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Computer in der Grundschule:Kleine Dopaminheads

In England und Amerika werden Computer schon in der Grundschule eingesetzt. Bei uns ist das verpönt. Falscher Ansatz, findet unsere Autorin. Hier ihre Langzeitbeobachtung.

Eigentlich müssten meine beiden Töchter längst Serienkiller sein. Oder wenigstens verhaltensauffällig und in Therapie, ratlos einen Bleistift in der Hand haltend, nicht in der Lage, einen Baum zu zeichnen, Blickkontakt zu halten, ein Mensch zu sein. Denn vom ersten Schultag an hatten sie ungeschützten Kontakt mit Computern, müssten also das perfekte Beispiel sein für die unausweichlich verkorkste Erziehung in der digitalisierten Welt.

Computereinsatz im Gymnasium

Computer in der schule gaben noch vor wenigen Jahren Anlass zu großen Diskussionen.

(Foto: DPA-SZ)

Computer sind mittlerweile an fast allem schuld. Das Nachrichtenmagazin Newsweek behauptete vor ein paar Wochen in seiner Titelgeschichte namens "I-mad!" sogar, dass die Gehirne von Internetabhängigen den Gehirnen von Drogensüchtigen und Alkoholikern ähneln.

Also bat ich neulich meine offenbar dopaminabhängigen Töchter, die ohne das Eintreffen neuer Mails und dem damit verbundenem Glücksgefühl angeblich nicht mehr leben können, sich zu erinnern, wie es losging, vor mehr als zehn Jahren. Sie sagten, es hätte alles ganz harmlos begonnen (wie bei allen Drogenkarrieren?), als sie, damals 6 und 8, im Computerraum einer öffentlichen Grundschule in Manhattan saßen. Zusammen mit den anderen Vier- bis Siebenjährigen. Und wie die meisten, spielten auch meine Töchter in dieser bei Müttern beliebten, weil kostenlosen Nachmittagsbetreuung Schach gegen den PC.

Sie ließen sich anschließend ohne Widerspruch abholen. Später lungerten sie auf den Schildkröten aus Stein am Washington Square Park herum, die Wasser speien können, und beobachten die glitzernden Wassertropfen, süß und staunend. (Oder waren das schon die ersten Anzeichen der Nerd-typischen Einsamkeit?)

Zur selben Zeit installierte der indische Erziehungswissenschaftler Sugata Mitra in einem Slum in Neu Delhi einen Computer mit Internetzugang in einer Maueröffnung, bewacht lediglich von einer Videokamera. Bald hing eine Traube von Kindern vor dem seltsamen Fernsehapparat. Das später an abgelegenen Orten im Land wiederholte, als "Loch in der Wand" berühmt gewordene Experiment bewies, dass sich Kinder selbständig, ohne Lehrer gegenseitig alle Funktionsweisen beibrachten, die sie interessierten. Die jüngeren Kinder zeigten es ihren älteren Geschwistern, selbst die dümmsten Kommentare der Zuschauer trugen zum Lernerfolg aller bei.

Das Internet und die Hausaufgaben

Kinder können tatsächlich alles und überall lernen,- unabhängig von Sprache, Klasse, Klima, Geld oder Religion. Nicht nur für uns, die wir ständig umziehen mussten, war das eine sehr beruhigende Erkenntnis.

2005 - wir wohnten unterdessen in London, im feinen Hampstead Heath - bekam unsere Kleine, mittlerweile acht Jahre alt, zwei Stunden in der Woche regulären Unterricht in Computertechnologie. Ihr Lehrer, der dicke, besonders freundliche Mr. Westermann, wurde von den Schülern zum Dank "Päderast" genannt. Er brachte ihnen Excel bei und Windows und "copy & paste". Während er sprach, malten die Schüler in ihren Heften die Kästchen aus. "Ich erzähle es dir bei Westermann", flüsterten sich die Mädchen auf dem Schulhof zu, wenn es noch etwas Wichtiges zu berichten gab.

Was weder wir noch Mr. Westermann damals wussten: Unsere Achtjährige, neu in der Schule, arbeitete damals gewissenhaft auf dem alten Laptop ihres Vaters ihre Lebenssituation auf. Sie zeichnete, während sich vor ihrem Fenster die Füchse hinter den Wäscheleinen duckten, Selbstporträts am PC, erzählte sich Geschichten, malte die Filmplakate dazu und entwarf schicke Einladungen an Klassenkameradinnen. Die Einladungen wurden nie verschickt. Vielleicht, weil kein Drucker existierte? Weil es nur eine äußerst wacklige Internetverbindung gab? Weil dem Kind als Außenseiter der Mut fehlte? (Oder war es nur ein weiteres Indiz ihrer Computersucht, nämlich fehlende Sozialkompetenz?) Jedenfalls fanden die Feste nur in ihrem Kopf statt.

Damit unsere Töchter ihre Hausaufgaben aus dem Internet kopieren konnten, nagelten wir ein dickes Kabel bis in den ersten Stock in den Teppich. Noch immer hielt sich ihre Sucht in Grenzen. Dem Rat einer Freundin folgend ("Für Kinder nur das Billigste") bekamen sie ausschließlich unsere ausrangierten Computer, und die waren für Spiele oder Chats viel zu langsam. Außerdem ließ ich sie jeden Tag lange, analoge Runden im Park drehen, immer im Kreis; schon um in Ruhe meine Kreditkartenverbindung bei net-a-porter.com eingeben zu können.

Später, auf dem Gymnasium, unterrichtete Mrs. Davis die Kinder in ICT, also: Information Communication Technology. Mrs. Davis war nicht mehr jung, konnte nach allgemeiner Einschätzung mit schwierigen Aufgaben nicht mehr belastet werden und bewahrte ihre Bleistifte im BH auf. Den älteren Kindern diktierte sie lange Einführungen zu Dickens' "Tagebuch eines Nichtsnutzes", damit diese lernen, mit zehn Fingern zu tippen. Es war quälend langweilig, und die Mädchen machten immer so lange Unsinn, bis Mrs. Davis ausflippte und mit langgedehntem iiiiiiiiii schrie: "I am really pied off!"

Und auch in den anderen Fächern klang der Einsatz von Computern eher harmlos. Wie der Lateinunterricht, in dem der Lehrer sich für gewöhnlich darauf beschränkte, zu fragen, ob kürzlich jemand in Rom zu Besuch gewesen sei, um dann eine Powerpoint-Präsentation über "Aphrodite" zu präsentieren. Und die ihm fehlenden Vokabeln rasch im Internet zu googeln.

In Deutschland ist alles anders

Dann zogen wir zurück nach Deutschland. Und machten sogleich eine sehr interessante Entdeckung: Computer und Schule gelten hier als verdächtige Kombination, ja als lernbehindernd.

Unsere deutschen Freunde sorgen sich um die geistige Entwicklung ihrer Kinder im digitalen Zeitalter und schicken sie entweder auf Privatschulen, in denen Chinesisch unterrichtet wird, oder auf Waldorf-Schulen. In beiden Fällen sind sie geleitet vom traditionellen Erziehungskonzept, demzufolge Kinder leere Gefäße sind, in die nur das wertvollste Curriculum hinein fließen darf.

Das führt immer wieder zu lustigen Situationen. Und lässt uns wiederum an Los Altos denken, wo die intellektuelle Elite aus Silicon Valley ihre Kinder in Waldorf-Schulen stricken lässt, während Daddy, angestellt bei Google, Apple oder Hewlett-Packard, den Scheck für das jährliche Schulgeld (17 750 US Dollar in der Grundschule) vom iPad aus ausstellt.

Auch ich habe nichts gegen Buntstifte und Papier, selbstgestrickte Socken oder Matsch, aber wenn die Kinder von ihren Eltern nur mehr den Haaransatz über einem silbern schimmernden Apparat sehen, ist doch die Frage, welches Verhalten tatsächlich korrigiert werden sollte und wem die Retrosehnsucht der Eltern in Wahrheit nützt.

Und heute, 2012? In Berlin muss man nicht extra auf eine Waldorf-Schule gehen, um keinen Computerunterricht zu bekommen. Ein hervorragendes, humanistisches Gymnasium tut es auch. An unserem gibt es für 800 Schüler gerade mal sechs Computer. Sie hochzufahren lohnt nicht. Es dauert zu lang. Einmal keuchte der Lehrer nach dem zehnten Versuch, einen der alten Kästen in Gang zu bringen: "Dann müsst ihr das eben zu Hause machen." Als daraufhin die Hälfte der Kinder dreist log: "Da haben wir aber keinen Computer!", wunderte der Lehrer sich nicht: "Ich auch nicht."

Da diese Kinder Eltern haben, die die Zeit abonnieren und die Kommaregeln beherrschen, muss man sich um ihre Bildungszukunft eher nicht sorgen. Es ist also einerlei, ob sie in der Schule mit Computern arbeiten. Die anderen hingegen, die in ein Loch in einer indischen Wand starren oder auf einen Fernseher im Wedding, die sollten unbedingt die Gelegenheit dazu bekommen. Natürlich kann man einen Lehrer nicht durch eine Maschine ersetzen. Aber einen Lehrer, der von einer Maschine ersetzt werden kann; den sollte man vielleicht schon ersetzen.