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Blog zu Referendaren:"Sie sind kein richtiger Lehrer"

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Catrin Kurtz ist froh, das Referendariat hinter sich zu haben.

(Foto: Illustration: Katharina Bitzl)

Wenn im Klassenzimmer Böller gezündet werden, kann das nur eines bedeuten: Vorne am Pult steht ein Referendar. Lehrerin Catrin Kurtz über Junglehrer - und solche, die besser einen anderen Beruf ergriffen hätten.

Aufatmen am Referendarstisch im Lehrerzimmer: 800 Lehrerstellen in Bayern sollen nun doch nicht gestrichen werden. Die Zukunft ist für unsere Referendare gerade wieder ein bisschen rosiger geworden.

Lehrjahre sind keine Herrenjahre, heißt es. Es könnte auch heißen: Lehrerjahre sind keine Herrenjahre. Referendare haben längst keine Garantie mehr auf einen lebenslang sicheren, gut bezahlten Job mit stetig kleiner werdendem Arbeitsaufwand. Obwohl sich dieses Berufsklischee hartnäckig hält. Stattdessen werden sie von Schuljahr zu Schuljahr mit befristeten Angestelltenverträgen abgespeist.

Und dann ist da ja noch: die Schule. Okay, auch das ist vor allem ein Vorurteil, das nur manchmal wahr ist - dazu später mehr. Aber tatsächlich haben es Referendare an bayerischen Realschulen heute nicht leicht.

Unterrichtshospitationen, Prüfungen, Lehrproben. Im ersten Schuljahr sind Referendare vor allem eins: wieder in der Schülerrolle. Sie werden überprüft, korrigiert und benotet. Der Seminarlehrer - für alle Nicht-Lehrer: eine Art Ausbilder, der dasselbe Fach unterrichtet - ist im Unterricht immer dabei. Und mischt sich auch gerne mal ein.

Aus dem letzten Loch

Ich erinnere mich mit Schrecken an ein Erlebnis aus meiner eigenen Referendarszeit: Ich hielt eine Stunde Religion in einer zehnten Klasse, unter strenger Beobachtung meiner damaligen Seminarlehrerin. Die Schüler hatten von mir die Anweisung bekommen, in Kleingruppen zu diskutieren, und unterhielten sich wirklich rege zum Thema. Da ertönte plötzlich aus der letzten Reihe ein schriller Pfeifton. Meine Ausbilderin blies mit hochrotem Gesicht in ihre Trillerpfeife (kein Scherz), die sie immer um den Hals trug. Die Jugendlichen waren ihrer Ansicht nach zu laut.

Die Einzige, die ob dieser ohrenbetäubenden Disziplinierungsmaßnahme tatsächlich erstarrte, war ich. Die Schüler brachen dagegen in Lachen aus, woraufhin meine Seminarlehrerin abermals die Backen aufblies. Doch just in diesem Moment gab ihre treue Trillerpfeife den Geist auf, mehr als ein Fiepen brachte sie nicht hervor. Die Schüler lagen vor Lachen unter den Tischen, während ich verzweifelt versuchte, Herrin der Situation zu werden. Das gelang mir aber erst, als ich die Unruhestifterin mit dem gebotenen Respekt des Raumes verwies. Unser Verhältnis nach dieser Episode kann durchaus als zerrüttet bezeichnet werden.

Unschön ist auch, wenn man sich vom Seminarlehrer (diesmal für Deutsch) anhören muss, man hätte "massive Disziplinprobleme" in den Klassen. Dieser dabei aber vergisst, dass die Schüler auch in seinem Unterricht Flaschen in Richtung Lehrerpult werfen.

Ein dickes Fell tut not

Im zweiten Jahr des Referendariats ist man dann plötzlich völlig auf sich allein gestellt. Kein Seminarlehrer ist mehr im Unterricht mit dabei; man kann machen, was man will (natürlich immer im Rahmen des Lehrplans). Die guten Referendare blühen dann auf und probieren sich aus. Allerdings hat die Freiheit auch Schattenseiten - zumindest für diejenigen Referendare, die sich nicht durchsetzen können. Denn natürlich testen die Schüler nun ihre Grenzen aus. Ich habe schon von Feuerwerkskörpern gehört, die während der Stunde im Klassenzimmer gezündet wurden, und von Schülern, die die Tür von innen verrammelt und den Referendar kurzerhand ausgesperrt haben.

Ein dickes Fell ist da genauso wichtig wie pädagogisches Geschick. Ein typischer Spruch lautet beispielsweise: "Sie sind ja noch gar kein richtiger Lehrer!" Mit solchen oder ähnlichen Sätzen muss man sich auseinandersetzen und dabei möglichst souverän bleiben. Dann bekommt man vielleicht auch das größte Lob aus Schülermund zu hören: "Man merkt gar nicht, dass sie noch gar kein richtiger Lehrer sind".

Referendare haben aber nicht nur mit renitenten Schülern, sondern auch mit uneinsichtigen Eltern zu kämpfen. Bei manchen leuchten die Warnlampen auf, wenn sie hören, dass der Nachwuchs "nur" einen Referendar im Unterricht hat. Natürlich, diese Müttern und Väter wollen das Beste für ihr Kind - aber warum sollte es das nicht bekommen?

Nicht zuletzt wegen des Notendrucks im Referendariat sind viele Referendare überdurchschnittlich engagiert. Und mangelnde Erfahrung wiegen sie mit frischen Ideen auf. Da werden Projekte veranstaltet, innovative pädagogische Ansätze ausprobiert, und neue Medien ganz selbstverständlich in den Unterricht eingebunden. Davon könnte sich manch gestandener Kollege eine Scheibe abschneiden.

Zwischen den Ferien hat man ganz schön viel Schule

Klar, es gibt auch die anderen Referendare, die sich das alles ganz anders vorgestellt hatten. Die Lehrer geworden sind, weil sie nicht wussten, was sie sonst machen sollten. Die vor allem einen sicheren Job gesehen haben und ernsthaft erstaunt und vollkommen überfordert sind, wenn sie merken: Zwischen den vielen Ferien hat man auch ganz schön viel Schule - und Schule bedeutet Schüler.

Viele merken sogar selbst, dass sie im Lehrerberuf an ihre Grenzen stoßen. Aber nach bis zu sechs Jahren Studium was anderes machen? Undenkbar! Und so quälen sie sich und die Schüler und letztlich ganze Kollegien durch den Schulalltag. Schlimmer sind nur noch die, die nicht realisieren, dass etwas schief läuft, und beratungsresistent sind: "Wieso, ist doch okay, wenn Tobi und Larissa sich gegenseitig über die Tische schubsen - das sind halt Kinder!"

Manchmal bleibt den betreuenden Lehrern in solchen Fällen nichts anderes, als ganz offen zu sagen: "Sie sind für diesen Beruf nicht geeignet, lassen Sie uns doch gemeinsam nach Alternativen suchen."

Schokoselige Ruhe

Inzwischen bin ich selbst Seminarlehrerin und kann sagen: Ich hatte bis jetzt immer Glück mit meinen Referendaren. Bei meiner aktuellen Referendarin habe ich mir beispielsweise abgeguckt, wie man das leidige Problem mit der Gruppeneinteilung elegant und vor allem geräuschlos lösen kann. Normalerweise geht das nicht ohne Geschrei, denn aus Lehrersicht mag es total Sinn machen, Maja und Leonie zu trennen - doch die "allerbesten Freundinnen für immer" würden ob dieser pädagogischen Zwangsmaßnahme am liebsten den Gerichtshof für Menschenrechte anrufen.

Meine Referendarin hat Maja, Leonie und die anderen Siebtklässler beim letzten Mal einfach Schokoriegel ziehen lassen. Die mit derselben Sorte waren in einer Gruppe. Und es war schokoselige Ruhe.

© SZ.de/jobr/leja/rus

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