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Einschulung:Glücksjoghurt und Kaviar

Nicht überall begehen Kinder den ersten Schultag so feierlich wie in Deutschland. Auch die Schultüte ist in anderen Ländern unbekannt. Dort gelten andere Bräuche.

Einigermaßen fassungslos erleben deutsche Eltern, die es in die Schweiz verschlägt, den ersten Schultag ihrer Kinder: keine Schultüte, keine schicken Klamotten, keine große Feier in der Aula. Allenfalls eine kleine Ansprache der Schulleiterin im Foyer, vielleicht noch ein Begrüßungslied der Zweit- oder Drittklässler, dann geht es ab in die Klassen. Welch ein Unterschied zu Deutschland! Immerhin halten mit den deutschen Einwanderern nun die bunten Spitztüten Einzug bei den Eidgenossen. Die Warenhauskette Migros bietet sie seit ein paar Jahren in der Deutschschweiz an, allerdings ist der Zuspruch bislang noch gering. Nicht wenige Schweizer sehen in der Schultüte einen Import aus dem ungeliebten großen Kanton, und trotz ihrer zweihundertjährigen Tradition ist die Tüte mancherorts als Kommerzidee verpönt, unnützes Brimborium.

Der Brauch, den Kindern den ersten Gang in die Schule zu versüßen, den man in Deutschland mit der Schultüte pflegt, ist auch in Indien bekannt. Dort essen Kinder vor der Einschulung einen speziellen, glücksbringenden Joghurt. Viele Jungen und Mädchen bekommen außerdem einen roten Punkt auf die Stirn gemalt - das hinduistische Segenszeichen. In Kasachstan werden Erstklässler mit Blumen, Musik und Lampions empfangen. Umgekehrt ist es in Russland, dort bringen die Schüler den Lehrern Blumen mit. Mütter flechten den Mädchen Bänder ins Haar, nach der Schule wird in der Familie gefeiert. In Brasilien steht die Schuluniform im Fokus: Sie zu kaufen und feierlich zum ersten Mal anzuziehen, ist zumindest in ländlichen Gebieten meist auch schon das ganze Ritual. Ganz ähnlich verhält es sich in afrikanischen Ländern, etwa in Nigeria.

Im Leben eines Grönländers ist die Einschulung einer der wichtigsten Festtage, vergleichbar mit der Konfirmation. Man zieht die traditionelle Tracht an, verteilt Grönland-Fähnchen und lädt nach der Schule nach Hause zum "Kaffeemik" ein, gern auch Menschen, die man noch nicht kennt. Ein gewöhnliches Kaffeekränzchen ist ein Kaffeemik aber nicht: Neben Apfelkuchen, Krähenbeeren-Muffins und Limonade gibt es auch Essen, das groß und stark macht. Zum Beispiel Rentierfleisch und Blinies mit Seehasenkaviar.

© SZ vom 03.09.2018
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