bedeckt München

Dissertation von SPD-Politiker Eumann:Nur 31 Prozent

Er verweist auf sein Vorwort zur Buchversion und darauf, dass das Formular angeblich "missverstanden werden konnte". Eumann behauptet zudem, nur 31 Prozent des Dissertationstextes würden aus der Magisterarbeit stammen, und kein Kapitel sei identisch. Wer die Arbeiten vergleicht, findet viele marginale Umstellungen und leichte Veränderungen. Dass die Dissertation über weite Strecken fast identisch ist mit der Magisterarbeit - zu diesem Ergebnis kam auch ein Rechtsgutachten des Wissenschaftsjuristen und DFG-Ombudsmanns Wolfgang Löwer. Dass Eumann noch immer unbeirrt die angeblich großen Unterschiede herausstreicht, lässt ahnen, mit welcher Chuzpe der Politiker das Projekt "Promovieren" betrieben haben mag.

Als die Rezension die Uni hochschrecken ließ, entstand eine delikate Lage. Eumann gehört ja der Landesregierung an - und jener Partei, die in Düsseldorf in Svenja Schulze die Wissenschaftsministerin stellt. Zudem gab es in der Vergangenheit Spannungen zwischen dem Rektorat und der zuständigen Fakultät Kulturwissenschaften. Die Uni Dortmund firmiert neuerdings als Technische Universität; für die Kulturwissenschaften ist das nicht immer einfach.

Am Ende eines langen Verfahrens warf dann das Rektorat Eumann wissenschaftliches Fehlverhalten vor - aber die Fakultät sah sich außerstande, den Titel zu entziehen. Möglicherweise musste sie auch eigene Fehler verdecken. Bei der Zulassung hatte Eumann seine Magisterurkunde eingereicht. Der Titel der Abschlussarbeit, der dem der Dissertation stark glich, war wohl niemandem aufgefallen.

Erstaunlich milde bei Plagiaten

Was nun allerdings auffällt: wie schwer sich in jüngster Zeit Unis mit Verfahren zum Doktor-Entzug tun. Die Standards werden nicht mehr überall hochgehalten. Plagiatesucher wie die Berliner Professorin Deborah Weber-Wulff sehen mit Sorge ein nachlassendes Interesse an Verdachtsfällen. Anfangs, nach dem Guttenberg-Schock, wurde schnell reagiert, inzwischen ziehen sich viele Verfahren sehr in die Länge. Niemand wünscht sich eine Hetzjagd - es erstaunt jedoch, wie träge und milde einige nun vorgehen.

So kam etwa Jürgen Goldschmidt, Bürgermeister der Kleinstadt Forst in Brandenburg, gut davon: Er bediente sich bei anderen Autoren, ohne dies gewissenhaft zu kennzeichnen. Die TU Berlin gewährte ihm einen Freischuss. Goldschmidt habe zwar mangelhaft zitiert, dennoch habe er eine eigenständige Leistung erbracht. Goldschmidt erhielt ein halbes Jahr Zeit, die Arbeit erneut einzureichen, was er im Sommer 2013 auch tat. Über seinen Titel ist nun immer noch nicht entschieden.

An der Universität Münster erfand man in einem schweren Verdachtsfall sogar ein neues Instrument, um dem Titelentzug zu entkommen: Die juristische Fakultät erteilte eine Rüge, obwohl dies in der Promotionsordnung gar nicht vorgesehen ist. Das sei glatt "rechtswidrig", urteilt der Bonner Wissenschaftsrechtler Klaus Gärditz.

Auch dem Politiker Marc Jan Eumann ist am Ende nichts passiert. Er sei erleichtert, teilt er mit. Ob er Fehler bei sich erkenne? Er weicht aus und verweist darauf, die Fakultät habe keine Fehler erkannt, deretwegen man seinen Titel hätte aberkennen müssen. Er hat es geschafft. Er ist durchgekommen. Und er schickt freundliche Grüße - "Ihr Dr. Marc Jan Eumann".

© SZ vom 12.05.2014/jobr

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite