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Der ideale Lehrer:250g Phantasie und eine Prise Strenge

Freundlichkeit, Verständnis, Humor, Gerechtigkeit und Wissen: Das sind aus der Sicht von Schülern die Eigenschaften, die ein guter Lehrer braucht. Auch starke Nerven und eine "Prise Schönheit" können nicht schaden. Doch die Realität sieht offenbar anders aus - deswegen erleiden Teenager oft den "Sekundarstufenschock".

Miriam Hoffmeyer

Man nehme 150g Freundlichkeit, 200g Ehrgeiz, 250g Phantasie, 50g Strenge, 850g Humor und ein Tütchen Schlagfertigkeit. Ergebnis: "Ein supertoller Lehrer!" Gymnasiasten aus Hemsbach an der Bergstraße haben sich Traumlehrer-Rezepte ausgedacht. Die Zutaten ähneln sich: Freundlichkeit, Verständnis, Humor, Gerechtigkeit und Wissen sind fast immer dabei, einige Schüler mischen auch starke Nerven und gute Laune in den Teig. "Eine Prise Schönheit" machen das Ergebnis noch ansprechender - das Auge lernt schließlich mit.

Der ideale Lehrer

Ein Meinungsforschungsinstitut befragte 700 sechs- bis zwölfjährige Schüler aus ganz Deutschland, wie sie sich ihren Traumlehrer vorstellen.

(Foto: iStockphoto)

Die Rezepte von ein paar Gymnasiasten sind natürlich nicht repräsentativ. Das Münchner Meinungsforschungsinstitut Iconkids & Youth wollte es genauer wissen und fragte 700 sechs- bis zwölfjährige Schüler aus ganz Deutschland, wie sie sich ihren Traumlehrer vorstellen. Das Ergebnis der Umfrage ähnelt den Hemsbacher Rezepten: Kinder wünschten sich vor allem "nette" Lehrer, die lustig sein sollen und "nicht zu streng".

Letzteres heißt allerdings nicht, dass alles erlaubt sein soll: Auf Nachfrage fanden zwei Drittel der Schüler die Lehrer am besten, die "ein bisschen streng sind und auch mal schimpfen und bestrafen, wenn man nicht macht, was man soll". Am konkretesten waren die Wünsche, wenn die Kinder von eigenen schlechten Erfahrungen in der Schule ausgingen. So wünschte sich eine Siebenjährige eine Lehrerin, die "nicht nach Rauch stinkt". Ein Elfjähriger meinte, Lehrer sollten gelassen bleiben und "nicht gleich hysterisch aus der Klasse rennen".

Sechstklässler erwartet der "Sekundarstufenschock"

Aus der pädagogischen Forschung ist bekannt, dass die Zufriedenheit der Schüler mit ihren Lehrern in der Grundschule am höchsten ist. Gegen Ende der fünften Klasse ändert sich das - Fachleute sprechen vom "Sekundarstufenschock". In der Oberstufe ist der überwiegende Teil der Schüler unzufrieden mit dem pädagogischen Personal. Verschiedene Erklärungen kommen dafür in Frage: Liegt es einfach daran, dass Jugendliche grundsätzlich kritischer über Erwachsene urteilen als Kinder? Oder können Lehrer die Ansprüche Jüngerer leichter erfüllen?

Der Erziehungswissenschaftler Jürgen Wilbert von der Uni Köln hat 2007 und 2010 Studien zum Unterschied zwischen "idealen und typischen" Lehrern vorgelegt, an denen 560 Schüler über einen Zeitraum von 13 Jahren teilnahmen. Dem "typischen Lehrer" ordneten viele Befragte negative Begriffe wie "müde, verschwommen, missmutig" oder "hart, streng, ernst" zu. Die wichtigste Eigenschaft des idealen Lehrers war Fairness. "Bei gleicher Leistung soll die gleiche Note vergeben werden, und das gleiche Verhalten soll die gleichen Folgen nach sich ziehen", sagt Wilbert.

Außerdem wünschten sich die Schüler Klarheit, Aktivität, Verständnis, Offenheit, Geselligkeit und Hilfsbereitschaft. Neben dem Fachwissen soll der ideale Lehrer auch ein gutes Allgemeinwissen haben. Kurz gesagt: Die erträumte Lichtgestalt lässt sich kaum noch als konkrete Person vorstellen. "Es scheint, als ob ein guter Pädagoge so viele gute Eigenschaften aufweisen soll, dass der Kern des Anforderungsprofils kaum noch fassbar ist", sagt Wilbert.

Ein 56-jähriger Biologe gilt als einer der besten deutschen Lehrer

Mehr Klarheit bringt möglicherweise der Blick auf einen echten Lehrer. Friedrich Lütke Twenhöven wurde im vergangenen Herbst mit dem Klaus-von-Klitzing-Preis als einer der besten deutschen Lehrer für Naturwissenschaften ausgezeichnet. Seit 20 Jahren unterrichtet der 56-Jährige Biologie und Chemie an der Hermann-Tast-Schule in Husum, jedes Jahr beteiligen sich viele seiner Schüler an naturwissenschaftlichen Wettbewerben wie "Jugend forscht".

An diesem Nachmittag unterrichtet Twenhöven Schüler der 13. Klasse im Projektkurs Technik, den er vor sechs Jahren ins Leben gerufen hat. Die Schüler bauen in Zweier-Teams funktionsfähige Windräder, Biogas- oder Solaranlagen. Die 19-jährige Anna-Katharina macht sich an grün leuchtenden LED-Schläuchen zu schaffen, in denen Algen und Torfmoose ihrer Verstromung in der schuleigenen Biogasanlage entgegenwachsen. "Herr Twenhöven ist immer für uns da", sagt sie. "Wenn wir Fragen haben, können wir ihn auch in seiner Freizeit anrufen."

Der Chemieunterricht, den Anna-Katharina vor sechs Jahren bei Twenhöven hatte, ist ihr immer noch gut in Erinnerung: "Wir haben sehr viele Versuche selbst gemacht, auch echt spannende. Zum Beispiel haben wir einen Bleistiftspitzer aus Metall zum Glühen gebracht und dann mit Wasser versucht zu löschen, das gab eine richtige kleine Explosion. So was bleibt im Gedächtnis."

"Komischerweise ist in der Didaktik von Begeisterung nie die Rede"

Zusammen mit einem Kollegen hat Twenhöven im Biologie-Trakt einen Tierraum mit Meerschweinchen, Mäusen, Ratten, Schlangen und Gespenstschrecken eingerichtet. Die Schüler wechseln sich in der Tierpflege ab. "Besonders die Kleinen kommen regelmäßig in der Pause zu den Tieren, so entwickeln sie Interesse für Biologie", erzählt Twenhöven. "Wenn die Aufmerksamkeit für ein Thema erst mal geweckt ist, muss das der Ausgangspunkt für tiefergreifende Überlegungen werden. Dieser Übergang ist die eigentliche Kunst."

Was macht seiner Meinung nach einen guten Lehrer aus? "Vor der Preisverleihung habe ich natürlich darüber nachgedacht. Ich lasse die Schüler vieles selbst erarbeiten. Und ich bin von den Themen begeistert, vielleicht ist es das", meint er. "Komischerweise ist in der Didaktik von Begeisterung nie die Rede, es geht immer nur um Methoden und Techniken. Ich fände es wichtiger, Lehrerpersönlichkeiten zu entdecken und zu fördern."

Übrigens folgen auch Twenhövens Schüler nicht immer brav dem Unterricht. Dann kann er auch mal streng sein: Ältere Schüler, die zu spät kommen, müssen zur Strafe etwas backen. Keinen idealen Lehrer, sondern einen realen Kuchen für die Klasse.

© SZ vom 19.01.2012/fran
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