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Studium speziale: Informatik für Frauen:"Über einen Mann im Kurs mussten wir erst abstimmen"

(Foto: Illustration Jessy Asmus)

"Ein Frauenstudium? Ist das wirklich nötig?" Nadine Knoke war erst skeptisch, als sie sich in Bremen für Informatik einschrieb. Hier erzählt sie von einem Studium ohne Männer.

Protokoll von Bernd Kramer

Nadine Knoke studiert im Internationalen Frauenstudiengang Informatik an der Hochschule Bremen.

Wie ich zu dem Studium kam: "Ich habe 13 Jahre als Ergotherapeutin und in der Pflege gearbeitet, in einem Feld mit einem extrem hohen Frauenanteil also. Aber das war ich nicht. Ich war einfach nicht glücklich in diesem Job. Mit Mitte 30 habe ich gekündigt und beschlossen, mit etwas ganz Neuem anzufangen. In dem Alter trifft man so eine Entscheidung sehr viel überlegter als nach dem Abitur. Ich habe mich informiert und bin zur Studienberatung gegangen. Ich wollte etwas anfangen, womit ich auch mit 40 noch gute Einstiegschancen auf dem Arbeitsmarkt habe. Es war schnell klar, dass es etwas Technisches sein müsste. Als ich von diesem Angebot hörte, war ich zuerst skeptisch. Ein Frauenstudium? Ist das wirklich nötig? Ich war zeitweise zwar auf einem Mädchengymnasium, aber nur, weil die Schule einen gute Ruf hat. Ich hatte nie ein Problem, mit Männern zusammenzuarbeiten. Mit der Zeit wurde mir aber klar, dass es für mich als absolute Technikeinsteigerin schwer geworden wäre in einem so männerdominierten Fach: Unter 100 technikerfahrenen Jungs wäre ich untergegangen. Es hätte mich eingeschüchtert, wenn die Männer mit ihren Programmierkenntnissen vorpreschen. Ich war am Anfang noch nicht so selbstbewusst und deswegen dankbar für den geschützten Rahmen."

Nadine Knoke

Nadine Knoke studiert Informatik in Bremen.

(Foto: Fotostudio Querformat Jasmin Lin; privat)

Und die Männer? "Wir hatten einmal einen Kurs zu Mensch-Computer-Systeme. Etwa 20 Studentinnen - und plötzlich saß ein männlicher Student mit uns im Raum. Er hatte die Professorin gefragt, ob er an der Veranstaltung teilnehmen dürfe, weil sie in seinem Informatikstudium nicht angeboten wurde. Über einen Mann im Kurs mussten wir erst abstimmen, per Handzeichen. Das Ergebnis fiel einstimmig aus: Er durfte bleiben. Wirklich unter uns sind wir Frauen ohnehin nur in den ersten drei Semestern. Ab dem vierten haben wir Veranstaltungen mit allen anderen."

Das sagen andere über das Fach: "Ich habe ein paar männliche Informatiker in meinem Umfeld. Die belächeln das leider eher. Einmal habe ich mich über eine Lehrveranstaltung geärgert, die ich nicht gut fand. Da hieß es: Kein Wunder, ist ja auch das Frauenstudium. Manche halten uns für Informatikerinnen zweiter Klasse. Dass wir das nicht sind, habe ich spätestens im Auslandssemester in Groningen gemerkt: Von 40 Studenten aus elf Ländern waren nur sechs Frauen. Und trotzdem war ich unter den Besten. Das hat mir Selbstbewusstsein gegeben."

Das größte Aha-Erlebnis: "Wie viel Spaß das Programmieren macht. Ich saß mehrmals bis in die Nacht am Laptop, habe Musik gehört und an Webseiten gebastelt. Man sieht gleich, was da entsteht - das ist richtig toll. Inzwischen kann ich zwar gut programmieren und mache es gern, aber ich warte noch auf den Moment, von dem alle erzählen: Irgendwann beginnt man, in Quellcode zu denken, es geht einem in Fleisch und Blut über. Wie Autofahren. Oder wie eine Fremdsprache. So stelle ich es mir jedenfalls vor. Richtig beschreiben kann das niemand, aber alle sagen, irgendwann hätte es plötzlich geklickt."

© SZ.de/edi
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