Forschung und Öffentlichkeit Zum Dialog gezwungen

"Image statt Inhalt?" - unter dem Motto haben sich vor wenigen Monaten auf Einladung der Volkswagen-Stiftung Forscher, Uni-Verwalter, Politiker und Journalisten in Hannover an einer Bestandsaufnahme versucht. Tenor: Ja, raus aus dem Elfenbeinturm. Wie es Niedersachsens Wissenschaftsministerin Gabriele Heinen-Kljajić sagte: Forscher müssten "das Handwerk der Reduktion" verstehen. Vor allem stach aber der Beitrag der Medienwissenschaftler Frank Marcinkowski (Uni Münster) und Matthias Kohring (Uni Mannheim) hervor. "Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass der wissenschaftliche Erkenntnisprozess dadurch befördert würde, dass möglichst viele zugucken", lautet ihre These.

In Systemen wie Universitäten, die nun mal finanziert werden müssen, fühlten sich Forscher jedoch zu diesem Dialog gezwungen: "In der Aufmerksamkeitsindustrie gilt es jetzt schon als Makel, nicht zu kommunizieren und Öffentlichkeit nicht für ein Allheilmittel zu halten. Wer gegen Öffentlichkeit ist, macht sich verdächtig und gilt als zurückgeblieben." Die Gefahr dabei, so die beiden Medienforscher: Öffentliche Aufmerksamkeit werde zur "Leitwährung der Wissenschaft" - Themen könnten mit einer Schere im Kopf ausgewählt, Hypothesen umformuliert werden.

Die beiden haben auch ermittelt, dass zwei Drittel der Pressestellen in jüngster Vergangenheit aufgestockt wurden, beim Personal wie beim Budget. Knapp 2000 Befragte, die 265 Hochschulen repräsentieren, füllten Fragebögen aus. Wie viele Menschen aber bundesweit an der öffentlichen Vermittlung von Wissenschaft arbeiten, wie hoch die Etats aller Hochschulen und Institute sind - diese Zahlen gibt es nicht.

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Mit 43 hat Sören Philipps "den Lebensstandard eines Studenten". Gezwungenermaßen. Wie er arbeiten an deutschen Unis Tausende Wissenschaftler in unsicheren Verträgen - und zu einem Verdienst knapp über dem Mindestlohn.   Von Roland Preuß

Julia Wandt hätte diese Daten gern. Sie leitet die Abteilung Kommunikation und Marketing an der Universität Konstanz, zudem ist sie Vorsitzende des Bundesverbands Hochschulkommunikation, in dem die Zunft organisiert ist. "Noch nie haben Hochschulen so breit und so professionell kommuniziert wie heute. Auch bei den beteiligten Personen und Budgets kann man von diesem Trend ausgehen", sagt Wandt. Allerdings: Keine bundesweiten Daten.

Den Trend zum Wachstum sieht sie aber: "Hochschulen benötigen nicht mehr oder weniger Marketing als Unternehmen oder andere Einrichtungen." Wo Wettbewerb sei, gebe es auch Marketing - "und Wettbewerb findet eindeutig statt, um die besten Wissenschaftler, um Studenten, um Kooperationspartner. Gerade die von der Politik aufgelegten Förderprogramme, vor allem die Exzellenzinitiative, sind nach dem Wettbewerbsprinzip ausgelegt." Hier spielten, so Wandt, nicht nur Kreativität und Relevanz von Forschungsleistungen eine Rolle, sondern eben auch die öffentliche Wahrnehmung der Leistungen. "Wenn man erfolgreich ist, als ganze Einrichtung oder in einem Bereich, muss und kann man das nutzen." Andererseits verpflichte das umso stärker, professionell zu kommunizieren: "Erfüllt man die Punkte, die versprochen wurden, wie setzt man die Gelder der öffentlichen Förderung genau ein?"

Der bestens vernetzte Bienenforscher Jürgen Tautz aus Würzburg.

(Foto: Vollmuth)

Die Umstände scheinen tatsächlich das Sprechen der Wissenschaftler zu fördern. Trotz der vielen Defizite im System, zum Beispiel bei den prekären Verträgen junger Forscher: Hochschulen und Forschung erhalten so viel Geld wie nie. Bund und Länder haben laut Statistischem Bundesamt zuletzt fast 80 Milliarden Euro im Jahr ausgegeben. Hinzu kommt, dass an manchen Hochschulen schon die Hälfte des Etats nicht mehr aus der regulären Finanzierung stammt - sondern aus "Drittmitteln" vom Staat und aus der Wirtschaft, über Anträge für Projekte, über Wettbewerbe.

Dadurch entsteht ebenfalls der Zwang, möglichst attraktiv zu wirken. In Anträgen müssen Wissenschaftler meist schildern, wie sie denn Ergebnisse ihres Projekts öffentlich darzustellen gedenken. Wandt sagt: "Die große Mehrheit versteht, dass sie erklären müssen - und tun es auch gerne." Ihre Kollegen und sie unterstützten dabei: So wisse nicht jeder Professor, dass Journalisten nicht Monate wie bei einem wissenschaftlichen Text, sondern oft nur Stunden Zeit für eine Recherche hätten.