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Exzellenzinitiative:Warum den Elite-Universitäten die Forscher fehlen

Die Exzellenzinitiative hat Milliarden Euro neu unter den Universitäten verteilt - die Uni Bonn fahndet nach dem Geldsegen nach neuen Professoren. Die Berufungen sollen erstaunlich schnell und unbürokratisch über die Bühne gehen - doch das ist eine echte Herausforderung.

Einen Tag nachdem im Februar in Los Angeles die Oscar-Trophäen an die Filmschaffenden verliehen wurden, gab es in Berlin - wenn man so will - Oscars für deutsche Wissenschaftler. Der Leibniz-Preis ist die wichtigste Ehrung für Forscher. Der Bonner Immunologe Gunther Hartmann erhielt sie, samt gut einer Million Euro Preisgeld. Es war der Lohn für Forschungen über die Geheimnisse des menschlichen Abwehrsystems - über das Arsenal angeborener Waffen, das Vorbild sein könnte für die Heilung vieler Krankheiten.

Fünf Monate später gab es für Hartmann erneut Anlass zum Jubeln. In der Exzellenzinitiative wurde der Universität Bonn ein Cluster bewilligt, ein international sichtbarer Schwerpunkt soll entstehen. 28 Millionen Euro werden Cluster-Sprecher Hartmann und zwei Dutzend beteiligte Kollegen in den nächsten fünf Jahren bekommen. Für hehre Pläne.

Worüber er sich mehr freut? "Schwierig zu sagen", meint Hartmann. Der Leibniz-Preis sei ein persönlicher Erfolg, Anerkennung für seine Grundlagenforschung seit den 90er-Jahren; und die Bewilligung des Clusters ein gemeinschaftlicher Erfolg, von vielen Forschern und Wissenschaftsmanagern, die Jahre an Anträgen und Vorarbeiten feilten. Deren Einsatz ist nun weiter gefragt, damit das, was man sich im Antrag vorgenommen hat, Realität wird; damit die Millionen ihre Bestimmung finden; damit sich das große Vorhaben nicht als Luftschloss entpuppt. Die Erfahrung aus früheren Exzellenzprojekten kommt den Bonnern zugute: Man weiß, wie knapp der Zeitplan ist zwischen Bewilligung und Start; und wie gut und nachhaltig Investitionen kalkuliert sein sollten. "Nicht losrasen, und auf halber Strecke geht dann der Sprit aus", sagt ein beteiligter Professor.

Von Ferienstimmung ist im Biomedizinischen Zentrum auf dem Bonner Venusberg in diesen Tagen wenig zu spüren. Wissenschaftler wuseln durch die Labore, blicken allenfalls für einen kurzen Gruß auf, vertieft in die Arbeit an Mikroskopen und Zentrifugen, wo sie mit Zellen von Mäusen und aus menschlichem Blut dem Immunsystem auf die Spur kommen.

Viele sind jung, die Männer tragen kurze Hosen unter den weißen Kitteln, es dominieren weiße Waden. Klischeehaft wirkt die Betriebsamkeit, als könnte plötzlich jemand "Heureka" rufen - wie einst der griechische Mathematiker Archimedes bei einer Pionier-Entdeckung. Ziel des Clusters ist es jedenfalls, dass aus der Beschäftigung mit Nukleinsäuren und Oligonukleotiden etwas entsteht, was jedem einleuchtet: Therapien bei Krebs, bei großen Volkskrankheiten.

Schon die Exzellenzinitiative selbst ist ein Kraftakt. Das Rennen um die Geldtöpfe erfordert Aufwand über Jahre, unzählige Arbeitsstunden von Akademikern und Verwaltung werden in Anträge und Treffen gesteckt. Hartmann spricht von einer "Arbeit ins Ungewisse". Die jetzige Arbeit hat dagegen klare Ziele: Da müssen Geräte angeschafft werden wie Screening-Roboter, die Proben automatisch bearbeiten. Zudem müssen die technologischen Plattformen aller Cluster-Partner - neben dem Biomedizinischen Zentrum die Bonner Mathematiker und zwei außeruniversitäre Einrichtungen - koordiniert werden.

Und da wird natürlich gebaut, neben dem jetzigen Zentrum entsteht ein zusätzliches Haus mit Büros und Laboren, auf die neuen Bedürfnisse ausgerichtet. Dort sollen die Forscher auch eine eigene Mäusehaltung bekommen - um Veränderungen im Körper kranker Tiere längerfristig zu beobachten.

Es mangelt an Personal

Vor allem aber wird neues Personal gebraucht. Einige Professoren für den Cluster hat man schon mit Vorab-Berufungen geholt, bevor der Zuschlag kam. Die Uni hat die Kosten übernommen und hätte die Forscher auch ohne Cluster behalten. Mehr Experten sind aber nötig - und so geht man auf Werbetour. Hartmann und Kollegen fahnden gerade nach Wunschkandidaten, schlagen sie der Uni-Leitung vor und hoffen, dass die Forscher in ein paar Monaten den Dienst antreten. Wohlgemerkt: Berufungen können hierzulande gern mal ein Jahr dauern. Hier geht das nun flott.

Ein Vorteil für die Rekrutierer: Nordrhein-Westfalen ist Vorreiter bei der Hochschulautonomie, die frühere schwarz-gelbe Regierung hat Kompetenzen aus dem Ministerium an die Unis verlagert. So können heute Rektoren Professoren berufen, ohne dass dies groß die Mühlen der Bürokratie durchläuft. Zudem bekommen viele NRW-Unis pauschale Haushalte, mit denen sie selbst wirtschaften. Investiert man etwa in eine Vorab-Professur, ist diese nicht an fixe Stellenpläne des Ministeriums gebunden. Freiheit, die auch Verantwortung bedeutet. "Man kann die Universität nach vorne bringen. Oder auch ruinieren", hat der Darmstädter Rektor das Prinzip der Hochschulfreiheit mal treffend beschrieben.

Weiterer Vorteil ist die seit 2005 geltende W-Besoldung für Professoren. Sie sieht niedrigere Grundgehälter und dafür variable Zulagen vor. Die Uni kann nun ihre Favoriten auch aus dem Ausland nicht nur mit formidablen Bedingungen im Cluster oder mit weichen Faktoren wie Familienfreundlichkeit, sondern auch mit mehr Geld locken. Auf gute Jungforscher und Doktoranden hat man es ebenfalls abgesehen. Wir haben jetzt die Chance, auf allen Ebenen die Besten zu holen, so Hartmann.

Großen Rummel gibt es um das neue Aushängeschild: Schafft das nicht Neid, etwa an Fakultäten ohne einen solchen Geldsegen? Als vor einigen Jahren ein Haushaltsloch von mehreren Millionen drohte, erließ die Uni Sparpläne. Das Rektorat hatte dabei beschlossen, die in jüngster Vergangenheit forschungsstarken Fächer wie Mathematik, Biomedizin oder etwa auch die Philosophie nahezu unversehrt zu lassen. Stark waren die Geisteswissenschaften betroffen, Empörung kam auf in Bonn.

Vorwurf: Die Vielfalt müsse leiden, damit sich die Uni ein Exzellenzprofil schneidern könne. Kürzlich hat die geisteswissenschaftliche Fakultät nach langem Protest eingelenkt; unter anderem die slawischen und mongolischen Sprachwissenschaften werden abgeschafft. Sparen sei nötig und habe nicht direkt mit dem Exzellenzwettbewerb zu tun, betont die Uni-Leitung - und hofft auf ein Ende des Streits.

Ein Cluster als Nachweis von Leistung ist attraktiv für die ganze Hochschule", sagt Hartmann diplomatisch. Auch Bereiche ohne Exzellenz-Label könnten sicher vom Ruf des Standorts profitieren und so leichter exzellente Wissenschaftler rekrutieren. Aber auch im Cluster will er zügig weitere Drittmittel einwerben, setzt auf Nachhaltigkeit. Er ist sich bewusst, dass die Exzellenzquelle auch wieder versiegt.

© SZ vom 13.08.2012/wolf
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