Dokumentarfilm "Die Inklusion stellt die Frage des sozialen Lernens am schärfsten"

Marvin und Johanna sind auf dem Weg zu einem Treffen mit früheren Mitschülern aus der inklusiven Fläming Grundschule in Berlin.

(Foto: MathiasBothor 2017/S.U.M.O.Film)

In 150 Städten kommt ein Film über junge Erwachsene mit und ohne Handicaps in die Kinos.

Von Susanne Klein

Sechs junge Erwachsene brechen zu einem Wiedersehen auf - zwölf Jahre nach ihrer gemeinsamen Schulzeit in einer inklusiven Grundschule. Auch Johanna und Marvin sind auf dem Weg dorthin, sie laufen durch einen Park. Johanna erzählt von ihrer Ausbildung zur Altenpflegerin und ihrem Ziel, in einer Einrichtung für Behinderte zu arbeiten. Genau da will Marvin "so schnell wie möglich wieder weg". Statt sich um gespendete Fahrräder zu kümmern, will er zur Feuerwehr, ein Kindheitstraum. "Das Wort Behinderter klingt immer total beschissen", sagt Marvin. Er fühlt sich als junger Mann, der trotz "Einschränkung" weiterkommen, sein eigenes Geld verdienen und eigenes Leben führen will. "So wie ich jetzt bin, so fühle ich mich relativ wohl." "Das ist schön, ich auch", sagt Johanna.

"Die Kinder der Utopie" ist ein berührender Film. Mit ruhiger Kamera und schönen Bildern aus Berlin gibt er Einblicke in die Lebenswege seiner Protagonisten und zeigt, wie selbstverständlich sie miteinander umgehen. Da ist Dennis, der Musical und Show studiert hat und auf dem Weg zum Bühnenstar ist. Luca, die Hobbyfotografin und Studentin der Umweltwissenschaften. Natalie, Praktikantin in einer Schulküche. Christian, der sich nach einem abgebrochenen VWL-Studium neu orientiert. Und eben Marvin und Johanna. Der Film begleitet sie - zunächst paarweise - auf fast beiläufige Art, ohne Off-Text, ohne explizite Botschaft. Lehrer, Eltern, Experten kommen nicht zu Wort. "Man guckt einfach zu, was die sechs machen", sagt Regisseur und Autor Hubertus Siegert.

Der Regisseur hat seine sechs Protagonisten schon einmal gefilmt, als Viertklässler

Der Berliner, für seinen letzten Film "Beyond Punishment" mit dem Max-Ophüls-Preis und dem Metropolis-Regiepreis für den Besten Dokumentarfilm ausgezeichnet, hat seine Protagonisten schon einmal gefilmt. Vor zwölf Jahren, als Viertklässler in der Fläming Grundschule in Berlin-Friedenau, in der Kinder mit und ohne Behinderung seit 1975 gemeinsam lernen - dank großer Akzeptanz der Lehrer für extrem unterschiedliche Lerngeschwindigkeiten. Ausschnitte aus dieser Dokumentation bilden im jetzigen Film die zweite Ebene: Die jungen Erwachsenen schauen sie an, ihre Gesichter spiegeln ihre Reaktionen. Luca, lächelnd, sieht mit Dennis, wie die Kinder, mit geschlossenen Augen am Boden sitzend, eine Achtsamkeitsübung machen: Durchzählen ohne Plan, irgendeiner fängt bei eins an, die anderen folgen nacheinander, ohne sich ins Wort zu fallen. Bis auf die Zahlen, die gesprochen werden, ist es mucksmäuschenstill, die Kinder sind voll konzentriert. "Das Klassengefühl, das hatte man später nicht mehr", sagt Luca. Das empfindet auch Marvin so, der mit Christian die Szene eines Klassenbesuchs im Pergamonmuseum sieht: Die beiden Jungen schauen hoch zu den Tiermosaiken und beschreiben sie gemeinsam. An der späteren Schule, wo Marvin war, bevor er auf einer dritten Schule den Hauptschulabschluss machte, fühlte er sich dagegen separiert. Behinderte Schüler seien meist draußen oder in anderen Räumen gewesen, sagt er. "Ich halte das für einen Fehler."

Auf Etiketten für die Einschränkungen der Protagonisten verzichtet der Filmemacher, man kann sich nur erschließen, was ihnen fehlt. Marvin lernt sehr langsam, Johanna war als Baby zunächst blind, Natalie hat eine Trisomie. Christian hat kein Handicap, er war nur unglücklich, weil er an seiner vorherigen Schule gemobbt worden war. An der Fläming Schule wurde es dann besser. Siegert ist davon überzeugt, dass alle Kinder vom gemeinsamen Lernen profitieren. Nicht nur, "weil sie eine breitere Schicksalserfahrung machen, die sich vertiefend auf die Persönlichkeit auswirkt". Auch, weil sie einfach mehr lernen. "In einer Gesellschaft, die das Schwächen-Management vernachlässigt, reduzieren viele Eltern das Lernen auf die kognitive Durchsetzungsfähigkeit ihrer Kinder im globalen Wettbewerb", sagt er. Die sozialen Kompetenzen, die diese Kinder später in Teams brauchen, verlören die Eltern oft aus den Augen. Deshalb sei Inklusion genau die Herausforderung, die Schulen brauchen, so Siegert: "Sie stellt die Frage des sozialen Lernens am schärfsten".

Als 2005 sein erster Film über Marvin, Johanna und die anderen herauskam, war Inklusion noch ein Thema des gesellschaftlichen Aufbruchs. Inzwischen ist sie ein Überdrussthema. Gut gemeint, aber schlecht gemacht, lautet das landläufige Urteil angesichts Unterfinanzierung und Personalmangel. Wie viele Menschen sich damit nicht abfinden wollen, zeigt jetzt die Art und Weise, wie "Die Kinder der Utopie" in die Kinos kommen. Im Zuge einer Graswurzelkampagne fanden 500 Paten zusammen, die ermöglichen, dass der Film an diesem Mittwoch auf mehr als 160 Leinwänden in 150 Städten läuft, mit prominenten Gästen und Diskussionen. Mehr als 15 000 Menschen wollen den Film sehen, zahlreiche Kinos sind bereits ausverkauft (diekinderderutopie.de). Zeichen eines neuen Aufbruchs? Das wäre ein großer Anspruch an diesen kleinen Film. Aber er wird sein Bestes geben.