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Fatale Mängel der Bologna-Reform:Mein Kommilitone, der Konkurrent

Jedoch: 480.000 Studienanfänger gibt es 2012 an den Hochschulen. Zum Vergleich: Vor 20 Jahren waren es noch 200.000 weniger. Gründe sind die doppelten Abiturjahrgänge in mehreren Ländern und der allgemeine Trend zum Studium. Es wird eng in den Hörsälen; und kritisch für die Haushalte der Hochschulen.

Viele Bachelor der vergangenen Jahrgänge pochen auf Masterplätze, der Hochschulpakt von Bund und Ländern ist in erster Linie für die Finanzierung der Studienanfänger konzipiert. Und in ein paar Jahren wollen wohl viele jetzige Erstsemester weitermachen - dann liegt laut KMK-Prognose die Anfängerzahl weiterhin über 450 000. Das Master-Problem, das jetzt Frust auslöst, droht ein Master-Desaster zu werden.

Die Humboldt-Universität Berlin musste 2010 aus Kostengründen manchen Studenten den Zugang zum Master im Lehramt Geschichte verwehren - eine Katastrophe, da der Bachelor-Lehrer im Schulsystem nicht vorgesehen ist. "Die Zulassung darf nicht auf Kosten der Studienqualität gehen, sonst ramponieren wir den Ruf der Universität", sagte Präsident Jan-Hendrik Olbertz damals.

In Heidelberg sollte aktuell nur jeder dritte Biotechnologie-Bachelor ein Master werden. Man sei nach sechs Semestern zwar "halbwegs mit Fakten gefüttert", in der Praxis aber sicher überfordert, sagt eine Betroffene. Zwischenzeitlich hatten die Abgelehnten gar vorgeschlagen, dass jeder 1000 Euro für die Uni-Kasse beisteuert. Nach Debatten mit dem Rektor wurde ein "Notfalltopf" bemüht, damit 20 Master übergangsweise für ein Jahr studieren können. Dann freilich, so heißt es, müsse unbedingt Geld vom Staat fließen.

Mehrere Bundesländer hatten zuletzt angekündigt, sich des Problems anzunehmen. "Aber nicht, weil wir glauben, dass ein gutes Studium in jedem Fall mit einem Master enden muss", sagt Baden-Württembergs grüne Wissenschaftsministerin Theresia Bauer. Der Master dürfe "nicht als Korrektur für ein vermeintlich defizitäres Bachelor-Studium herhalten". Die Opposition im Bundestag fordert einen "Hochschulpakt für Master-Plätze". Im Bundesbildungsministerium zeigt man sich grundsätzlich offen. Es sei denkbar, dass in der nächsten Phase des Hochschulpakts, die vom Jahr 2015 an läuft, die Finanzierung von Masterplätzen konkret berücksichtigt wird, heißt es. Das ist freilich Zukunftsmusik. Und es nützt jetzigen Bachelor ohne Masterplatz wenig. Sie stehen im Wettbewerb um knappe Kapazitäten.

Jeder Schnitzer rächt sich

Mein Kommilitone, der Konkurrent: Ist das also der neue Leitspruch in den Hörsälen? Für die Seminare bietet Bologna auf den ersten Blick Impulse. Ein junger Geschichtsdozent im Südwesten, dessen eigener Magister im alten System noch nicht lange her ist, sagt: "Wenn ich zu Beginn des Semesters sage, dass die Mitarbeit ein Drittel der Note ausmacht, sind permanent alle Finger oben." Früher sei das anders gewesen, es zählte weder die Mitarbeit für die Seminarnote, noch das Seminar für den Abschluss. Im Bologna-Studium fließt alles ins Zeugnis ein, jeder Schnitzer rächt sich.

Daher, so der Historiker, gebe es mehr Mitarbeit - und neidische Blicke, wenn ein Kommilitone sich mit klugen Gedanken profiliert. Auch von "unkollegialen Vorkommnissen" höre man zuweilen: dass Mitschriften nicht getauscht würden, dass sich Leute aus Lerngruppen ausklinkten, um sich einen vermeintlichen Vorsprung zu verschaffen, oder dass gar arglistig Bücher in der Bibliothek versteckt würden.

"Vielfach wurden bei der Reform die alten Studiengänge mit einem großen Schuss Konkurrenzdenken und einer kräftigen Prise Ellenbogenmentalität gewürzt und dann als innovative Lehrkonzepte verkauft", sagt Erik Marquardt vom Vorstand des studentischen Dachverbands fzs. Und ein Online-Portal hat in einer Umfrage zur Solidarität unter Studenten festgestellt: Die Kollegialität scheint zwar insgesamt intakt zu sein; die M-Frage bedrückt aber viele.

Nachfrage nach psychologischer Beratung steigt

Im Forum der Seite schreibt einer: "Manche demotivieren gezielt andere, um sich selbst besser zu fühlen." Das kann auf die Seele drücken. Psychologische Beratung bei Studentenwerken hat steigende Nachfrage. "Manche haben das Gefühl, sie schaffen es nicht. Das steht häufig in Zusammenhang mit dem eigenen, überzogenen Leistungsideal", sagt eine Münchner Beraterin. Krisen gehörten zum Leben, man könne sie meistern - doch die Bedingungen ließen dafür immer weniger Raum.

Deborah Wuch hat ihre Krise überstanden. Wenn schon nicht genug Plätze, dann wenigstens Transparenz bei der Vergabe, fordert sie. Beinahe jede Uni hatte ein anderes Verfahren oder verlangte andere Tests von ihr - deren Kosten selbst zu tragen seien. Sie hatte sich längst für den Wechsel ins Lehramt entschieden, als noch ein Brief kam. Über ein Nachrückverfahren gäbe es einen Masterplatz, 400 Kilometer von Köln entfernt. Wuch wollte nicht mehr, sie bleibt beim neuen Wunschberuf. Manche Leistungen kann sie anrechnen lassen, dennoch hat sie ein paar Jahre, rein zeitlich, verloren. "Egal", sagt sie, "die neue Perspektive fühlt sich richtig gut an."

© SZ vom 12.10.2012/feko
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