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Schulöffnungen:Ein Jahrgang, 16 Varianten

Coronavirus - Schulen in Berlin geschlossen

Vorfahrt für Ältere: Schülerinnen und Schüler, die Abschlussprüfungen machen, sollen früher an die Schulen zurückkehren. Es darf bloß nicht Unterricht heißen.

(Foto: dpa)
  • Am 4. Mai sollen die Schulen schrittweise wieder öffnen. So hat es Kanzlerin Merkel am Mittwochabend verkündet.
  • In Brandenburg und Berlin allerdings beginnen schon am Montag die schriftlichen Abiturprüfungen. Und auch andere Länder lassen ihre Abschlussklassen früher wieder in die Gebäude - für eine Art betreute Prüfungsvorbereitung.
  • Die Kultusministerkonferenz hat jetzt den Auftrag, "den Weg hin zu einer schrittweisen Öffnung der Schulen zu beraten". Einen solchen Fahrplan sollen die Länder bis zum 29. April vorlegen.

Von Paul Munzinger

Wann die Schulen in Deutschland wieder ihre Türen öffnen, und sei es nur einen Spaltbreit, ist für viele Familien zur Zeit die wohl drängendste der vielen drängenden Fragen. Seit Mittwoch gibt es nun eine Antwort, sie ist klar und kurz und scheinbar eindeutig: Am 4. Mai geht es wieder los. Schrittweise und behutsam, wie Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) betonte. Doch es dauerte nicht lange, bis manchen Beobachtern auffiel, dass der erste Schritt dieser schrittweisen Rückkehr in den Schulbetrieb nicht nach, sondern deutlich vor dem 4. Mai erfolgen wird - und dass die Länder ihn nicht gemeinsam gehen, sondern, so wie man das kennt vom Bildungsföderalismus, jedes für sich.

Den ersten Schritt werden die Schüler gehen, die Ende dieses Schuljahres einen Abschluss machen. Für Länder wie Brandenburg und Berlin gilt das sowieso, dort beginnen am Montag die schriftlichen Abiturprüfungen. Aber auch Nordrhein-Westfalen oder Sachsen lassen ihre Abschlussklassen von nächster Woche an wieder in die Schulen, zur Vorbereitung auf das Abitur, den mittleren oder einen anderen Schulabschluss. Und selbst Bayern, wo Ministerpräsident Markus Söder (CSU) den 4. Mai auf den 11. Mai verschoben hat, macht für seine finalen Jahrgänge eine Ausnahme. Vom 27. April an öffnen für sie die Schulen.

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Der Kniff, um diesen Widerspruch aufzulösen, geht so: Die Absolventen dürfen zwar in die Schule, aber nur für eine Art betreute Prüfungsvorbereitung. Für "Konsultationen", wie es etwa das sächsische Kultusministerium nennt, um gleich klarzustellen, was diese Konsultationen nicht sind: "Ein regulärer Unterricht findet nicht statt." Der läuft nämlich erst wieder, genau, am 4. Mai langsam an. Es ist eine Lösung, wie sie in dieser Vollendung wohl nur der deutsche Bildungsföderalismus hervorzubringen imstande ist. Sie erlaubt den 16 Bundesländern, einen gemeinsamen Rückkehrtermin zu präsentieren - mit Ausnahme Bayerns -, aber mit Blick auf die Abschlussklassen trotzdem nach dem jeweils eigenen Zeitplan zu verfahren. Und der sieht eben überall anders aus, bei den Prüfungen wie auch bei den Sommerferien. Dass dabei nicht jeder mitkommt, ist allerdings kein Wunder, zumal der Beschluss von Bund und Ländern am Mittwoch höchst missverständlich formuliert war. Die Länder mussten sich am Donnerstag beeilen, die selbst verursachte Verwirrung wieder zu beseitigen. "Wir begrüßen den Beschluss der Bundeskanzlerin und der Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten der Länder, denn er bringt Klarheit", sagte die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD) am Donnerstag - eine Aussage, die vielleicht nicht jeder so unterschreiben würde.

Hubig ist derzeit Präsidentin der Kultusministerkonferenz, die nun den Auftrag hat, "den Weg hin zu einer schrittweisen Öffnung der Schulen zu beraten". Einen solchen Fahrplan sollen die Länder bis zum 29. April vorlegen, bevor es dann nach dem langen Erster-Mai-Wochenende wieder losgeht. Die Abschlussklassen, nur zur Erinnerung, werden zu diesem Zeitpunkt in manchen Ländern schon fast zwei Wochen wieder in der Schule sein - aber, siehe oben, das gilt eben nicht als Unterricht.

Das Anforderungsprofil an dieses Länderkonzept sieht wie folgt aus: Es soll erstens erläutern, so formuliert es Hubig, "wie der Unterricht unter besonderen Hygiene- und Schutzmaßnahmen, insbesondere unter Berücksichtigung des Abstandsgebots durch reduzierte Lerngruppengrößen, insgesamt wieder aufgenommen werden kann". Es sollte zweitens, so forderte es Angela Merkel, ein "Schulbus-Konzept" und ein "Pausenkonzept" enthalten. Es sollte drittens die Frage beantworten, warum ein solches Konzept nicht längst vorliegt - schließlich arbeiten die Bundesländer schon seit Wochen an möglichen Szenarien. Und es sollte viertens geeignet sein, die nach wie vor erheblichen Bedenken zu zerstreuen.

Denn die Sorgen bei Lehrern und Eltern sind groß. Kann es in einer Schule, vor allem in den Pausen, gelingen, die Schüler auf einen Sicherheitsabstand zu verpflichten? Gibt es genug Klassenzimmer für den Unterricht in kleineren Gruppen? Gibt es genug Lehrer, wenn ein Teil von ihnen aufgrund des Alters oder von Vorerkrankungen ausfällt? Wie sollen an Schulen mit ihren berüchtigten Sanitäreinrichtungen Zustände geschaffen werden, die den Ansprüchen in Zeiten der Pandemie genügen? Und was passiert, wenn sich doch jemand infiziert? Welche Antworten die Länder auf diese Fragen finden, wird sich erst am 29. April zeigen. Im Beschluss von Bund und Ländern heißt es nur allgemein, jede Schule brauche einen Hygieneplan.

Welche Schüler im Mai als erste wieder an die Schulen dürfen, diese Entscheidung haben einzelne Länder dagegen schon getroffen. In Berlin zum Beispiel machen an Gymnasien die elften Klassen den Auftakt, an den Integrierten Sekundarschulen die neunten und zwölften Klassen, an den Grundschulen die sechsten Klassen. Analog gehen auch andere Länder vor, etwa Baden-Württemberg oder Nordrhein-Westfalen, nur dass dort die vierte Klasse die letzte an den Grundschulen ist. Bayern plant dagegen, die Grundschulen fürs Erste noch komplett geschlossen zu halten.

Ganz klar hat sich also ein Prinzip durchgesetzt. Vorrang haben die Schüler, die sich einer Nahtstelle des Bildungssystems nähern - einem Abschluss oder dem Übertritt an eine andere Schule. Die Länder setzen sich damit in einem wesentlichen Punkt über den Rat der Nationalakademie Leopoldina hinweg. Die Wissenschaftler hatten in ihrer am Ostermontag vorgelegten Stellungnahme empfohlen, den jüngsten Schülern bei einer Wiederöffnung der Schulen Priorität einzuräumen - also Grundschülern und Schülern bis zur 9. Klasse. Sie seien mehr "auf persönliche Betreuung, Anleitung und Unterstützung angewiesen" als ältere Schüler, die den Fernunterricht besser nutzen könnten.

Die bislang vorliegenden Stufenpläne folgen einer anderen Logik. Sie rücken nicht den pädagogischen Bedarf der Schüler in den Mittelpunkt, sondern ihre Prüfungen - und ihre (zumindest angenommene) Fähigkeit, Hygienemaßnahmen einzuhalten. Ein Mundschutz etwa sei Grundschülern nicht zuzumuten, sagte Bayerns Ministerpräsident Söder. Und auch mit Verhaltensappellen komme man hier nicht weiter. Für NRW hat Bildungsministerin Yvonne Gebauer (FDP) am Donnerstag ein unter diesen Umständen durchaus ambitioniertes Ziel verkündet: Jeder Schüler soll noch in diesem Schuljahr in die Schule zurückkehren. Die Sommerferien beginnen Ende Juni. Der Countdown läuft.

© SZ vom 17.04.2020
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