Digitalisierung und Schule In Deutschland wird emotional über die Digitalisierung des Unterrichts diskutiert

Die Suche nach den Gründen für den Misserfolg gestaltet sich schwierig. Maurice de Hond hatte im vergangenen Sommer angekündigt, sich nicht mehr öffentlich zum niederländischen Bildungswesen äußern zu wollen. Sein Sohn hat inzwischen das Unternehmen übernommen, das die Software an die übrigen Steve-Jobs-Schulen vermietet und ihnen bei der Umsetzung des Unterrichtskonzepts hilft. Auch er reagiert nicht auf Anrufe und schriftliche Anfragen. Die Leiterin einer Schule, die früher mitgemacht hat, bittet um Verständnis - zum Thema O4NT wolle man sich nicht mehr äußern.

Ein großes Problem waren offenbar die Finanzen: Die jährlichen Technik- und Softwarekosten hätten bei deutlich mehr als 10 000 Euro gelegen, sagt Jan Oosterhof. Eine finanzielle Belastung, die für sein Haus zu hoch war. "Das Modell war einfach zu kommerziell ausgerichtet", meint auch Otto Vrijhof, Leiter der Rotterdamer Grundschule De Vierambacht. Wie Jan Oosterhof sagt er, dass die Grundidee vom personalisierten Lernen mit dem iPad gut war. Trotzdem rückte auch seine Schule wieder von dem Konzept ab. Dort spielen Tablets weiterhin eine große Rolle, aber die Schule hat deren Einsatz zurückgefahren, und der Unterricht findet wieder im Klassenverband statt in Workshops statt.

In Deutschland wird emotional über Nutzen und Risiken von Computern in Schulen diskutiert. Gegner und Befürworter stehen sich häufig unversöhnlich gegenüber. In den Niederlanden verlaufe die Debatte ein bisschen nuancierter, sagt Joost Meijer. Der Psychologe ist der Frage nachgegangen, was Tablets für die Motivation bedeuten, und fand heraus: Sie haben keinen besonders großen Einfluss. Sein Team am Kohnstamm-Institut für Bildungsforschung der Universität von Amsterdam untersuchte bei vier Apps, ob sie den Spaß am Lernen vergrößern: zwei für den Englischunterricht an Grundschulen, eine für Deutsch und eine für Mathe an weiterführenden Schulen. Nur bei der Mathe-App stellten die Forscher einen deutlichen Effekt fest: Die Schüler hatten mehr Freude als andere Gleichaltrige, die den Stoff ohne die App bewältigten. Bei den anderen Anwendungen stellten die Forscher keinen signifikanten Unterschied fest. Joost Meijer glaubt, dass Tablets bei einfacheren Aufgaben gute Dienste leisten können, etwa beim Vokabellernen oder bei Rechenübungen. Schwieriger sei es bei komplexen Lernprozessen. "Wir müssen noch mehr wissen über die Bedingungen, unter denen Informationstechnik wirklich etwas zum Lernen beiträgt."

Deutschland steht "noch ziemlich am Anfang"

In Deutschland, das haben verschiedene Studien gezeigt, kommen Computer so selten im Unterricht zum Einsatz wie in keinem anderen Industrieland. Das will die Politik jetzt ändern: Dorothee Bär, Staatsministerin für Digitalisierung im Kanzleramt, sagte der Bild am Sonntag, dass in Zukunft jeder Schüler ein Tablet benutzen soll.

Das Forum Bildung Digitalisierung, ein Zusammenschluss von mehreren großen deutschen Stiftungen, setzt sich für die Digitalisierung des Bildungsbereichs ein. Vorstand Nils Weichert teilt aber auf Anfrage auch mit: "Nur über geeignete Schul- und Unterrichtskonzepte können digitale Technologien dabei unterstützen, schulische Herausforderungen wie Bildungsgerechtigkeit, Integration oder Inklusion anzugehen." Auf der Homepage des Forums werden auch niederländische Schulen als Vorbilder bei dem Thema genannt. "Die Schulen in den Niederlanden haben viel Freiraum, und das ist hilfreich auf dem mutigen Weg, die besten Ideen und Konzepte zu finden und umzusetzen", schreibt Weichert. "Das ist ein Prozess, bei dem wir in Deutschland noch ziemlich am Anfang stehen."

Jan Oosterhof von der Beatrix-Schule ist überzeugt, dass die Digitalisierung des Unterrichts voranschreiten wird und in einigen Jahren viel mehr Schulen so arbeiten werden wie seine schon heute. Aber er warnt davor, das Tablet als etwas Heiliges zu betrachten. Im Schnitt seien seine Schüler etwa anderthalb Stunden pro Tag mit dem iPad beschäftigt. Dass Kinder auch lernen, Bücher zu lesen und mit der Hand zu schreiben, ist für ihn selbstverständlich.

Ein Problem der Steve-Jobs-Schulen bestand seiner Meinung nach darin, dass der Computer zu sehr im Mittelpunkt des Denkens stand. "Manche Schulen schaffen sich erst die Technik an und überlegen dann, wie sie den Unterricht anpassen." Das aber sei der falsche Weg. Erst müsse man wissen, wie der Unterricht aussehen soll - danach könne man sich überlegen, ob der Computer dabei helfen kann. "Das iPad ist ein Mittel - kein Zweck an sich."

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