Süddeutsche Zeitung

Dortmund-Trainer Klopp im Hörsaal:Kabarettist im Kapuzenpulli

Unterhaltsame Mischung aus Fachvortrag und Motivationskurs: Meister-Trainer Jürgen Klopp erklärt Studierenden der Sporthochschule Köln, wie er Dortmund zum Erfolg gebracht hat - und warum der 1. FC Köln nur hinterherrennt.

Ulrich Hartmann, Köln

Der Mann, der da mit dem Siegerlächeln eines wiedergewählten Kanzlers den überfüllten Hörsaal betritt und den Jubel der Studierenden gestenreich aufsaugt, hat einige seiner schwersten Niederlagen an einer Universität erlebt. "Da kommen Erinnerungen hoch", sagt Jürgen Klopp und grinst sein breitestes Grinsen.

Klopp ist Trainer des deutschen Fußball-Meisters Borussia Dortmund und sagt gerne offen, dass das Schicksal es bisher gut mit ihm meint. "Hier steht die fleischgewordene Zuversicht", ruft er den Studierenden der Sporthochschule Köln zu und eröffnet einen Gastvortrag, der sich zu einer Mixtur aus Motivationskurs und dem angekündigten Fachreferat über Trainingslehre entwickelt.

Klopp hat in Frankfurt einst selbst Sport studiert. Dort, erzählt er, sei er nach manchem Referat übel zerrissen worden und peinlicherweise als einziger durch die Gymnastikprüfung gefallen. Das Thema seiner Diplomarbeit im Jahr 1995: "Walking - Bestandsaufnahme und Evaluationsstudie einer Sportart für alle".

Aus dem einstigen Studenten Klopp ist längst ein erfolgreicher Dozent geworden. "Man könnte ihn von jetzt auf gleich in einen Raum mit 500 Leuten stecken, und er würde alle bestens unterhalten", hat sein früherer Spieler Nuri Sahin einmal über Klopp gesagt. Das stimmt, wie der Gastvortrag in Köln zeigt. Klopp, 45, plaudert im gelben Kapuzenpulli ohne Konzept und Stichwortkarten, streut Pointen und Running Gags ein, wechselt zwischen Ernsthaftigkeit und Albernheit.

Der gebürtige Stuttgarter, der früher Filmspulen fürs Kino geschleppt und andere Nebenjobs übernommen hat, doziert auf Einladung des "Instituts für Kognitions- und Sportspielforschung", aber die Nüchternheit des Anlasses und des Hörsaals hindern ihn nicht daran, sein Talent als Entertainer extrovertiert auszuleben.

Klopp genießt das genauso wie das Publikum. 500 Studierende sitzen für zwei Euro Eintritt im großen Hörsaal, 200 weitere für einen Euro in den benachbarten kleineren Hörsälen, in die das Programm übertragen wird. Einige Zuhörer haben sich ein Dortmund-Trikot angezogen, einer streckt eine Meisterschale aus Pappe in die Höhe. Als Christoph Daum oder Thomas Tuchel an selber Stelle sprachen, war der Eintritt frei. Klopp kostet, denn er ist unterhaltsamer als mancher Kabarettist. "Wer ist heute wirklich wegen der Themen gekommen?", fragt Klopp gleich am Anfang. Vereinzelte Studierende melden sich. "Ihr könnt gehen!", blafft Klopp. Der Hörsaal brüllt. So geht das fast zwei Stunden.

Trotzdem Spaß haben

Klopp nennt seinen Vortrag spontan "Sport studieren - und trotzdem erfolgreich sein" und gibt damit die Richtung des Abends vor: Er triezt das Auditorium nach Kräften und erntet auch für wiederkehrende Späße über den erfolglosen 1. FC Köln Gelächter. "Ich bin überrascht, dass so viele gekommen sind, hier in Köln, wo der Fußball ja nicht so positiv besetzt ist." Warum er selbst nicht nach Köln komme, um den FC zu retten?, ruft eine Studentin in den Hörsaal. Klopp reagiert blitzschnell: "Ein Schönheitschirurg würde sagen: Enthauptungen mache ich nicht."

Aber es geht nicht nur um Spaß. Jürgen Klopp erklärt detailreich den Ansatz für den Erfolg des Dortmunder Fußballs: "Unsere Hauptgewichtung liegt auf dem Spiel gegen den Ball, das ist formunabhängig, verleiht Stabilität und nimmt im Training 80 Prozent ein." Der FC Barcelona werde "unter Nichtfachleuten völlig falsch diskutiert. Die größte Stärke des FC Barcelona ist das Gegenpressing, sie verlieren den Ball und holen ihn sich sofort zurück, sie verteidigen in einer so hohen Zone wie keine andere Mannschaft der Welt." Denn: "Der beste Spielmacher ist Gegenpressing, der günstigste Moment, den Ball zu erobern, ist direkt nach dem eigenen Ballverlust."

Und natürlich ist der Rivale Bayern München ein wiederkehrendes Thema des Vortrags. Der FC Bayern werde "noch auf Jahre hinaus die beste deutsche Mannschaft sein", sagt Klopp, "wir müssen gegen sie noch jahrelang die Sterne vom Himmel verteidigen, denn uns fehlt die Erfahrung und in Teilbereichen auch die Klasse, um auf ihrem Niveau mitzuspielen".

Dafür verrät Klopp aber, wie er seinen Spielern vor dem siegreichen Pokalfinale gegen München einen 15-minütigen Zusammenschnitt welthistorischer Ereignisse gezeigt habe. "Mondlandung und so Zeugs", sagt Klopp grinsend. "Aber wir haben unterschätzt, dass meine Spieler Dreiviertel des Gezeigten gar nicht kannten, weil sie so jung sind. Wir hatten den 'Rumble in the Jungle' dabei, aber für die Jungs boxten da bloß zwei alte Männer bei schlechter Bildqualität. Und Kennedys 'Ich bin ein Berliner' ist einem jungen japanischen Fußballer auch nur schwer zu verkaufen." Die Idee zu dem Film sei aber trotzdem gut gewesen. "Und vor allem hat es ja auch total gut funktioniert."

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SZ vom 12.07.2012/wolf
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