Süddeutsche Zeitung

Kinderbetreuung in Corona-Krise:Und was ist mit den Kleinen?

Schulen sollen bald wieder öffnen, Kitas bis zu den Sommerferien geschlossen bleiben. Wer sich dann um die Kinder kümmert, bleibt unklar. Die Empfehlungen der Leopoldina zeigen, was passiert, wenn das Konzept der Fürsorge nicht mitgedacht wird.

Während Eltern von Schulkindern am Ostermontag ein kleines bisschen aufatmen konnten, bekamen diejenigen, die kleinere Kinder zu Hause haben, einen Schreck: Die Wissenschaftsgesellschaft Leopoldina empfahl in der Corona-Krise, Schulen so bald wie möglich wieder zu öffnen (was jedoch fehlte, war irgendein Hinweis, wann genau "bald" sein könnte). Kitas jedoch sollten - Kleinstgruppen von Vorschulkindern ausgenommen - bis zu den Sommerferien geschlossen bleiben.

Wer dann die Kinder unter sechs Jahren betreut? Im Papier heißt es dazu recht dürr: "Dies setzt voraus, dass berufstätige Eltern weiterhin durch eine sehr flexible Handhabung von Arbeitszeiten und -orten sowie finanziell unterstützt werden."

Man wüsste gerne, von wem. Zahlt der Staat den 3,5 Millionen betroffenen Familien nun eine Art Corona-Elterngeld? Falls ja, müsste es für eine deutlich längere Zeit erhältlich sein als die derzeit gültigen sechs Wochen. Für diesen Zeitraum bekommen Eltern, die ihre Kinder wegen der Corona-Krise selbst betreuen müssen, zwei Drittel ihres Gehalts vom Staat. Bis zum Ende der Sommerferien sind es in Bayern noch 22 Wochen.

Fast alle drei- bis sechsjährigen Kinder in Deutschland besuchen normalerweise eine Betreuungseinrichtung, bei den unter Dreijährigen ist es immerhin ein Drittel. Sie werden dort hingebracht, weil ihre Eltern in dieser Zeit etwas anderes zu tun haben, üblicherweise gehen sie währenddessen einem Beruf nach. Im vergangenen Jahrzehnt sind Betreuungsquoten parallel zur Erwerbstätigkeit der Mütter gestiegen, was auch das erklärte politische Ziel war.

Und nun? Sind die Kinder coronabedingt zu Hause - und Wissenschaft wie Politik tun so, als wäre Berufstätigkeit von Eltern etwas, was je nach Bedarf an- und ausgeknipst werden kann. Es sind gerade die Frauen - viele von ihnen mit Kindern -, die derzeit das Land als Kassiererinnen, Pflegekräfte, Krankenschwestern am Laufen halten. Wer glaubt, dass Frauen und natürlich auch Männer das alles schon irgendwie hinbekommen mit flexiblen Arbeitszeiten, Home-Office und ein bisschen gutem Willen, der hat keinen Schimmer, wie zeitraubend und kräftezehrend es ist, Fünfjährige in Drei-Zimmer-Wohnungen bei Laune zu halten. Gleichzeitig zu arbeiten, ist nahezu ein Ding der Unmöglichkeit.

Dass die Autoren des Leopoldina-Papiers nicht unbedingt nah am Kind sind, zeigt sich auch an anderer Stelle. Hinsichtlich der Grundschulen wird empfohlen, bis zu 15 Schüler gleichzeitig zu unterrichten, sie zu Distanz, Hygiene und dem Tragen von Masken anzuhalten und Pausen zeitversetzt stattfinden zu lassen, damit sich auch auf dem Hof die Viren nicht verbreiten. Wer so etwas vorschlägt, hat schon lange keine Horde Grundschulkinder mehr live erlebt - und war schon Jahrzehnte nicht mehr auf einer Schultoilette, in der selten Toilettenpapier und eigentlich nie Seife vorhanden ist.

Gut, das ließe sich fixen, das Land, das es schafft, mehr Menschen auf Corona zu testen als viele andere Nationen, wird wohl auch Seifenspender in Kindertoiletten regelmäßiger auffüllen können. Wenn Grundschulkinder aber in Kleingruppen und alternierend unterrichtet werden sollen, stellt sich auch hier die Frage, was eigentlich mit der Betreuung in der Zwischenzeit ist?

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Es wäre schön, wenn Politik und Expertengremien wie die Leopoldina demnächst Antworten auf die Frage präsentieren würden, wie professionelle Kinderbetreuung aussehen kann und soll. Doch es überrascht nicht, dass ausgerechnet dieser Aspekt fehlt und stattdessen leistungsfixiert vor allem über Schüler vor dem Abschluss nachgedacht wird. Die soziale und integrative Funktion, die Schule und Kita haben, wird nicht erwähnt, die Betreuungsfunktion nur am Rande. Diese Funktionen gehören ins Feld der Care-Arbeit. Der englische Fachbegriff bezeichnet alles rund um Pflege, Betreuung, Fürsorge, gemeinsam ist all diesen Tätigkeiten, dass sie schlecht oder gar nicht bezahlt und politisch oft ignoriert werden - wie auch jetzt.

Entscheider dürften oft wenig Berührungspunkte damit haben, sie haben für derlei Aufgaben Ehefrauen oder Personal. Am Leopoldina-Papier haben mehr Männer mit dem Vornamen Jürgen oder Thomas als Frauen mitgewirkt, nämlich jeweils drei gegenüber zweien. Insgesamt waren 26 Personen beteiligt. Das Schriftstück beweist, was passiert, wenn Gruppen zu homogen sind. Dann wird vieles übersehen.

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