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Brexit:Die ersten liebäugeln mit einem Wechsel, auch nach Deutschland

Die toxische Mischung aus Fremdenfeindlichkeit, drohenden Kürzungen und Unsicherheit über den künftigen Rechtsstatus treibt offenbar bereits Forscher aus dem Land. Wie viele abwandern, oder wie viele etwa von Großbritannien nach Deutschland wechseln, wird nicht flächendeckend erfasst.

Und doch gibt es Zahlen, die zeigen, dass der anstehende Brexit auch an den Forschern nicht spurlos vorbeigeht. Erste Adresse für Spitzenforscher, die aus dem Ausland nach Deutschland wechseln wollen, ist oftmals die Humboldt-Stiftung in Bonn, sie vergibt Stipendien und Preise, mit denen Wissenschaftler in Deutschland arbeiten können. Im Programm, das sich an Promovierte bis hin zu Professoren wendet, pendelte die Zahl der Bewerber aus dem Vereinigten Königreich jahrelang um die 80, im Jahr der Brexit-Abstimmung 2016, als die Bewerbungen schon gelaufen waren, zählte man 70. Im Jahr darauf bemühten sich 119 um einen Platz und auch für dieses Jahr erwartet die Stiftung etwa 100 Bewerber - ein Fünftel mehr als in der Vor-Brexit-Zeit. Dabei geht es um Bewerbungen aus Großbritannien, egal ob dies Briten, Deutsche oder Inder sind. "Auffällig ist der Anstieg der Bewerbungen von nicht-britischen Europäern" aus dem Vereinigten Königreich, erklärt die Humboldt-Stiftung.

Von 19 auf 27 Prozent

Ein ähnliches Bild ergibt sich bei dem Programm, das sich nur an Professoren wendet, die sogenannten Humboldt-Professuren. In den Jahren 2014 bis 2016 kam knapp jeder fünfte (19 Prozent) der Nominierten von der Insel, in den Jahren 2017 bis 2019 mehr als jeder Vierte (27 Prozent). "Es gibt nach wie vor eine Abwanderungstendenz aus Großbritannien", sagt Enno Aufderheide, der Generalsekretär der Humboldt-Stiftung. Man stelle ein gesteigertes Interesse aus dem Königreich fest, "Brexit ist ein Thema", sagt auch Anne Schreiter, Geschäftsführerin der German Scholars Organization, der Berliner Verein berät weltweit Wissenschaftler, die in Deutschland Karriere machen wollen. Und die Technische Universität München erklärt, sie habe in diesem Jahr gerade die fünfte Zusage für eine Professoren-Berufung aus Großbritannien erhalten, 2015 und 2016 waren es noch jeweils zwei gewesen. Das kann Zufall sein - oder den Trend widerspiegeln.

Stephanie Forkel spürt bereits, wie die große Politik an ihrem Institut Spuren hinterlässt. "In meinem Bereich wird viel von der EU finanziert", sagt sie. Die Uni-Leitung hat ihr bereits mitgeteilt, dass sie keine Beförderung auf eine feste Stelle erhalte, bis der Brexit geregelt sei. Im kommenden November aber läuft ihr Forschungsprogramm aus - und damit fällt auch ihre Stelle weg. "Es sind schon einige weggegangen, auch wegen des Brexit", sagt sie. "Ich schätze, mindestens ein Drittel von uns ist bereit, anderswo weiterzumachen", sagt Rainer Klages.

Forscherin Forkel: "Die Stimmung hat sich sehr gewandelt nach dem Brexit-Referendum."

(Foto: Privat)

Enno Aufderheide sieht mit Bedauern, dass die Bande zu den britischen Kollegen bald loser werden dürften. So können britische Wissenschaftler sich im Falle eines Brexits ohne Anschlussregelung nicht mehr auf gemeinsame EU-geförderte Projekte bewerben, mit ihren Anträgen waren sie bisher überdurchschnittlich erfolgreich gewesen. "Die haben extrem starke Wissenschaftler, mit denen wir sehr gerne zusammenarbeiten", sagt Aufderheide. "Das ist traurig. Aber auch eine Chance, die wir nutzen müssen", sagt er - um Spitzenforscher nach Deutschland zu holen.

Genau diesen Braindrain befürchten die britischen Wissenschaftseinrichtungen, auch wenn Royal-Society-Chef Ramakrishnan bisher von nur "anekdotischen Belegen" spricht - man höre Geschichten über abwandernde Wissenschaftler, belastbare Zahlen gibt es aber auch im Königreich noch nicht. Seine Organisation aber warnt, die Forscher in Großbritannien kämen aus aller Welt und arbeiteten mit Kollegen quer über den Globus zusammen. "Sie haben gute Möglichkeiten, ihre Karrieren anderswo fortzusetzen." Und die neuen Förderpläne des Premiers? "Ich hoffe, diese sind aufrichtig", sagt Ramakrishnan. Auch er hat jedoch im Blick, wie großflächig Boris Johnson gerade Versprechen abgibt, um die Angst vor einem harten Brexit zu zerstreuen. Aber wenn es dann an vielen Stellen wirtschaftliche Probleme gebe und die Regierung vielen Branchen helfen müsse, dann sei doch die Frage: "Können sie uns helfen? Davor fürchten wir uns", sagt Ramakrishnan.

"Bei den britischen Forschern spürt man Wut"

Zusammen mit anderen führenden Wissenschaftlern versucht er seit Jahren immer wieder, Einfluss zu nehmen auf die Brexit-Politik, mit Appellen, Briefen an die Premierminister und den EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker, mit Aufsätzen und Faktensammlungen, ganz nach Art der Wissenschaftler. Deren Sorgen scheinen in der Debatte allerdings eher am Rande zu interessieren. "Bei den britischen Forschern spürt man Wut. Sie sind wütend auf eine verlogene Politik. Aber auch frustriert, dass sie die Lügen der Brexit-Kampagne nicht entlarven konnten. Man fühlt sich machtlos", sagt der Humboldt-Generalsekretär Aufderheide.

Boris Johnson verschärfe mit seinem kompromisslosen Brexit-Kurs die Lage, sagt Rainer Klages. Deutschland müsse da gar nicht groß um Forscher aus Großbritannien werben, "es gäbe genug, die kommen wollen - es gibt bloß keine Jobs", sagt der Mathematikprofessor. "Wir haben begonnen, uns umzusehen", sagt Stephanie Forkel. Sie wird das Land aller Voraussicht nach verlassen, nach 13 Jahren in Großbritannien. Sie hat bereits ein Angebot - aus Frankreich.

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