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OECD-Vergleich:Pisa-Studie: Leistungen deutscher Schüler stagnieren

Schulunterricht

In Lesekompetenz sind deutsche Schüler top, in Mathe und Naturwissenschaften hapert es ein wenig.

(Foto: dpa)
  • In der Pisa-Studie 2015 zeigen deutsche Schüler ordentliche Ergebnisse.
  • Deutschland liegt in den getesteten Bereichen Naturwissenschaften, Mathematik und Lesekompetenz weiterhin deutlich über dem OECD-Durchschnitt.
  • Eine Steigerung in allen Bereichen wie in den vorherigen Studien gelang jedoch nicht.
  • Im vergangenen Jahr wurden in 72 Ländern und Regionen 15-Jährige getestet - an diesem Dienstag wurden die Ergebnisse veröffentlicht.

Von Matthias Kohlmaier

Geringer Aufwand bei hohem Ertrag - so lässt sich das Abschneiden der deutschen Schüler bei der aktuellen Pisa-Studie zusammenfassen, die an diesem Dienstag veröffentlicht wurde. Im internationalen Vergleich verbringen 15-Jährige in Deutschland nicht nur besonders wenig Zeit in der Schule, sie sitzen auch in ihrer Freizeit nur verhältnismäßig kurz an ihren Hausaufgaben. Nur die Finnen verbringen noch weniger Zeit mit Lernen. Aber: In den Naturwissenschaften, Schwerpunkt von Pisa 2015, holen die Deutschen pro Lernstunde mehr Punkte als nahezu alle Mitbewerber.

Pisa 2015 wird keinen Schock auslösen wie seinerzeit die erste Erhebung im Jahr 2000. Alle drei Jahre wurde seitdem die Studie wiederholt - jeweils mit einem wechselnden Schwerpunkt bei den Testbereichen Naturwissenschaften, Mathematik und Lesen. 2006 standen zuletzt die Naturwissenschaften im Fokus, im Vergleich zu den Ergebnissen von damals sind die Leistungen der deutschen Schüler weitgehend unverändert geblieben. Auch liegen Deutschlands Resultate weiterhin in allen drei Kompetenzbereichen deutlich über dem OECD-Durchschnitt - wenngleich die Spitzengruppe der Länder Singapur, Japan, Kanada und, Überraschung, Estland doch ein gutes Stück voraus ist.

Die folgende Rangliste ist an den Leistungen im Schwerpunkt Naturwissenschaften ausgerichtet, Singapur bringt allerdings in allen drei Bereichen das Top-Resultat:

So haben die deutschen Schüler in den drei Teilbereichen abgeschnitten:

Naturwissenschaften

Zuerst einmal klingt das Ergebnis in Naturwissenschaften ernüchternd, sind 509 Punkte doch deutlich weniger als die 524 Zähler, die bei Pisa 2012 erreicht wurden. Der Vergleich hinkt allerdings, denn bei der letzten Erhebung wurden zu Naturwissenschaften wenige Fragen gestellt, diesmal lag darauf der Fokus der Untersuchung. Daher macht der Vergleich mit der Studie 2006 mehr Sinn - und seitdem haben sich die deutschen Ergebnisse zwar etwas verschlechtert, aber nicht statistisch signifikant.

Das ist freilich kein Grund für Freudentänze: Die durchaus vorhandenen Anstrengungen, Schüler und insbesondere Schülerinnen für die MINT-Fächer zu begeistern, haben offenbar bis dato wenig gebracht. Die Mädchen hängen in den Naturwissenschaften den Jungen leistungsmäßig noch immer deutlich hinterher, und selbst unter den leistungsstärksten Schülerinnen können sich nur sehr wenige vorstellen, später einen Beruf mit naturwissenschaftlichem Bezug auszuüben.

Gute Nachrichten gibt es in diesem Themenbereich aber auch: So gelten laut Pisa 2015 in Deutschland elf Prozent der Probanden in Naturwissenschaften als besonders leistungsstark. Das sind drei Prozentpunkte mehr als im OECD-Durchschnitt. Ähnlich sieht es bei den sehr schwachen Schüler aus; dort liegt Deutschland unter dem Durchschnitt der anderen OECD-Länder.

Mathe-Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen bleiben unverändert

Interessant wird es, wenn man Deutschlands Ergebnisse im Detail betrachtet. Pisa fragt im Bereich Naturwissenschaften einerseits Wissen ab ("konzeptuelles Wissen"), andererseits sollen die Schüler ihre Kenntnisse auch auf neue Fragestellungen und komplexe Probleme anwenden ("prozedurales und epistemisches Wissen"). Deutsche Schüler sind bei der reinen Wissenswiedergabe besser als bei der Anwendung.

Auch Pisa 2015 bestätigt wieder Geschlechterklischees: Auf der naturwissenschaftlichen Subskala schneiden die Jungen im OECD-Durchschnitt um zwölf Punkte besser ab als die Mädchen. In Deutschland liegt der Unterschied sogar bei 20 Punkten. Jungs scheinen sich also mehr als ihre Mitschülerinnen für Naturwissenschaften zu interessieren. Geht es dann allerdings an die Anwendung des eigenen Wissens, gibt es zwischen den Geschlechtern keine Leistungsunterschiede mehr.

Mathematik

2012 hatte Pisa einen Matheschwerpunkt, daher sind die Werte der aktuellen Erhebung besser mit den vorhergehenden Pisa-Studien vergleichbar. Hier wird deutlich, dass sich die Leistungen der 15-jährigen Deutschen seit 2003 im Bereich Mathematik kaum verändert haben. Auch hier zeitigen die MINT-Bemühungen offenbar keine großen Verbesserungen. Mit 506 Punkten liegt Deutschland aber weiterhin deutlich über dem OECD-Durchschnitt von 490 Zählern.

Immerhin 13 Prozent der Schüler in Deutschland zählen in Mathe zur Gruppe der besonders Leistungsstarken. Zum Vergleich: Bei Pisa-Gewinner Singapur ist das bei mehr als einem Drittel der 15-Jährigen der Fall. Auch ist der Anteil der sehr guten Schüler im Bereich Mathematik in Deutschland in den vergangenen Jahren etwas stärker zurückgegangen als im Länder-Mittel. Hier ist also zumindest für die kommenden Jahre Vorsicht geboten, was die weitere Entwicklung angeht.

Dies gilt auch für den Leistungsunterschied zwischen Jungen und Mädchen. Nicht nur erzielen die deutschen Jungen im Pisa-Durchschnitt 17 Zähler mehr - Deutschland hat es in den vergangenen zwölf Jahren nicht geschafft, diese Differenz spürbar zu verringern.

Lesekompetenz

Das Volk der Dichter und Denker ist offenbar auch ein Volk der Leser. Beim Lesen und Verstehen von Texten haben deutsche Schüler seit der ersten Pisa-Studie kontinuierlich bessere Ergebnisse erzielt. Auch diesmal gelingt eine minimale Steigerung auf 509 Zähler, was einen Platz im OECD-Spitzenbereich bedeutet. Die Leistung wird noch dadurch hervorgehoben, dass sich Deutschland seit 2009 um zwölf Punkte gesteigert hat, während in den anderen OECD-Ländern im selben Zeitraum keine wesentliche Veränderung stattgefunden hat.

Auch im Bereich Lesen liegt Deutschland beim Anteil der Top-Schüler oberhalb des OECD-Durchschnitts und beim Anteil der besonders schwachen Schüler unterhalb. Dennoch gelingt es auch hierzulande 16 Prozent der Schüler nicht, im Bereich Lesekompetenz die Kompetenzstufe zwei zu erreichen. Das ist laut Pisa 2015 das Niveau, ab "dem die Schülerinnen und Schüler die Lesekompetenzen aufzuweisen beginnen, die es ihnen ermöglichen, effektiv und produktiv am Leben teilzuhaben".

Die Vermutungen bezüglich der Leistungen von Mädchen und Jungen bestätigt die Studie auch in Sachen Lesekompetenz: Schülerinnen haben hier deutliche Vorteile gegenüber ihren Klassenkameraden. Die gute Neuigkeit: Der Leistungsabstand zwischen den Geschlechtern hat sich beim Lesen seit 2009 deutlich verringert.

Das sind die wichtigsten Ergebnisse weltweit

Die soziale Schere und ihre Auswirkungen auf Bildungschancen und schulische Leistungen ist seit Jahren immer großes Thema bei Pisa gewesen - und wird es nach den aktuellen Zahlen auch weiterhin bleiben. Sozioökonomisch bessergestellte Schüler erzielen im OECD-Raum durchschnittliche 38 Punkte mehr als ihre weniger bevorteilten Klassenkameraden. Schüler sozioökonomisch bessergestellter Schulen - etwa was Ausstattung und Lehrpersonal angeht - sind OECD-weit sogar um 104 Zähler besser als Schüler von weniger begünstigten Schulen.

Schüler mit Migrationshintergrund hängen in den allermeisten Teilnehmerländern weiterhin deutlich hinterher, wobei Immigranten der ersten Generation erwartungsgemäß etwas größere Nachteile haben als solche der zweiten Generation. Allerdings zeigt zum Beispiel Kanada, dass es auch anders geht: Dort bringen einheimische Schüler und solche mit ausländischen Wurzeln - egal, ob sie in erster oder zweiter Genration im Land zur Schule gehen - nahezu identische Leistungen. Und zwar im internationalen Vergleich sehr gute.

Auch das allgemeine Engagement der Schüler haben die Pisa-Forscher untersucht. Im OECD-Durchschnitt gaben 20 Prozent der Schülerinnen und Schüler an, in den zwei Wochen vor der Pisa-Erhebung mindestens einen Tag die Schule geschwänzt zu haben; in Deutschland war es etwa einer von zehn Befragten. Und auch wenn die Geschlechterklischees in den Hauptthemenbereichen durchweg erfüllt sind - das Klischee vom pünktlichen Deutschen lässt sich laut Pisa nicht halten: 40 Prozent der Schüler gaben zu, in der Zeit vor der Befragung mindestens einmal zu spät zur Schule gekommen zu sein. International waren es nur wenige mehr.

© SZ.de/sks/dd

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