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Elite-Förderung in der EU:Früchte der Forschung

Es gibt Milliarden Euro für die Forschung in der Europäischen Union. Einzig die Intention ist unklar. Nach der Kür der deutschen Elite-Universitäten blicken viele Wissenschaftler nach Brüssel - doch die EU irritiert mit ihrer neuen Förderstrategie.

Wenn alles nach Plan läuft, könnte die herkömmliche Energiesparlampe künftig ganz ohne giftiges Quecksilber auskommen. Dazu erforscht die Bochumer Chemikerin Anja-Verena Mudring das Potenzial neuartiger Lösungsmittel - Salze, die selbst bei Raumtemperatur flüssig sind. Ein grüner Leuchtstoff sozusagen. Mit dem Projekt gehörte sie 2007 zu den ersten Stipendiaten des Europäischen Forschungsrates (ERC).

Zuletzt kam eine weitere Förderung hinzu, ebenfalls aus dem Brüsseler Eldorado der Grundlagenforschung. Mit einem neuen Programm - "Proof of Concept" - gewährt der Rat Mittel, um Ergebnisse marktfähig zu machen, um die Früchte zu ernten. Für Mudring ideal, von dem Geld arbeitet jetzt etwa ein eigener Doktorand an der Patentierung. Doch nicht jeder ist glücklich mit der neuen Förderlinie. Manche Beobachter bemängeln, dass die Grundlagenforschung ihre ehernen Prinzipien zu verkaufen beginne.

Entwickelt sich ein Trend, wonach die Brüsseler Forschungsförderung stärker auf reine Verwertbarkeit von Ergebnissen achtet - was nicht gerade dem Idealbild eines frei tüftelnden Forschers entspricht? Heikel ist diese Frage gerade jetzt: Am Freitag sind in Deutschland die Entscheidungen der Exzellenz-Initiative gefallen, vorerst zum letzten Mal. Bei dieser zweite Runde des Wettbewerbs zur Spitzenforschung wurden erneut Milliarden Euro verteilt, doch wird das ganze Projekt wohl in fünf Jahren enden. Umso mehr richten sich die Blicke der Forschungsszene nach Brüssel - der ERC vergibt seine Stipendien an Personen und Gruppen, nicht an ganze Hochschulen. Nur: Mit welcher Intention?

Gefördert werden durch ERC-Stipendien Anträge vom Hirnforscher über den Moralphilosophen bis hin zum Kernphysiker. 7,5 Milliarden Euro standen im bis 2013 laufenden Forschungsrahmenprogramm der EU dafür bereit, in der nächsten Periode von 2014 an ist sogar noch mehr vorgesehen. Kritiker wittern in der Initiative "Proof of Concept", die der Bochumerin Mudring mit 150.000 Euro zu Gute kommt, nun ein Signal für eine Kehrtwende - dass der EU die rein ökonomische Zweckmäßigkeit von Wissenschaft auf die Dauer wichtiger sein könnte als die Grundlagenforschung.

Denn um Pionierarbeit geht es beim ERC eigentlich. Ziel des Rates, der im Februar 2007 nach jahrelanger Debatte seine Arbeit aufgenommen hat, war es, ausschließlich Grundlagenforschung zu unterstützen. Vor Gründung des ERC konzentrierte sich die EU-Forschungsförderung meist auf Innovationen für die Industrie. Forscher hatten damals beklagt, dass sie deshalb ihre Projekte stets mit Anwendungsmöglichkeiten rechtfertigen müssen.

Die Brüsseler Forschungskommissarin Máire Geoghegan-Quinn lobte Proof of Concept nun prompt mit diesem Bestreben: "Investitionen in Innovation und exzellente Forschung sind in Zeiten der Wirtschaftskrise entscheidend." Die Präsidentin des Forschungsrates, die österreichische Soziologin Helga Nowotny, bemüht sich angesichts solcher Äußerungen, die Debatte klein zu halten. Die neue Idee sei eine zusätzliche Leistung für die Wissenschaftler, deren Grundlagenforschung bereits gefördert worden sei. Und sie sei, betont Nowotny, nicht auf Druck der Brüsseler Exekutive gekommen, sondern stamme vom ERC.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die zusammen mit dem Wissenschaftsrat die Exzellenz-Initiative umsetzt und nach deren Vorbild der ERC durchaus konstruiert wurde, bleibt zurückhaltend. Man will das marktorientierte Programm noch nicht bewerten, dafür sei es noch zu jung, heißt es. "Die Idee ist gut, der Ort nicht", sagt dagegen die frühere Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD), die sich in ihrer Amtszeit um die Jahrtausendwende für die Gründung einer wissenschaftsgetriebenen Einrichtung für die europäische Forschung eingesetzt hatte. Proof of Concept wäre demnach besser aufgehoben an anderen Stellen in Brüssel, die sich an der Wettbewerbsfähigkeit orientieren - und nicht im Herz der Grundlagenforschung. Sonst bestehe "die Gefahr, dass die Anwendungsnähe einen zunehmend größeren Raum einnimmt".

Chemikerin Mudring ist da diplomatisch: "Wichtig ist mir, dass die Grundlagenforschung ausreichend gefördert wird. Man sollte sie und die Anwendung auch nicht gegeneinander ausspielen."