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College-Kultur in den USA:Schreckliche neue College-Welt

Wer seinen eigenen Abschluss in der Waschbeton-Welt westdeutscher Reform-Universitäten gemacht hat und wie einen Steuerbescheid oder ein Mahnschreiben zugestellt bekam, wird trotzdem immer mit einem feuchten Schleier in den Augen über so einen Campus wandern. Aber heute alles daran setzen, das eigene Kind in so etwas unterzubringen? Schwierig, wenn man zurzeit die amerikanischen Medien verfolgt. Die Schatten des rassistischen Erbes spielen dabei im Augenblick aber noch die geringste Rolle, die sind ohnehin immer ein Dauerthema in allen amerikanischen Gesellschaftssphären.

Was das Land bewegt, ist "Campus Rape". Nachrichten über Vergewaltigungen im Studentenwohnheim gehören inzwischen fast schon genauso zum mythischen Grundbestand von Amerikas Universitäten wie der grüne Rasen, die Football Mannschaften, die sexuell übergriffigen Aufnahmeschikanen der Studentenverbindungen ("Hazing") und deren feuchte Feiern, die diesen Ver-gewaltigungen oft voraus gehen.

Eine New Yorker Kunststudentin, die seit Wochen demonstrativ die Matratze über den Campus der Columbia University schleppt, auf der sie erst einvernehmlich, dann jedoch gegen ihren Willen mit einem Kommilitonen Sex gehabt habe, war das Titelbild des New York Magazins und der Gegenstand einer großen Reportage in der New York Times.

Ein Gesetz muss den Sex regeln

In Kalifornien ist Ende August ein Gesetz erlassen worden, wonach nicht nur nicht "Nein", sondern laut und klar "Ja" gesagt werden muss, bevor auf dem Campus straffrei Sex gehabt werden darf. Kaliforniens Senate Bill Nummer 967 will nicht weniger, als die Definition von "einvernehmlichem Sex" in die Ausdrücklichkeit einer eidesstattlichen Versicherung überführen. Zu oft war offensichtlich nach Ansicht der Senatoren beim Feiern auf dem Campus ein Nein als Ja fehlinterpretiert worden.

Sogar der Football, stets Stolz und Zierde jeder Universität und Freude der Sports-freunde im ganzen Land, denn beim College Football geht es im Gegensatz zur Profiliga wirklich um etwas (nämlich um den gladiatorenhaften Kampf überwiegend schwarzer junger Männer, es in die Beamtenexistenz eines amerikanischen Football-Profis zu schaffen), sogar dieses amerikanische Nationalheiligtum steckt derzeit in einer massiven PR-Krise.

Diesen Herbst sind allein drei junge Football-Spieler innerhalb einer Woche an den Folgen ihres Sports gestorben, und auch in dem Land, das derlei lange als Gerede verweichlichter Europäer abtat, werden die Warnungen der Ärzte vor den Langzeitschäden vernehmlicher, denn ständige Erschütterungen des Kopfes lassen auf Dauer offenbar nicht nur den Unterschied zwischen Ja und Nein ein bisschen schwummerig werden.

Es wäre nun schön, wenn man sagen könnte, dass das alles nur folkloristisches Beiwerk ist und nicht den Kern der Universitäten anrührt, das Lehren, das Lernen, das Forschen, so wie das Studentenleben schließlich auch im Heidelberg des 19. Jahrhunderts als feucht und fragwürdig galt, die Universität hingegen als exzellent und ehrenwert. Aber das ist leider nicht so.

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