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Folgen der verkürzten Schulzeit:Setzen, Sechs!

Die Verkürzung der Schulzeit zum G 8 ist missraten. Jetzt ist es höchste Zeit, durch eine Wahlmöglichkeit der Schulen selbst die lähmende Debatte um die Dauer der Gymnasialzeit zu beenden. Eine Erkenntnis aber bleibt: Die Politik sollte sich aus solchen Projekten heraushalten.

Der massive Vertrauensverlust vieler Bürger in die Glaubwürdigkeit von Bildungspolitik hat in einer Reihe von Bundesländern vor allem eine Ursache: das vor knapp zehn Jahren in den alten Bundesländern gegen den Willen der Betroffenen und über die Köpfe der Fachleute hinweg überstürzt eingeführte achtjährige Gymnasium (G 8).

Es lohnt sich heute, noch einmal zu schauen, welche Gründe seinerzeit für die Notwendigkeit der gymnasialen Schulzeitverkürzung angeführt wurden: Steigerung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit, Haushaltseinsparungen durch weniger Lehrer und Schüler, Sicherung der Renten durch längere Berufsverweildauer, bessere Arbeitsmarktchancen jüngerer Schulabsolventen. Inzwischen klingen diese rein ökonomischen Argumente seltsam hohl und veraltet: Kaum jemand würde den gegenwärtigen wirtschaftlichen Aufschwung Deutschlands mit jüngeren Hochschulabsolventen in Verbindung bringen; ganz abgesehen davon, dass das "gewonnene Jahr" oftmals dazu genutzt wird, sich ein Auslandsjahr, eine Jobphase oder ganz einfach eine Auszeit zu gönnen. Die zeitliche Lücke zwischen Abitur und Studienbeginn hat im Verlauf der letzten Jahre zu- und nicht abgenommen.

Pädagogische Argumente für das G 8 fehlten seinerzeit gänzlich. Forsch formulierte die damalige Kultusministerin von Baden-Württemberg, Annette Schavan, man werde im achtjährigen Gymnasium mehr Abiturienten in kürzerer Zeit zu besseren Ergebnissen führen. Gleichzeitig wurde die Öffentlichkeit getäuscht: Am Unterrichtsvolumen werde nicht gerüttelt, behauptete etwa der damalige saarländische Ministerpräsident Peter Müller, der Stoff werde nur auf acht statt auf neun Jahre verteilt. In Wirklichkeit war die Einführung des achtjährigen Gymnasiums in allen Bundesländern mit massiven Stundenkürzungen verbunden. Allein in Bayern fielen bis zu 20 Jahreswochenstunden einfach weg, der Beginn einer unseligen Stoffverdichtung.

Die Hochschulreife in acht Jahren zu erreichen - das lässt sich organisieren, etwa mit Ganztagsschulen, wie es andere Länder vormachen. Das konnte oder wollte aber keine Landesregierung finanzieren. Das G 8 wurde eingeführt, ohne die dafür erforderlichen Finanz- und Personalmittel sowie die räumliche Ausstattung zur Verfügung zu stellen. An diesem Grundfehler leidet es bis heute.

Deutschland gehört heute zu den Ländern, die ihren Jugendlichen bis zum Abitur mit am wenigsten Unterricht bieten, nämlich rund 9500 Vollzeitstunden. Der internationale Durchschnitt liegt bei 11.000. Sicher: Quantität ist nicht gleich Qualität -, aber die Möglichkeiten, durch Kürzung von Unterrichtsinhalten, moderne Lehrmethoden und Konzentration auf das Wesentliche Unterrichtszeit einzusparen, sind sehr begrenzt.

Da hilft auch das Allheilmittel "Lehrplanentrümpelung" nicht weiter. Als Beispiele für Stoffüberfüllung werden häufig zu Unrecht Fächer wie Erdkunde, Biologie und Geschichte genannt, die nur einen kleinen Anteil an der Stundentafel haben, während in den Kernfächern wie Mathematik, Deutsch und den Fremdsprachen die Kürzungsmöglichkeiten gering sind. Soll man beispielsweise den Grundwortschatz halbieren oder in der Grammatik den Konjunktiv weglassen? Umgekehrt wird zunehmend das Fehlen von Übungs- und Wiederholungsphasen im achtjährigen Gymnasium beklagt.

Die Politik soll sich auf das Wesentliche konzentrieren

Bei allen Meinungsumfragen der vergangenen Jahre und Monate haben sich deutschlandweit in den alten Bundesländern immer zwischen 65 und 80 Prozent der Bevölkerung gegen das G 8 ausgesprochen. Man wird zwar manchmal den Verdacht nicht los, dass die Schulzeitverkürzung inzwischen auch für Probleme verantwortlich gemacht wird, die damit nichts zu tun haben, Tatsache bleibt aber, dass das G 8 gerade in ländlichen Gebieten Eltern nicht selten veranlasst, ihre Kinder trotz gymnasialer Eignung auf andere Schularten zu schicken, weil sie die mit An- und Abfahrt überlangen Schultage fürchten. Auch Gymnasien in Nachbarschaft zu Gesamtschulen, welche nach wie vor ein Abitur nach neun Jahren anbieten können, klagen über Abwanderungsbewegungen.

Wenn heute Bundesländer wie Schleswig-Holstein, NRW, Baden-Württemberg und ganz aktuell Hessen beschlossen oder angekündigt haben, den Gymnasien eine Wahlfreiheit zwischen G 8 und G 9 einzuräumen, dann ist dies jenseits wahltaktischer Erwägungen nichts anderes als eine notwendige Korrektur und das späte Eingeständnis, dass es Schüler und Eltern gibt, die ein neunjähriges Gymnasium brauchen und wollen. Es geht wohlgemerkt nicht um den großen Rollback. An vielen Gymnasien hat man sich mit der Umstellung arrangiert, gute Vor-Ort-Lösungen gefunden. Die Schulen, an denen G 8 funktioniert, brauchen auch keine Angst vor dem Aufbrechen alter Debatten zu haben.

Es hat nichts mit Chaos und Unruhe zu tun, wenn Schulen die Möglichkeit eröffnet wird, mit passgenauen Konzepten nach gemeinsamen Voten von Eltern, Schülern und Lehrern neunjährige gymnasiale Bildungsgänge wieder anzubieten. Dass in der Politik jetzt teilweise genau diejenigen sich dagegen wehren und Kontinuität und Verlässlichkeit einfordern, die diese Verlässlichkeit durch übereilte Beschlüsse vor einem Jahrzehnt aufgekündigt und zerstört haben, gehört zur Ironie der Bildungsgeschichte.

Niemand muss befürchten, dass ein Nebeneinander von acht- und neunjährigen Gymnasien die bundesweite Mobilität weiter einschränken würde. Die Bildungsstandards, Lehrpläne und die Abituranforderungen müssen für beide Formen gleichermaßen gelten und dürfen sich nicht unterscheiden. Wie die Anmeldungen zu den G-8- und G-9-Bildungsgängen in Baden-Württemberg gezeigt haben, ist zudem die Sorge, es könnte ein Zweiklassensystem entstehen aus leistungsschwächeren neun- und leistungsstärkeren achtjährigen Gymnasien unbegründet. Eltern entscheiden sich für G 8 oder G 9 nicht vorrangig nach Maßgabe der Grundschulnoten.

Es ist höchste Zeit, durch eine Wahlmöglichkeit der Schulen selbst die lähmende Debatte um die Dauer der gymnasialen Schulzeit zu beenden. Stattdessen sollten sich Bildungspolitiker auf die eigentliche Herausforderung konzentrieren. Die lautet: Welche Inhalte und Kompetenzen muss ein modernes Gymnasium vermitteln?

Heinz-Peter Meidinger, 57, leitet das Robert-Koch-Gymnasium im bayerischen Deggendorf und ist Vorsitzender des Deutschen Philologenverbandes.