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Deutscher Schulpreis:Der Schulpreis als Signal

"Eine gute Schule", sagt Grimme, besteht aus vielen kleinen Mosaiksteinen." Eine klare Struktur sei wichtig, klare Regeln, und zugleich die Bereitschaft, diese Regeln auch einmal großzügig auszulegen, zugunsten der Schüler. "Leitplanken, aber aus Gummi", sagt Grimme. Zudem dürfen die Schüler die Lehrer schon seit vielen Jahren anonym bewerten, sie fühlten sich so ernst genommen, sagt Grimme.

Das Wichtigste aber sei die Einstellung der Lehrer. Die Devise laute nicht "Ich und meine Klasse", sondern "Wir und unsere Schule". Jeder sei für das Ganze verantwortlich, alle Lehrer teilten ein Menschenbild: "Jeder ist uns wichtig, jeder muss ein Stück weiterkommen. Hier wird keiner plattgemacht, auch wenn er sich einmal daneben benimmt. Jeder hat noch eine Chance verdient." Vielleicht, sagt Grimme, klappe manches an der ESS auch besser, weil die Schulleitung mit ihr an der Spitze aus sieben Frauen besteht. Und weil Lehrerinnen den Erziehungsauftrag, dem sich gerade eine berufsbildende Schule zu stellen habe, womöglich ein wenig ernster nähmen. Interesse an den Schülern zeigen, darum gehe es. Nur das Wort "kümmern", das mag sie nicht.

Schülerin Merkel

"Wir haben so eine komische Vorstellung von Schule gehabt", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), als sie am Montag in Berlin den Deutschen Schulpreis überreichte. Merkel erzählte erst von Schulen ihrer DDR-Kindheit, die "sehr ideologisch geprägt" gewesen seien. Jungs seien lange Haare verboten worden, anderen Westen oder Jeans. Natürlich habe man die Verbote zu umgehen gesucht. "Es war ewig Angst. Aber trotzdem haben wir gut gelernt", sagte Merkel. Zu den "großen Lernerfolgen" Deutschlands zähle heute, dass Kitas für unter Dreijährige akzeptiert würden. Merkel kündigte Bundeshilfen für Schulgebäude, digitales Lernen und Lehrerbildung an. "Ich glaube, dass auch die Frage der Nachmittagsbetreuung noch eine Rolle spielen wird", sagte sie. Hier sei manches "nachzuholen". Constanze von Bullion

Mahsun Aydin war so ein scheinbar hoffnungsloser Fall. Aydin, 21 Jahre alt, kurdischer Abstammung, die Kanten des Bartes wie mit dem Lineal gezogen, hatte mit der Schule eigentlich schon abgeschlossen. Er wollte abbrechen und Autos verkaufen. Die Noten waren zu schlecht, auf drei verschiedenen Schulen sei er gescheitert. Die ESS war sein vierter Versuch, und hier war es wirklich anders, sagt er. Hier werde kein Schüler aufgegeben, hier gebe es Lehrer, denen wirklich daran gelegen sei, den Schülern zu helfen. "Hier habe ich gemerkt: Es geht", sagt Aydin. Er besucht das berufliche Gymnasium mit Schwerpunkt Ernährungswissenschaften, bald macht er Abitur. Dann will er Medizin studieren.

Vielfalt ist einer der Schlüsselbegriffe, wenn Grimme von ihrer Schule spricht, und damit meint sie auch die Vielfalt der möglichen Abschlüsse. Tatsächlich gleicht der Überblick über die Bildungswege, die an der Schule möglich sind, einem komplexen Verfassungsschema. Das berufliche Gymnasium ist ein Zweig von vielen, die Schüler können sich unter anderem in Agrarwirtschaft, Altenpflege, Heilpädagogik oder Kosmetik ausbilden lassen. Vom Hauptschulabschluss bis zum Abitur sind alle Abschlüsse möglich.

Dass die Schulpreisjury in diesem Jahr eine berufsbildende Schule auszeichnet, ist auch als Signal zu verstehen - als bewusste Aufwertung einer Schulform, der in den deutschen Bildungsdebatten viel weniger Aufmerksamkeit zuteil wird als etwa dem Gymnasium. Auch die Kultusministerkonferenz hat das Jahr 2017 zum Jahr der beruflichen Bildung ausgerufen. Sie will darauf hinweisen, dass es in Deutschland zu dem von vielen als Königsweg angesehenen Dreiklang Gymnasium, Abitur, Studium eine Alternative gebe: die berufliche Bildung, einen zweiten Königsweg.

"Wir werden immer ein bisschen belächelt", sagt Gisela Grimme. "Aber wer hat eigentlich definiert, dass es mehr wert ist, das kleine Latinum zu beherrschen, als eine super Torte zu backen?"