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Contra Lateinunterricht:Latein wird überschätzt

Der Weg zu gutem Deutsch muss nicht über Latein führen, auch andere Fremdsprachen und sogar guter Deutschunterricht können behilflich sein. Ähnlich verhält es sich mit Fremdsprachen: Eine Studie von Ludwig Haag und Elsbeth Stern kam 2002 zu dem Ergebnis, dass Studenten mit Französischkenntnissen leichter Spanisch lernten als Studenten mit gleichwertigen Lateinkenntnissen. Latein wird überschätzt. Warum also nicht gleich die lebendige Sprache erlernen?

3. Latein ist unverzichtbar für eine umfassende Bildung.

Natürlich kann man fragen: Was bleibt den meisten vom Lateinunterricht außer ein paar Sinnsprüchen wie "Audaces fortuna adiuvat" (Den Tapferen hilft das Glück)? Und auch die sind nicht immer rasende Geistesblitze. Sicher, dies greift zu kurz. In der römischen (und griechischen) Antike wurzelt die westliche Kultur, sie brachte literarische, rhetorische und philosophische Meisterwerke hervor, die bis heute Gewicht haben. Damit ist jedoch nicht gesagt, dass der Lateinunterricht diese Wurzeln auch vermittelt.

In den ersten Jahren ist dies schon vom Sprachniveau her unmöglich, sie vergehen zwangsläufig mit Grammatik- und Vokabelpauken. Der Unterricht wird stark durch Übersetzungstechnik bestimmt, es gibt bis zur Oberstufe kaum Gelegenheit, einen Cicero oder Catull-Text philosophisch und historisch zu durchdringen. Dieses antike Erbe lässt sich auch an anderer Stelle vermitteln, sei es im Fach Geschichte, sei es durch die Lektüre von Übersetzungen. Die Entscheidung darüber, wie viel Latein noch zeitgemäß ist, ist eine Entscheidung darüber, welche Bildung noch zeitgemäß ist.

Die Welt und der Bildungskanon haben sich geändert

Wer auf Latein beharrt, blockiert faktisch andere, neue Inhalte. Bessere Alternativen gibt es genug: Fremdsprachen wie Französisch, Spanisch oder Italienisch. Damit würde man dem Leben in der EU gerecht, in dem sich die Bürger millionenfach über Grenzen hinweg austauschen. Diese Sprachen öffnen zudem eigene, gewichtige literarische und philosophische Welten. Hat uns eine Isabel Allende in ihrem Roman "Geisterhaus" heute nicht mehr zu sagen als Caesar in "De bello Gallico"? Fällt ein Jean-Jacques Rousseau im Original tatsächlich ab gegenüber einem Tacitus?

Eine Reduzierung des Pflichtlatein in Schule und Universität hat nichts damit zu tun, Bildung nach dem Nutzwert auszurichten. Es hat damit zu tun, dass sich der Bildungskanon ändert mit der Welt da draußen vor der Schule. Das haben auch die Römer schon gewusst: Non scholae, sed vitae discimus*, heißt es - Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir.

*Auf vielfachen Wunsch hier auch das Originalzitat von Seneca: "Non vitae, sed scholae discimus".

Lesen Sie hier die Pro-Latein-Argumente von Johann Osel.

© SZ vom 22.12.2014/kjan

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