Forschung und Öffentlichkeit Auf keinen Fall Fachchinesisch

Einblicke hat sich Dieter Willbold verschafft, Physikalischer Biologie an der Uni Düsseldorf und am Forschungszentrum Jülich. Sein aktuelles Gebiet ist die Alzheimertherapie, Willbold ist durchaus ein gefragter Mann. Es geht weniger um Details der "mobilen Aggregate von Proteinen" - sondern um das, was etwa bei Mäuseversuchen beobachtet wird. "Ich bin mit meinen bisherigen Auftritten und Interviews nicht total unzufrieden gewesen, habe aber gemerkt: Es gibt ein Handwerkszeug, das man lernen und trainieren kann", sagt Willbold. Nämlich: "Verständlich erklären, an Fragen anknüpfen, sich kurz halten, nicht alles in die erste Antwort packen." Trainiert hat er das bei einem Kurs, gebucht über den Professorenverband. Mit Feedback des Kursleiters, einem Journalisten, und der anderen Teilnehmer. Ehrliches Feedback, wohlgemerkt. "Sonst wird man immer ja eher nur gelobt als Wissenschaftler", sagt Willbold und lacht. Sonst spricht er angenehm sachlich, man hört ihm sehr gerne zu. Vielleicht schon ein Lerneffekt.

Und wie sieht er die Debatte über eine zu intensive Medienarbeit? Willbold argumentiert damit, dass die öffentliche Hand viel Geld für Wissenschaft ausgebe; und dass gewisse Dinge zwingend publik werden müssten. "Erklären und werben schließen sich dabei nicht aus", sagt er. Als Wissenschaftler wolle man "immer alles so exakt formulieren, dass es eben exakt richtig ist. In der Öffentlichkeitsarbeit braucht es da auch mal Kompromisse. Wichtig ist mir aber: nichts aufbauschen." Das sei in seinem Metier "eine Gratwanderung, man könnte hier zum Beispiel bei Patienten schnell falsche Hoffnungen wecken".

Erst Lehr-, dann Animationsfilm

"Ich muss nie überlegen, was ich gleich im Radio erkläre", erzählt Bienenforscher Tautz, er läuft vorbei an einem Kino-Plakat: "Bee Movie - Das Honigkomplott", ein US-Animationsfilm, Hauptrolle Barry B. Benson als männliche Arbeitsbiene. "Fachlich ist das natürlich falsch", sagt Tautz, "Arbeitsbienen sind weiblich." Also drehte Tautz 2008 seinen eigenen Film: drei Minuten, in denen ein paar Dinge richtiggestellt wurden. Als "Bee Movie" 2008 in die Kinos kam, flimmerte in Tausenden Kinos zuerst der Lehrfilm über die Leinwand. Wenn es um seine Bienen geht, ist Tautz überall. Sogar zwischen Popcorn und Kinosesseln.

Das Erklären, das Rechtfertigen, es hat ihm niemand vorgeschrieben, es ist in seinem Fall weniger ein Produkt universitärer Zwänge - es ist mit seiner Biografie zu erklären. Tautz machte einst als Erster in seiner Familie Abitur. Als er sein Studium begann, Biologie in Darmstadt, begannen die Fragen daheim. "Auf keinen Fall", erzählt Tautz, "durfte ich Fachchinesisch reden." Damit hätte er es getötet, das Interesse der Familie. Also begann der junge Mann mit dem Erklären: Wie machen Leuchtkäfer Licht ohne Strom? Wieso fallen Fliegen nicht von der Decke? Montag bis Samstag forschte er im Labor. Am Sonntag "übersetzte" er das. Vier Jahrzehnte später forscht er noch immer. Und erklärt.

Gegen den Hype

Einerseits sei es ja zu begrüßen, dass die Wissenschaft bei einem Massenpublikum erhöhte Aufmerksamkeit für ihre Funktion in der Gesellschaft erfährt: "Mit zum Teil großem Enthusiasmus wenden sich heute einzelne Forscher oder ganze Institutionen gezielt auch an Laien." Andererseits beginne sich zu zeigen, dass die Entwicklung "zu Problemen der internen Qualitätssicherung und damit der Glaubwürdigkeit führen kann". Den Konflikt sehen die Autoren der deutschen Wissenschaftsakademien in ihren Empfehlungen zum Thema. Da wird empfohlen, dass die Wissenschaftsorganisationen ein Qualitätssigel "für vertrauenswürdige Wissenschaftskommunikation" einführen. So soll eine "nicht durch Daten beziehungsweise Evidenzen gedeckte Übertreibung von Forschungsergebnissen (Hype)" als Verstoß gegen gute wissenschaftliche Praxis gelten und sanktioniert werden. Unis müssten interne Kriterien so gestalten, "dass sie nicht ein den Grundsätzen wahrhaftiger Kommunikation widersprechendes Verhalten nahelegen und belohnen." Das heißt: Nicht der Lehrstuhl, der am lautesten und womöglich ohne Grund trommelt, soll innerhalb der Uni am meisten Geld abbekommen. Als Grund für die "Konkurrenz um Aufmerksamkeit" sehen die Autoren die maue Finanzierung der Unis, hier sei die Politik gefragt. Den Medien wird etwa geraten, einen Wissenschaftspresserat zu gründen. Nach dem Vorbild des Deutschen Presserats wäre dies ein Gremium, das Beschwerden über unfaire Berichterstattung beurteilt, Richtlinien erarbeitet und "eklatante Fehlleistungen" rügt. SZ

www.leopoldina.org/de/publikationen

Natürlich könnte man sagen: Tautz hat es leicht, die Menschen mögen Bienen. Bei Nacktmullen wäre das schwieriger. Aber auch die Honigbiene ist kompliziert, Zuhörer schalten bekanntlich schnell ab. Wer will wissen, dass Bienen zweidimensionale, codierte Schwingmuster erzeugen, die sie mit einer Frequenz von 300 Hertz auf die Wabenwände übertragen? Tautz ist es einfach wichtig, dass alle ihn verstehen: Der Greis, das Kind, der Student und die Hausfrau, wie es früher seine Mutter war.

Es obliegt wohl am Ende der Wissenschaft selbst, ihren Umgang mit der Öffentlichkeit zu definieren. Zwei Initiativen haben das jüngst getan: Unter Federführung der Leopoldina, der Nationalen Akademie der Wissenschaften, gab es "Empfehlungen vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen" (siehe Kasten oben). Und der "Siggener Kreis", in dem unter anderem die Hochschulrektorenkonferenz mitwirkt, hat Leitlinien für gute Kommunikation erarbeitet.

In dem Kreis engagiert sich der Verband von Julia Wandt. "Natürlich arbeiten Hochschulsprecher für ihre Einrichtung, natürlich wollen sie die Erfolge bestmöglich dargestellt wissen; aber es muss wahrhaftig und glaubwürdig sein", sagt sie. Übertourte Medienarbeit würden schon die Wissenschaftler auf gar keinen Fall mit sich machen lassen - "sie sind die Hauptakteure und haben das Heft in der Hand."

Uni-Städte in Deutschland