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Der Referendar über die Lehrprobe, Teil eins:Bloß nicht wahnsinnig machen lassen

Die Schwierigkeiten

In meiner Q11 habe ich normalerweise immer Doppelstunden, sprich 90 Minuten Zeit für meinen Unterricht. Die gemeine Lehrprobe aber währt nur 45 Minuten, das dürfte knifflig werden. Schreibarbeit dauert zu lange, Textarbeit ist zu fad. Ich brauche was Knackiges und Prägnantes.

Das geht schon mit dem Unterrichtseinstieg los, der Schüler und Prüfungskommission gleichermaßen begeistern soll. Ein "So, heute befassen wir uns mit ..." genügt nicht. Einfach nur lustig oder "shocking" zu sein ebenso wenig, ein gewisser pädagogischer Mehrwert muss erkennbar sein.

Dann wären da noch die variantenreichen Aufgaben- und Sozialformen. Idealerweise presse ich Einzelarbeit, Gruppenarbeit, Partnerarbeit, Stuhlkreis, Debatte, Rollenspiel und noch vieles mehr in die Prüfungszeit. Natürlich unter Verwendung möglichst vieler verschiedener Medien von Beamer über Whiteboard bis zum Poster. Das hat mit normalem Unterrichten wenig zu tun, muss in der Lehrprobe aber sein.

Jeder Schüler muss mindestens einmal drankommen. Ja, wirklich, auch das gehört zur Didaktik. Die Versuchung ist groß, in der Stresssituation die Schüler aufzurufen, die sich melden. Gebe ich dem stillen Schüler in der vorletzten Reihe den Vorzug, kostet mich das am Ende Zeit, die ich nicht habe. Trotzdem: Auch die Schwächeren sollen was sagen - wann, das plane ich bei der Vorbereitung gleich mit ein.

Die "runde Stunde": Wo ist mein roter Faden, der sich durch die gesamten Unterrichtsphasen zieht? Der am besten am Stundenende den Beginn erneut aufgreift und klarmacht: Die Lernziele wurden erreicht. Im Idealfall ertönt der Gong, wenn ich den letzten Buchstaben meines letzten Wortes ausgehaucht habe.

Der Einsatz

Meine Zukunft, drastisch ausgedrückt. Bei den aktuellen Einstellungschancen bedeutet eine mittelmäßige oder gar schlechte Note in der Lehrprobe nahezu das Aus - zumindest in Sachen Verbeamtung innerhalb Bayerns.

So wie man immer wieder von Kollegen/Panikmachern hört, bekommt man für eine Stunde, in der alles prima geklappt hat, eine 3. Bessere Zensuren grenzen schon an ein Wunder. Erst neulich erzählte mir eine Freundin von einer Grundschulreferendarin, die zu Zirkusmusik, im Dompteusenkostüm und mit einem Plüschaffen auf der Schulter die 45 Minuten hielt. Für diesen "Ganzkörpereinsatz" (für mich eher ein Akt der Selbsterniedrigung) gab es offenbar ein "sehr gut". Zum Affen werde ich mich trotzdem auf keinen Fall machen.

Die Lösung

Ich versuche, mich nicht wahnsinnig zu machen. Wie soll ich die Prüfer von meinen Fähigkeiten überzeugen, wenn ich die Hosen voll habe? Ich werde einfach so tun, als seien sie gar nicht da, als handele es sich um eine "ganz normale" Unterrichtsstunde.

Wobei das mit dem Ruhigbleiben von Tag zu Tag schwieriger wird, während regelmäßig Referendarskolleginnen und -kollegen im Lehrerzimmer ob des psychischen Drucks in Tränen ausbrechen. Wenigstens sind wir eine intakte Gruppe, trocknen gegenseitig Tränchen, sprechen einander Mut zu. Ellenbogenaktionen wären das Letzte, was wir gebrauchen könnten.

In zwei Wochen weiß ich Bescheid: ob auch mir jemand die Tränen trocknen muss oder ob ich triumphierend das Klassenzimmer verlassen kann.

Wie sich Pascal Grün in der Lehrprobe geschlagen hat, erfahren Sie in der nächsten Kolumne.

© SZ.de/mkoh/dd
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