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Schule in Pandemiezeiten:"Meine Finger sind taub vor Kälte"

Corona und Schule: Hygienemaßnahmen vor Schulbeginn

Schön wär's: Ein Waschbecken im Klassenzimmer mit gut gefülltem Papierhandtuch- und Seifenspender.

(Foto: Philipp von Ditfurth/dpa)

Einfach war es an der Schule von Katharina Fleer schon vor der Pandemie nicht. Nun wird es richtig frostig. Tagebuch einer Lehrerin.

Katharina Fleer, 39, arbeitet als Lehrerin an einer Realschule Plus in Trier. In dieser Schulform fasste Rheinland-Pfalz vor zehn Jahren Haupt- und Realschulen zusammen. Am 23. Oktober überschritt Trier den Sieben-Tage-Inzidenzwert von 50. Die Schulen halten trotzdem am Präsenzunterricht fest, an weiterführenden Schulen gilt Maskenpflicht zu jeder Zeit auf dem gesamten Gelände. Seit Ende Oktober hat Fleer ihre Erfahrungen aufgeschrieben, Tag für Tag.

Mittwoch, 28. Oktober 2020

Der zweite Teil-Lockdown ist beschlossene Sache. Die Schulen bleiben diesmal offen - zum Glück!

Donnerstag, 29. Oktober 2020

8 Uhr. Meine Klasse. Neun Schüler fehlen. Acht von ihnen erscheinen nach und nach bis 8.20 Uhr. Nummer neun kommt sowieso nie. Im Klassenzimmer befinden sich 27 Personen. Abstand zueinander: maximal 50 Zentimeter. Die Seife ist leer.

10 Uhr. Andere Klasse, anderer Raum. Nach der Pause sind alle pünktlich! - Schüler: 17 - ohne Hausaufgaben: 12 - ganz ohne Arbeitsmaterial: 3 - Warten auf Ruhe, um mit dem Unterricht fortfahren zu können: 7 Minuten - Aufforderung, sich nach vorne in Richtung Tafel zu drehen: 11

15 Uhr. Lernzeit. Fünf Schüler haben in Ermangelung eines Hausaufgabenheftes nichts auf, lehnen Arbeitsaufträge ab, langweilen sich, stören.

16 Uhr. Dienstschluss. Nähe noch schnell fünf Masken: zweilagig plus Filter.

Freitag, 30. Oktober 2020

Der Schüler-Eltern-Lehrer-Sprechtag von 8 Uhr bis 19 Uhr wurde aufgrund des Infektionsgeschehens abgesagt. Wir haben normal Unterricht.

8 Uhr. Meine Klasse. Die Seife ist immer noch leer. Heute ist es ziemlich windig. Beim Lüften sitzen die Schüler am Fenster im Regen, ich stehe voll im Zug.

12.55 Uhr. Ich desinfiziere die Tische jetzt mit den Schülern am Ende jedes Schultages. Als alles eingesprüht ist, stellen wir fest, dass auch keine Tücher mehr da sind. Wir werfen Taschentücher zusammen.

15.30 Uhr bis 18 Uhr. Video-Sprechstunde als Sprechtag-Ersatz. Drei der sechs vereinbarten Termine werden nicht wahrgenommen. - 7-Tage-Inzidenz: 83,4 - Antrag auf einen Desinfektionsmittelspender pro Klassenzimmer: abgelehnt (zu teuer) - verbrauchte Masken: 3 - Küchenrolle gekauft

Montag, 2. November 2020

Seit heute gilt wieder: so wenige Sozialkontakte wie möglich. Im Lehrerzimmer wurden alle Stühle bis auf elf entfernt, obwohl wir schon seit einer Woche ununterbrochen Maske tragen und Abstand halten.

9 Uhr. Im Kurs sitzen vierzehn Schüler aus drei unterschiedlichen Klassen. Macht mit mir 15 Haushalte. Die Seife ist leer.

10.15 Uhr. Anlässlich des Attentats auf Samuel Paty am 16. Oktober werden wir um 11.15 Uhr eine Schweigeminute einlegen und sprechen über den Vorfall: "Der wurde ermordet?! Geil!" Auf meinen Hinweis, dass dies kein angemessener Kommentar sei, bekomme ich zu hören: "Sei froh, dass du nicht in Frankreich lebst. Das sind die Regeln. Pech!" Die Schweigeminute verläuft still und ohne Zwischenfälle. - Tagesbilanz: Kontakt mit 43 Haushalten (ohne Kollegen und Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln) - klingelnde Handys im Unterricht: 3 - Aufforderung, die Kapuze abzunehmen: 8 - 7-Tage-Inzidenz: 106,7 - Seife und Desinfektionsmittel gekauft.

Dienstag, 3. November 2020

Neben meinem Unterrichtsmaterial, Jacke, Mütze, Schal und Handschuhen habe ich jetzt eine Zusatztasche mit Seife, Desinfektionsmittel und Küchenrolle dabei.

9 Uhr. Elterngespräch: "Sie wollen doch meinem Kind nur ans Bein pinkeln." Weil es nie Arbeitsmaterial dabeihat? Weil es mehr als zehn Tage unentschuldigt gefehlt und deshalb eine Schulversäumnisanzeige bekommen hat? Weil es ständig aufsteht und durchs Klassenzimmer spaziert? Weil es das Herz am rechten Fleck hat? Weil es jeden Morgen zu spät kommt, da es sich um seine Geschwister kümmern muss, weil die Eltern nicht so früh aufstehen wollen? Weil es mindestens einmal pro Woche vor Hunger fast umfällt, da es weder Frühstück noch Pausenbrot bekommt? So viel könnte ich gar nicht trinken, wenn ich auch nur einem Elternteil ans Bein pinkeln wollte. - Elterngespräche: 1 - Drohung mit Dienstaufsicht: 1.

Mittwoch, 4. November 2020

10 Uhr. Pausenaufsicht. Alle Schüler (etwa 300) tummeln sich auf dem Schulhof. Das mit den Masken klappt seit Einführung der ständigen Tragepflicht besser, zumindest als Kinnschutz.

12 Uhr. Unterricht mit zwölf Schülern und zwei Integrationshelfern. Zusätzlich sind zwei Jungs, deren Fach wegen eines erkrankten Kollegen nicht stattfinden kann, meiner Gruppe zugeteilt. Da die Tafel seit Wochen kaputt ist, muss ich für mein Tafelbild auf einen Stuhl steigen. M springt mit oder auf seinem Stuhl auf und ab, balanciert seinen Tisch auf Händen und Knien. Mehrmalige Ermahnung, schließlich folgende Reaktion: "Ich verpiss' mich, dann kannste deinen Unterricht alleine machen!" Nach zehn Minuten ist er zurück und stört weiterhin. H und L hauen in unregelmäßigen Abständen mit der Faust oder der flachen Hand auf den Tisch. P muss pupsen, natürlich laut. Er akzeptiert den Vorschlag, dafür in den Nebenraum zu gehen - alle drei Minuten. M zerbricht Stifte, H redet ununterbrochen, auch während des Abschreibens. - Tagesbilanz: Kontakt mit 62 Haushalten (ohne Pausenaufsicht, Kollegen, Busfahrt) - Schüler, die ihr Handy benutzen: 62 - Schüler, die die Corona-App installiert haben: 0.

Donnerstag, 5. November 2020

6 Uhr. Zum Frühstück gibt es wie neuerdings jeden Tag eine Halsschmerztablette: Seit über einer Woche muss ich nicht nur wie gewohnt viel, sondern aufgrund der Maske auch viel lauter reden.

7 Uhr. Ich bin die zweite im Lehrerzimmer. Motivation: null. Heute laufen wieder viele Projekte, als wäre alles wie immer.

9 Uhr. Etwa sieben Minuten nach der Pause fragen vier Schüler, ob sie "auf Klo" dürfen, was ich verneine. Hitzige Diskussion darüber, was die Lehrerin (nicht) darf. - Zeitverlust: 5 Minuten.

10.15 Uhr. Stoße wie gewohnt an meine pädagogisch-didaktischen Grenzen bei dem Versuch, 18 Schüler aus zwei unterschiedlichen Jahrgangsstufen und insgesamt vier verschiedenen Klassen parallel in einer Fremdsprache zu unterrichten. Filmsequenz vorbereitet, allerdings das Wetter nicht bedacht: Die Sonne scheint. Da man unsere Klassenräume nicht abdunkeln kann, ist die Nutzung des Whiteboards hinfällig. Improvisation erfolgreich.

13 Uhr. Es ist mal wieder nicht genug Essen für die Ganztagsschüler da, obwohl einige fehlen. Mal abgesehen davon riecht das Essen so, wie es aussieht.

14 Uhr. Bin genervt. Seit 8 Uhr klingelt alle 20 Minuten ein Timer zum Lüften. Trotz Decken und warmer Kleidung frieren wir. Meine Finger sind taub vor Kälte. Schreiben schwierig.

15 Uhr. Bin total genervt. Die Seife ist leer. Wir desinfizieren die Tische mit meinem Desinfektionsmittel und meiner Küchenrolle. Schüler haben Kopfweh, ich auch. - Tagesbilanz: Kontakt mit 74 Haushalten aus 10 unterschiedlichen Klassen (ohne Kollegen und Busfahrt) - Ermahnungen, das Handy wegzupacken: 12 - Aufforderung, die Ohrstöpsel zu entfernen: 5.

Freitag, 6. November 2020

12 Uhr. Computerraum. Ein Kollege und ich versuchen, einer 9. (!) Klasse die Nutzung unserer Fernlern-Plattform zu erläutern: fehlende Arbeitsplätze: 5 - zurückgesetzte Passwörter: 3 - Schüler, die weder ihre Mailadresse noch ihr Passwort kennen: 12 - Rechtschreibprüfung: überflüssig (ein Großteil der Wörter ist so falsch geschrieben, dass das Programm sie gar nicht erkennt) - Wir verzichten auf das Speichern.

13 Uhr. Kollege und ich völlig fertig. - Schüler-Computerkenntnisse: 10% - Lehrer-Frustration: 95% - Neuinfektionen: 21 506.

Montag, 9. November 2020

10 Uhr. Klassenarbeit. M hat nichts gelernt und langweilt sich nach 15 Minuten. P zerhackt geräuschvoll seinen Radiergummi. Stammtischatmosphäre: heute wird gerülpst - Androhung von Nachsitzen bis zu den Weihnachtsferien hilft. Papiertücher sind leer. - Kinder, die behaupten, sie seien laut ihren Eltern zu dumm für alles: 7 - Bitte, den Kaugummi auszuspucken: 11 - verbrauchte Whiteboard-Stifte: 2 - Schlägerei: 1 - 7-Tage-Inzidenz: 111,2.

Dienstag, 10. November 2020

12.15 Uhr. Stehe voll bepackt (CD-Spieler, Kursbuch, Hefte, Reinigungsmittel) vor der Tür des Klassenzimmers, keine Hand frei. Die Schüler knubbeln sich, dicht gedrängt. "Warum schließen Sie nicht auf?" Selbstständiges problemlösendes Denken erfordert Zeit: etwa vier Minuten (ich kann ja nicht auf die Uhr schauen).

13.40 Uhr. Zwei verfeindete Clans gehen auf der Straße hinter der Schule aufeinander los. Eine Mutter/Anwohnerin ruft an und fragt, warum wir nichts unternehmen. Hinweis der Schulleitung, dass in diesem Falle die Polizei zuständig sei. - 7-Tage-Inzidenz: 101,3 - Räume ohne Desinfektionsmittel: 2/2 - Kollegen in Quarantäne: 2.

Mittwoch, 11. November 2020

Ein Fenster der Turnhalle wurde eingeschlagen. Mit einem Stuhl vom Sperrmüll.

7.59 Uhr. Bekomme heute einen neuen Schüler in meine Klasse, Nummer 28. In meinem Klassenzimmer ist kein Platz für einen weiteren Tisch. Das Pult wäre noch frei. Könnte Fensterbank und Waschbecken als Ablage nutzen (Seife leer).

8 Uhr. Vertretung. Ich habe keine Ahnung, was rationale und irrationale Zahlen sind. Schüler auch nicht. - ohne Taschenrechner: 7/12.

9 Uhr. Weiß jetzt, was rationale Zahlen sind.

9.30 Uhr. Ordnungsamt im Haus: der Rettungsweg ist zugeparkt.

10.15 Uhr. Meine Klasse. Ich bin stolz! Fast alle Schüler liefern ein super Rollenspiel mit guten Argumenten und ohne Beschimpfungen ab, geben sich gegenseitig konstruktive Kritik.

12 Uhr. Drei Schüler perfektionieren den Umgang mit selbstgefalteten "Knalltüten", wenn ich ihnen den Rücken zudrehe.

13.05 Uhr. Kann endlich auf die Toilette gehen, in mein Brot beißen und ein paar Worte mit Kollegen wechseln.

13.30 Uhr. Schlägerei mit möglichem Messereinsatz befürchtet. Polizei im Haus. Messer stellt sich als Gerücht heraus.

16.30 Uhr. Endlich raus: Durchatmen, ohne Maske! Ich müsste noch korrigieren, kann aber nicht mehr. - Tagesbilanz: Kontakt mit 53 Haushalten - verbrauchte Masken: 3 - Besuche vom Ordnungsamt: 1 - Polizeieinsätze: 1 - kaputte Fenster: 1.

Donnerstag, 12. November 2020

8 Uhr. Seife und Desinfektionsmittel sind leer. Dafür ist nur die halbe Klasse da, die andere Hälfte versucht sich noch mal an der Fernlern-Plattform. Bin begeistert. Es herrscht Ruhe, wir haben Platz, ich kann Unterricht halten, wie ich es gelernt habe.

10.15 Uhr. "Woher soll ich denn wissen, dass wir die Vokabeln auch lernen müssen?!" Das fragt K. Ich frage mich wie so oft, wie ich pubertierenden Schülern ohne berufliches Ziel die Bedeutung des Lernens klarmachen soll. An der Realschule Plus gibt es keine Abschlussprüfungen. Frustrierend. - Berufswunsch Hartzer: 3 - Arzt: 2 - Traumberuf "Schrotti": 5.

Freitag, 13. November 2020

7.45 Uhr. Stehtreff im Lehrerzimmer. Aus Kollegialität sitzt niemand mehr auf einem der elf Stühle. Sind schließlich alle tickende Corona-Zeitbomben.

10 Uhr. Pausenaufsicht. Ich wünschte, ich wäre ein Pappaufsteller mit integriertem "Maske auch über die Nase"-Tonband.

12 Uhr. Flyer mit Berufsinformationen in der Klasse verteilt. 95 Prozent ungelesen zu Papierfliegern verarbeitet. - Desinfektionsmittel: leer - Neuinfektionen: 23 542 - Wochen bis zu den Weihnachtsferien: 5.

© SZ vom 16.11.2020

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Nach der Schule kommt die große Freiheit, der beste Sommer. Außer es ist Corona. Über gewissenhafte 17-Jährige, Polizeikontrollen auf Partys und die Frage, wie man in Zeiten der Pandemie die Zukunft planen soll.

Von Julia Huber

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