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Folgen der verkürzten Schulzeit:Die Politik soll sich auf das Wesentliche konzentrieren

Bei allen Meinungsumfragen der vergangenen Jahre und Monate haben sich deutschlandweit in den alten Bundesländern immer zwischen 65 und 80 Prozent der Bevölkerung gegen das G 8 ausgesprochen. Man wird zwar manchmal den Verdacht nicht los, dass die Schulzeitverkürzung inzwischen auch für Probleme verantwortlich gemacht wird, die damit nichts zu tun haben, Tatsache bleibt aber, dass das G 8 gerade in ländlichen Gebieten Eltern nicht selten veranlasst, ihre Kinder trotz gymnasialer Eignung auf andere Schularten zu schicken, weil sie die mit An- und Abfahrt überlangen Schultage fürchten. Auch Gymnasien in Nachbarschaft zu Gesamtschulen, welche nach wie vor ein Abitur nach neun Jahren anbieten können, klagen über Abwanderungsbewegungen.

Wenn heute Bundesländer wie Schleswig-Holstein, NRW, Baden-Württemberg und ganz aktuell Hessen beschlossen oder angekündigt haben, den Gymnasien eine Wahlfreiheit zwischen G 8 und G 9 einzuräumen, dann ist dies jenseits wahltaktischer Erwägungen nichts anderes als eine notwendige Korrektur und das späte Eingeständnis, dass es Schüler und Eltern gibt, die ein neunjähriges Gymnasium brauchen und wollen. Es geht wohlgemerkt nicht um den großen Rollback. An vielen Gymnasien hat man sich mit der Umstellung arrangiert, gute Vor-Ort-Lösungen gefunden. Die Schulen, an denen G 8 funktioniert, brauchen auch keine Angst vor dem Aufbrechen alter Debatten zu haben.

Es hat nichts mit Chaos und Unruhe zu tun, wenn Schulen die Möglichkeit eröffnet wird, mit passgenauen Konzepten nach gemeinsamen Voten von Eltern, Schülern und Lehrern neunjährige gymnasiale Bildungsgänge wieder anzubieten. Dass in der Politik jetzt teilweise genau diejenigen sich dagegen wehren und Kontinuität und Verlässlichkeit einfordern, die diese Verlässlichkeit durch übereilte Beschlüsse vor einem Jahrzehnt aufgekündigt und zerstört haben, gehört zur Ironie der Bildungsgeschichte.

Niemand muss befürchten, dass ein Nebeneinander von acht- und neunjährigen Gymnasien die bundesweite Mobilität weiter einschränken würde. Die Bildungsstandards, Lehrpläne und die Abituranforderungen müssen für beide Formen gleichermaßen gelten und dürfen sich nicht unterscheiden. Wie die Anmeldungen zu den G-8- und G-9-Bildungsgängen in Baden-Württemberg gezeigt haben, ist zudem die Sorge, es könnte ein Zweiklassensystem entstehen aus leistungsschwächeren neun- und leistungsstärkeren achtjährigen Gymnasien unbegründet. Eltern entscheiden sich für G 8 oder G 9 nicht vorrangig nach Maßgabe der Grundschulnoten.

Es ist höchste Zeit, durch eine Wahlmöglichkeit der Schulen selbst die lähmende Debatte um die Dauer der gymnasialen Schulzeit zu beenden. Stattdessen sollten sich Bildungspolitiker auf die eigentliche Herausforderung konzentrieren. Die lautet: Welche Inhalte und Kompetenzen muss ein modernes Gymnasium vermitteln?

Heinz-Peter Meidinger, 57, leitet das Robert-Koch-Gymnasium im bayerischen Deggendorf und ist Vorsitzender des Deutschen Philologenverbandes.