen Jahr: Wer sich engagieren möchte, kann dies auch im Tiergarten in Nürnberg tun.

(Foto: dpa)

Bei der Schoah-Gedenkstätte in Paris oder am Stadttheater Bremen: Noch nie haben sich so viele Menschen in Deutschland freiwillig engagiert wie heute. Mancher erlebt bewegende Momente, verabschiedet sich von einem Berufswunsch oder findet die große Liebe. Fünf Helfer berichten von ihren Erfahrungen.

Von Mareike Nieberding

Mückenfangen an der Wesermarsch oder für die namibische Unesco-Kommission in Windhoek Protokolle schreiben: Jedes Jahr verlassen Tausende Deutsche ihr Zuhause, um zu helfen. Manche überqueren nur die Dorfgrenze. Andere zieht es bis in die Subsahara. In diesem Jahr sind es so viele wie nie zuvor: Momentan helfen 85.000 Deutsche freiwillig. Ohne Zwang und ohne Einberufungsbescheid.

1953, als die Idee zu den Hilfsdiensten in der evangelischen Kirche entstand, waren nur Frauen vorgesehen. Unter dem Slogan "Gib ein Jahr" wurden sie aufgerufen, ihren Beruf zu knicken, um "ein Jahr für die Diakonie" zu wagen. Viele Jahre konnten dann nur Männer und Frauen zwischen 18 und 27 Jahren ran. Es gab ja noch die Zivis. Seit Einführung des Bundesfreiwilligendienstes dürfen alle helfen. Die Bufdis sollten schließlich die entstandenen Löcher in den sozialen Einrichtungen stopfen. Aber nur die kleinen Löcher: die Bundesregierung schuf 35.000 Stellen. Das ist nicht mal die Hälfte der Zivildienstleistenden im Jahr 2010.

Bufdi oder Freiwilliger werden, ist nicht schwer. Die Unterschiede zwischen den Diensten sind marginal: Die Einsatzstellen sind oft dieselben, das Taschengeld beträgt nicht mehr als 348 Euro. Sowohl als Bufdi als auch als Freiwilliger, egal ob in Deutschland oder im Ausland, ist man gesetzlich krankenversichert. Der Bundesfreiwilligendienst kann monatlich begonnen werden und dauert zwischen sechs und 18 Monaten. Das freiwillige Jahr startet immer im August oder September und endet in der Regel nach zwölf Monaten.

Helfen kann man überall. Nicht nur in Krankenhäusern und Schulen im freiwilligen sozialen Jahr. Sondern auch in der Denkmalpflege oder im Theater im freiwilligen kulturellen Jahr. Wer sich und andere gern bewegt, macht ein freiwilliges Jahr im Sport. Und im freiwilligen ökologischen Jahr gibt's nicht nur Schweinefüttern auf dem Bio-Hof, sondern auch Laborexperimente in der Wasserwirtschaft. Im Reisemonat September haben wir fünf Freiwillige erzählen lassen, wie sie das Jahr erlebt haben und was sie sich erhoffen.

Hannah, 19, Internationaler Friedensdienst

"Ich wollte nicht einfach in einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme landen, sondern etwas tun, was bleibt. So habe ich mein FSJ in der Schoah-Gedenkstätte in Paris verbracht. Auch wenn meine Generation keine Schuld mehr trägt, denke ich, dass es wichtig ist, Verantwortung zu übernehmen.

Ich habe im Dokumentationszentrum gearbeitet - sammeln, sichten, archivieren. Das war oft langweilig. Ich musste mir immer wieder sagen: Das ist wichtig. Halt durch. Einmal die Woche gab es eine Sprechstunde, in die Holocaust-Überlebende kommen konnten, um ihre Geschichte zu erzählen. Das war sehr beeindruckend und nicht immer leicht.

Einmal kam eine ältere Frau mit ihrem 16-jährigen Enkel. Sie hatte ihr ganzes Leben geschwiegen - bis ihr Enkel sie überzeugen konnte, zu uns zu kommen. Da saßen sie nun, mir gegenüber, die Oma den Tränen nahe und ihr Enkel so unendlich stolz auf sie. Das werde ich so schnell nicht vergessen."

Freiwilliges Engagement: Hannah Arnu, 19, hat in einem Vorort von München Abitur gemacht und danach ein Jahr als Freiwillige in der Schoah-Gedenkstätte in Paris verbracht. Nun beginnt sie ein Psychologie-Studium in Leipzig. Jetzt muss sie erst mal umziehen.

Hannah Arnu, 19, hat in einem Vorort von München Abitur gemacht und danach ein Jahr als Freiwillige in der Schoah-Gedenkstätte in Paris verbracht. Nun beginnt sie ein Psychologie-Studium in Leipzig. Jetzt muss sie erst mal umziehen.

(Foto: Privat)

Carolin, 20, freiwilliges kulturelles Jahr

"Nach der Schule wollte ich erst mal weg vom Schreibtisch. Ich wollte richtig arbeiten, und zwar in meinem Traumberuf, als Dramaturgin am Theater. Während meiner Schulzeit habe ich selbst Musical und Theater gespielt. Unsere Lehrer haben uns immer ermutigt, dass Jobs in der Kulturbranche ebenso 'normal' seien wie ein Job als Lehrer, Arzt oder Anwalt.

Das freiwillige Jahr in der Kultur sollte meine Berufswahl stützen. Ich habe Bestätigung gesucht - und fand das Gegenteil. In meinem Jahr am Stadttheater Bremen wechselte der Intendant. Alle wurden gefeuert. Der neue Intendant brachte seine eigenen Leute mit - neue Dramaturgen, neue Schauspieler. Meine Kollegen kannten das schon.Theaterleute bekommen immer nur Jahresverträge und müssen dauernd umziehen. Das wollte ich nicht.

Jetzt mache ich eine Ausbildung zur Fotografin. Spaß gemacht hat das Jahr trotzdem: vor allem die Premieren-Partys. Schließlich kannte ich alle Schauspieler von den Proben. Das war schon sehr cool."

Freiwilliges Engagement: Carolin Schewe, 20, kommt aus dem niedersächsischen Dinklage. Nach dem Jahr am Bremer Stadttheater war klar, dass ihr die Branche gefällt, aber der Job nicht. Mittlerweile macht sie in Münster eine Ausbildung zur Fotografin.

Carolin Schewe, 20, kommt aus dem niedersächsischen Dinklage. Nach dem Jahr am Bremer Stadttheater war klar, dass ihr die Branche gefällt, aber der Job nicht. Mittlerweile macht sie in Münster eine Ausbildung zur Fotografin.

(Foto: Privat)
Zur SZ-Startseite