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Digitalisierung der Schulen:Die drei Hauptprobleme der Digitalisierung des Unterrichts

Mit Kant gesprochen: Aus Bequemlichkeit sind wir im Begriff, unsere durch Aufklärung gewonnene Autonomie gedankenlos preiszugeben. Nicht umsonst warnte Stephen Hawking eindringlich vor der Dominanz der künstlichen Intelligenz (KI): "Unsere Zukunft ist ein Wettlauf zwischen der wachsenden Macht unserer Technologien und der Weisheit, mit der wir davon Gebrauch machen. Wir sollten sicherstellen, dass die Weisheit gewinnt."

Was also ist zu tun?

Gegenwehr kann, soweit ich sehe, nur aus der Schule kommen. In der Tradition gesellschaftskritischer Pädagogik geht es nun um eine digitalkritische Pädagogik. Sie aber hat keine Lobby!

Ich spreche hier bewusst nicht von logistischen Voraussetzungen, von Glasfaserinfrastruktur, Netzwerkpotenzialen und Systemadministration durch professionelle Assistenz. Das ist machbar. Viel schwieriger ist die Umsetzung in unterrichtliche Praxis. Sie hat gerade erst begonnen, gänzlich dezentral und ohne jeden Masterplan. Wie an meiner Schule. Lehrer der Fächer Informatik, Philosophie und Politik finden sich im Unbehagen an einer von oben verordneten Entwicklung zusammen, um ein schuleigenes Curriculum zu basteln. So dezentral aber darf dieser Ansatz nicht bleiben. Meiner Einschätzung nach geht es vor allem um drei Hauptprobleme, die zentraler politischer Steuerung bedürfen.

Das Erste ist der sogenannte didaktische Mehrwert. Wir brauchen kein neues Medium, wenn es nicht mehr kann als das alte. Doch die derzeitigen Programme und Lernapps sind von sehr unterschiedlicher Qualität. Es ist überfällig, dass eine Gruppe von Experten, die zugleich Fachleute für Unterricht sein müssen, eine Art Qualitätssiegel erarbeitet - in offiziellem Auftrag der Kultusministerien. Bewährte Programme müssten dann im Lehrplan verankert werden, ein zentraler Schritt für die Neuausrichtung der Unterrichtspraxis.

Das Zweite ist die neue Rolle des Lehrers. Bisher existieren nur wenige Studien über den Nutzen der neuen medialen Technologien im Unterricht. Eines aber scheint klar zu sein: Stoff und Methoden verändern sich, wenn Lernen in Interaktion mit intelligenten Maschinen stattfindet. Vielfältige Möglichkeiten zu Differenzierung und Individualisierung tun sich auf, die man klug nutzen müsste. Lehrkräfte jedenfalls werden sich häufiger als bisher als Moderator, Anreger und Berater verstehen. Doch dürfen sie dabei nicht vergessen, dass wir sie vor allem als Helfer für die Persönlichkeitsentwicklung brauchen. Das Einmaleins oder neue Lateinvokabeln, Lernen also, das vor allem der Wiederholung bedarf, werden Formen künstlicher Intelligenz in der Tat bald besser vermitteln können. Das anspruchsvolle Gespräch über die Faustlektüre in der Oberstufe aber kann der beste Computer nicht ersetzen.

Schule hat drittens in einer Gesellschaft, die autonom bleiben will, mehr als zuvor die Aufgabe, für Aufklärung zu sorgen. Das ist das Wichtigste! "Bewusstsein ist der erste Schritt zur Freiheit", sagt der Internetpionier Jaron Lanier. Das Bewusstmachen dessen, was da einsickernd passiert - die Invasion des Digitalen -, müsste ein vordringliches Lernziel werden. Sie sichtbar zu machen wäre Grundanliegen eines Pflichtfachs allgemeinbildender Informatik in allen Schulformen. Nur wenn ich weiß, wie Smartphones, Internet und algorithmische Steuerung funktionieren, kann ich ihre Folgen einschätzen. Dem Pflichtfach Informatik sollte am Gymnasium ein Pflichtfach Philosophie beispringen, wo die grundlegenden Fragen - Was kann ich wissen? Wie soll ich handeln? Was ist schön? - unter den Bedingungen digitaler Transformation neu zu beantworten wären. Hier wäre auch der Ort, um das Wichtigste zu zeigen: den letztlich totalitären Anspruch digitaler Erfassung.

Keine Verweigerung, aber auch keine unkritische Übernahme wünsche ich mir. Sondern eine Digitalisierung mit Augenmaß: Einerseits sollten wir uns ihrer teilweise großartigen Möglichkeiten bedienen. Andererseits müssen wir die Schüler so stark machen, dass sie auch Nein sagen können: Nagelprobe ihrer Autonomie. Denn es geht um viel mehr als die Frage nach optimalen Unterrichtskonzepten. Erfülltes Leben resultiert nicht aus dem digitalen Entweder-Oder, es verdankt sich der Dynamik eines Sowohl-als-Auch. Sein Paradigma ist das autonome Individuum - das Gegenbild zu dem, was die digitale Transformation uns als Errungenschaft andient. Es wäre Zeit, dass auch die Entscheider unserer Republik dies erkennen.

© SZ vom 26.11.2018
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