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Schulschließungen:Corona-frei mit Folgen

Weitere Entwicklung beim Coronavirus in Bayern

"Diese fünf Wochen können ganz entscheidend sein": Die Schulschließungen sollen die Ausbreitung des Erregers verlangsamen.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Auf einmal geht alles sehr schnell: Ein Bundesland nach dem anderen sperrt Schulen und Kitas zu. Jetzt müssen Betreuung, Abitur und Lernen neu überdacht und organisiert werden.

Es ist ein Dilemma. Da hat Hamburg jahrelang nach Kräften die Ganztagsbetreuung ausgebaut, beinahe 100 Prozent der Grundschüler können inzwischen nachmittags betreut werden. Das Flächenland Baden-Württemberg dagegen bietet kaum jedem dritten Grundschulkind Betreuung an, Bayern jedem zweiten. Doch nun, in der Corona-Krise, macht ausgerechnet dieser Vorsprung der Hansestadt Schulschließungen schwer, weil sich besonders viele berufstätige Eltern auf die Betreuung verlassen. "Wir können nicht riskieren, alle Kindergärten zu schließen, alle Schulen zu schließen und dann vielen Menschen nicht mehr die Möglichkeit zu geben, als Krankenschwester, Krankenpfleger, Arzt oder Ärztin zum Dienst zu erscheinen", sagte Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher am Donnerstagabend. Einen Tag später ringt sich Hamburg dann doch zu Schulschließungen durch - allerdings für einen kürzeren Zeitraum als fast alle anderen Länder. Die Lage im Überblick.

Geschlossene Schulen und Kitas

Nachdem die Virologen vom Robert-Koch-Institut die französische Region Grand-Est als Risikogebiet eingestuft haben, ist das angrenzende Saarland am Donnerstagabend das erste Bundesland, das die Schließung aller Schulen verordnet. Auch Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg sind Nachbarn des Grand-Est, entschließen sich aber erst Freitagmittag dazu. Schon Freitagfrüh fällt Bayern seine Entscheidung, dort machen Schulen aller Art, auch private, von Montag an zu, bis zum Ende der Osterferien am 19. April. Etwas später heißt es auch in Niedersachsen, Schleswig Holstein, Bremen und Thüringen: Schulunterricht gibt es erst wieder nach den Osterferien. Berlin will stufenweise schließen, den Anfang machen am Montag die Oberstufenzentren. Mecklenburg-Vorpommern sperrte vorerst nur Schulen in Rostock und im Landkreis Ludwigslust-Parchim zu, am Samstag beschloss das Landeskabinett in Schwerin schließlich, dass ab kommender Woche alle Schulen geschlossen bleiben. Das schülerreiche Nordrhein-Westfalen lässt die Schulen von Montag an bis zum 19. April geschlossen, Sachsen-Anhalt bis zum 13. April. Hessen schließt die Schulen ab Dienstag, am Montag sollen die Schüler noch einmal erscheinen, um Lernmaterial zu bekommen. Brandenburg verschafft Lehrern und Eltern Luft, um den Übergang zu organisieren. Der reguläre Unterricht setzt vom 18. März an aus, der Schulbesuch sei aber weiter möglich, nur eben freiwillig. Auch Sachsen pausiert von Montag an die Schulpflicht, will Schließungen aber erst im Laufe der Woche festlegen. Für Hamburg gilt: Von Montag an sind die Schulen dicht. Oder besser gesagt bleiben dicht. Denn in Hamburg sind diesen Freitag die März- oder Frühjahrsferien zu Ende gegangen. Die jetzige Schließung gilt nur bis 29. März. Parallel schließen in den jeweiligen Ländern auch die Kitas.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) nennt die Zwangsbeurlaubung von Schulen und Kitas eine "ganz wichtige Maßnahme", um die Virusausbreitung zu verlangsamen. "Diese fünf Wochen können ganz entscheidend sein", sagte Söder. Aber stimmt das? Söder und seine Amtskollegen in anderen Ländern berufen sich auf die Expertise von Medizinern. Und erhalten dafür Rückendeckung vom Bund.

Am Freitag verteidigt die Bundesregierung die verschärften Maßnahmen mit dem Hinweis, dass Experten, unter anderem vom Robert-Koch-Institut, "äußerst dringlich dargelegt" hätten, wie wichtig die kommenden vier bis sechs Wochen seien. Bei dem Versuch, das Virus zu bremsen, sei "wirklich etwas zu schaffen, wenn wir die Zahl der sozialen Kontakte so sehr reduzieren, wie das geht", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert in Berlin. Das gelte auch für die Entscheidung, Schulen, Kitas und Hochschulen zu schließen, man müsse diese Wochen jetzt nutzen, "die sicher mitentscheidend sind für den Verlauf der Pandemie in unserem Land".

Kinderbetreuung

In extrem schwierigen Lagen muss manches Interesse hintenanstehen, das scheinen auch viele Eltern so zu sehen. Sogar in Hamburg spricht sich die Elternkammer für eine Schulschließung aus, obwohl Mütter und Väter dort wegen des guten Ganztagsangebots weniger eigene Betreuungsmöglichkeiten haben. Auch der Bundeselternrat betont das "Wohl unserer Gesellschaft", fordert aber zugleich Unterstützung bei der Kinderbetreuung und eine "Prioritätenliste" der Berufsgruppen, die vorrangig Anspruch auf eine Notbetreuung für den Nachwuchs haben. Bayern legt am Freitag einen Plan dafür vor: Arbeiten beide Eltern oder Alleinerziehende in "systemkritischen" Berufen, etwa bei Polizei oder Feuerwehr, in Arztpraxen oder Krankenhäusern, so haben sie Anspruch auf eine Notbetreuung für Kitakinder und Erst- bis Sechstklässler. Auch Nordrhein-Westfalen verspricht, diesen Berufsgruppen zu helfen, warnt aber im Gegenzug, von Montag an dürfe kein Kind eine Kita betreten, dessen Eltern nicht "in Bereichen der öffentlichen Ordnung oder anderer wichtiger Infrastruktur arbeiten".

Wie brisant die Betreuungsfrage ist, hatte schon am Donnerstag Hamburgs Bildungssenator Ties Rabe (SPD) dargelegt: "Elf Millionen Kinder in Deutschland sind unter 14 Jahren und brauchen eine Betreuung. Statistisch gesehen stehen hinter ihnen 15 Millionen Väter und Mütter oder Sorgeberechtigte, von denen 80 Prozent Beschäftigte sind." Für schätzungsweise zehn bis 20 Prozent dieser Beschäftigten müssten Kinderbetreuungen organisiert werden, weil sie am Arbeitsplatz unentbehrlich seien. Schulen flächendeckend schließen könne man eigentlich nur, wenn man für diese Eltern "gleichzeitig" Betreuungsangebote aufbaue, um keinen "Zusammenbruch der öffentlichen Daseinsvorsorge" zu riskieren, sagte Rabe. Ein Problem für viele Eltern dürfte sein, dass gerade die nicht einspringen sollten, die sonst gern helfen: die Großeltern. Seit Wochen schon warnen Virologen vor dem erhöhten Sterberisiko für Senioren, die am Coronavirus erkranken.

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Abitur

Kritisch sind die Schulschließung für Jugendliche, die kurz vor dem Abschluss stehen. In Hessen etwa beginnen die schriftlichen Abiturprüfungen schon kommenden Donnerstag, die anderen Länder folgen. Teils hieß es am Freitag, es werde an Notfallplänen für die Reifeprüfung gearbeitet. In Hamburg wies Ties Rabe darauf hin, dass die Abiturprüfungen Stoff aus der Unterrichtsphase abfragen, die bereits vor den Schließungen abgeschlossen war - die Abiturienten verpassen also in der Regel nichts. Man werde in der Hansestadt aber größere Räume anmieten, damit die Schüler weit genug auseinandergesetzt werden und die Prüfungen "unter maximaler Sicherheit" stattfänden. Außerdem plane man weitere Nachschreibetermine für erkrankte Schülerinnen und Schüler. Am Donnerstag hatten die Kultusminister verabredet, dass die Länder die Abschlüsse aus diesem Jahr in jedem Fall untereinander anerkennen und die Zulassungszeiten an den Unis gestreckt werden sollen.

Lernen aus der Ferne

Der Bildungsökonom Ludger Wößmann vom Münchener Ifo-Institut warnte vor einem "Lernstopp": "Das Jahr 2020 darf nicht als das verlorene Jahr in die Bildungsgeschichte der betroffenen Kinder und Jugendlichen eingehen", sagte er. Der Unterrichtsstoff soll nun möglichst online vermittelt werden. Viele Länder haben bereits Plattformen fürs digitale Lernen aufgebaut, in Bayern etwa das Portal "Mebis". Ob die Angebote aber für den Großeinsatz taugen, ist die Frage - wer die Mebis-Seite am Freitag ansteuerte, bekam zeitweise mitunter eine Fehlermeldung: "Kurzfristige Überlastung". Projekte wie die digitale Bildungsplattform "Logineo" in Nordrhein-Westfalen oder "ella" in Baden-Württemberg laufen holprig oder gelten sogar als gescheitert.

Verschiedene private Anbieter von Lernplattformen nutzen derweil die Corona-Krise, um auf ihre Angebote aufmerksam zu machen. Eine Schülergruppe, die nach einer Klassenfahrt nach Südtirol in Quarantäne ist, lernt inzwischen mit der Plattform Sofatutor. Die Schüler haben einen Zugangscode, um Aufgaben abzurufen und sich mit den Lehrer und Mitschülern per Videochat auszutauschen.

© SZ vom 14.03.2020
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