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Forschung:Der Sprungmeister

Laguna de la Vera, Gründungsdirektor der Agentur für Sprunginnovation, und Bundesbildungsministerium Anja Karliczek.

Kreativer, schneller, riskanter: Forschungsministerin Anja Karliczek will, dass aus Deutschland revolutionäre Technik kommt. Deshalb baut Rafael Laguna eine Agentur auf, die Erfindern auf die Sprünge helfen soll.

(Foto: Hans-Joachim Rickel)

Deutschlands Wirtschaft braucht bahnbrechende Neuerungen. Rafael Laguna soll sie finden. Vom Versuch, das Unplanbare zu planen.

Von Jan-Martin Wiarda

Seine Mission: Individualisten und Querköpfe finden, die durchs Land ziehen, um nach weiteren Querköpfen zu suchen. Nach Tüftlern und Forschern mit der einen großen Idee, für deren Realisierung ihnen keiner Geld geben will. Das Geld wird Rafael Laguna de la Vera ihnen geben. Viel Geld. Auch wenn neun von zehn Projekten scheitern sollten.

Laguna, schmal, kahlköpfig, sitzt im "St. Oberholz" am Rosenthaler Platz, vor sich ein silbergrauer Laptop, vertieft, unauffällig. Das ist also der Mann, der Deutschland den Glauben an sich selbst wiedergeben soll. Einer unter Dutzenden in dem Café, das Die Zeit mal als "deutsches Hauptquartier der digitalen Boheme" bezeichnet hat. Er kommt gern her, sagt Laguna. Auch wenn er das Sauerland der Stadt Berlin immer vorziehen würde.

Seit Dezember ist der 56-jährige Software-Unternehmer Direktor der Agentur für Sprunginnovationen. Von der es lange nur den Namen gab und ein von PR-Leuten erdachtes Akronym: "SprinD". Das passt gut. Schnell soll es jetzt gehen. Weil viel zu lange fast gar nichts passiert ist.

Die deutsche Wirtschaft ist stark, aber umwälzende Neuerungen schaffen meist die anderen. Während Mercedes, BMW und VW mangels Batterien ihre Elektroautoproduktion herunterschrauben müssen, plant Tesla eine Riesenfabrik vor den Toren Berlins. Deutschlands größter Software-Konzern SAP erreicht gerade mal ein Fünftel des Umsatzes von Microsoft, und Apple ist an den Börsen neuerdings mehr wert als alle DAX-Unternehmen zusammen. Dabei verdankt der kalifornische IT-Produzent seinen Wiederaufstieg vor gut 20 Jahren auch einer deutschen Innovation: dem Musikstandard MP3, entstanden in einem Fraunhofer Institut. MP3 war ein Wegbereiter für iPod, iPhone und Co. Mit den neuen Geräten entmachteten Apple und nachfolgende Konzerne die traditionelle Musikindustrie und fegten Handyhersteller wie Nokia vom Markt.

So funktionieren Sprunginnovationen: Wer Erfindungen in Geschäftsmodelle ummünzt, kann die Regeln für den Wettbewerb neu schreiben. Deutschlands Problem: Die Regeln schreiben seit Jahren andere. Das Land der Ingenieure ist so bemüht, das, was es gut macht, noch besser zu machen, dass es darüber verpasst, Produkte ganz neu und anders zu denken. Tesla, fürchten manche, könnte mit seinem meilenweiten Vorsprung in der Batterietechnik die traditionellen Autokonzerne bezwingen, wie Apple die Musikindustrie bezwungen hat. Genau das ist die Logik disruptiver Innovationen, weniger bedrohlich Sprunginnovationen genannt.

Bundeskanzlerin Angela Merkel gab 2017 persönlich den Auftrag, die Geburt der Agentur voranzutreiben. Sie soll den nächsten genialen Software-Code finden, die nächste revolutionäre Antriebstechnologie oder andere Geistesblitze, die irgendwo da draußen schon existieren, aber ohne viel Geld keine Chance haben. Eine eigens berufene Kommission aus Politikern, Wissenschaftlern und Managern hat schließlich Laguna als Direktor auserkoren.

Es lohnt sich, nicht immer auf die gleichen Leute und Ideen zu setzen, sagt Laguna

So ungewöhnlich SprinD als staatliche Behörde ist, so exotisch wirkt der Lebenslauf ihres Chefs. Als Laguna zehn Jahre alt war, durfte seine Familie aus der DDR in den Westen übersiedeln, weil sein Vater Spanier war. Es ging ins Sauerland, wo Laguna die Welt der Computer entdeckte. Seine erste Software-Firma gründete er mit 16. An der Uni hielt er es nur ein paar Tage aus, das Programmieren fand er spannender. Mit 20 übernahm er ein heruntergewirtschaftetes Kino, hatte schnell volles Haus. Dass alle paar Wochen ein Heizöllaster kam, erschien ihm wie ein randständiges Detail. Bis die Rechnung eintraf und er den Laden zumachen musste. Heute klingt er fast stolz, wenn er davon erzählt. Zu einer ordentlichen Unternehmerbiografie gehört eben auch das Scheitern.

Natürlich kann Laguna auch Erfolge vorweisen: Software-Firmengründungen und -verkäufe, Technologie-Investitionen, jeweils mit enormen Gewinnen. Und schließlich Open-Xchange, das im großen Stil für die Internetwirtschaft Open-Source-Software entwickelt und bis heute von Laguna geführt wird. Eines der seltenen IT-Wunder, die Deutschland vollbracht hat.

Wieso lässt sich so ein Unternehmer an die Spitze einer Behörde setzen, die mit 100 Millionen Euro Jahresbudget hinkriegen soll, was Konzerne wie VW nicht mit Milliarden schaffen? Und die überhaupt wirkt wie ein Widerspruch in sich: das Unplanbare planbar machen. Er wolle, sagt Laguna, Deutschlands Investoren mehr Mut zum Risiko machen. "Ich möchte ihnen mit der Agentur zeigen, dass es sich lohnt, nicht immer auf die gleichen Leute und Ideen zu setzen", sagt er. Doch ganz selbstlos ist seine Motivation vielleicht nicht, man hört, er habe sich bei Open-Xchange zuletzt gelangweilt. Bringt er die Agentur groß raus, strahlt das auch auf ihn ab.

Und wenn nicht? Wenn es statt wilder Sprünge nur auf brave Hüpfer hinausläuft und im veränderungsresistenten Deutschland jene recht behalten, die den Plan lieber ausbremsen? Die Bürokraten in den Ministerien; die Rechnungshofprüfer, die verhindern wollen, dass Exzentriker für irre Ideen Steuergelder verschleudern; die Skeptiker in den Wissenschaftsorganisationen und Hochschulen, denen die bloße Existenz der Agentur wie der Vorwurf vorkommen muss, dass sie selbst es nicht gebracht haben mit der Innovation.

Das ist die Stelle im Gespräch, an der Laguna von der Pressekonferenz erzählt, auf der Wissenschaftsministerin Anja Karliczek und Wirtschaftsminister Peter Altmaier ihn der Öffentlichkeit vorgestellt haben. An einem heißen Julitag stand er auf einer Tribüne, hörte zu, warum er so eine "exzellente Wahl" sei, und dachte: ganz schön mutig. Nicht weil er sich den Job nicht zutraute. Sondern weil sie ihn präsentierten, ohne vorher, wie in der Wirtschaft üblich, einen Vertrag mit ihm geschlossen zu haben. Ein halbes Jahr später im "St. Oberholz", mit einem Americano in der Hand, interessiert ihn an den Lobeshymnen der beiden CDU-Politiker vor allem dies: dass sie ihm nach so viel Zuspruch den Rücken freihalten müssen, wenn die Bürokraten an ihm zerren. "Und darum bin ich optimistisch, dass das klappen kann."

Einen Analogrechner will Bernd Ulmann bauen. Klein wie ein Chip statt groß wie ein Koffer

Bis zum Jahresende ist Laguna für die Agentur auf eigene Kosten durchs Land gereist, ohne Vertrag. Gegen den Druck, das Hauptquartier in Potsdam aufzubauen, stemmte er sich, unterstützt von Karliczek und Altmaier. Schon aus Prinzip, um sich von vornherein unbeugsam zu zeigen. Und vielleicht auch aus Angst, so nah an Berlin auch jenem System nah zu sein, das er verändern will. Aber auch die Zentrale von Open-Xchange steht daheim im Sauerland und nicht in einer Metropole - mit etwas Abstand lasse sich mancher Trend nüchterner analysieren, sagt Laguna. Nach einem Büro für SprinD sucht er jetzt in Leipzig, doch wirklich wichtig sei das nicht: Wer nach Neuem sucht, soll da sein können, wo es ihn hinzieht. Etwas anderes zählt. In den nächsten vier, fünf Jahren muss mindestens ein SprinD-Projekt richtig zünden. Wie einst MP3, nur eben in Deutschland.

Für dieses Ziel bahnt sich Laguna gerade den Weg. Der Mann, der nie richtig studiert hat, erobert Schritt für Schritt das Vertrauen von Wissenschaft und Politik. Er kann hochintelligent über Quantentechnologie oder Batterieforschung referieren oder auf dem CDU-Parteitag über "Digitalisierung und Wohlstand", und die Kanzlerin hört ihm 90 Minuten lang zu. Er hat Zugang zu Menschen, denen die Eliten sonst kaum begegnen, weil ihre Forschungsorganisationen und Konzerne sie gar nicht auf dem Plan hatten. Genau diese Leute sind es aber, die den Wandel bringen sollen.

Laguna geht seinen Weg nicht allein. Zunächst sucht er sich eine Handvoll Innovationsmanager. Typen wie Karl Schlagenhauf, 71, der sich "uralter Knacker" nennt, zweifach habilitiert, Start-up-Gründer in Serie, mit einem internationalen Netzwerk an Hightech-Unternehmern. Sein Hobby, sagt Schlagenhauf, seien "Leute, die etwas Ungewöhnliches machen wollen und an beiden Enden brennen". Solche Leute wolle er zur Sprunginnovation begleiten.

Einen haben Schlagenhauf und Laguna schon mal an der Leine. Der Bankenberater und FH-Professor Bernd Ulmann ist zu einem Jugendtraum zurückgekehrt: einen Analogrechner bauen, der schneller als jeder Digitalcomputer ist und nur ein Hundertstel der Energie schluckt. Vor fünf Jahren hat Ulmann sein Wohnzimmer zur Werkstatt gemacht, zwischen einem Lötofen und Mikroskopen stapeln sich die Bauteile, erzählt er. Nebenberuflich verkaufte Ulmann Analogrechner groß wie Rollkoffer, doch sein wahres Ziel ist, die Technik klein wie einen Chip zu machen. Es wäre ein beispielloser Sprung, der die Signalverarbeitung in Handys oder medizinischen Implantaten revolutionieren würde. "Das ist keine Spinnerei, sondern liegt im Bereich des Möglichen", sagt Ulmann. Mindestens ebenso wahrscheinlich ist allerdings, dass die Sache scheitert. Und teuer ist sie auf jeden Fall. Ein Albtraum für zaudernde Investoren. Ein Traum für Laguna und seine Agentur.

© SZ vom 24.02.2020

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