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Bildungsmonitor 2019:Deutschland tritt auf der Stelle - das Saarland nicht

Schulanfang in NRW

Vielerorts geht wieder die Schule los. Laut "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft" haben sich die Bildungssystem der Länder zuletzt aber nur wenig gebessert.

(Foto: dpa)

Wo werden die Schulen besser? Wo findet man leicht eine Lehrstelle? Die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft hat die Bundesländer verglichen. Das Ergebnis ist überraschend.

Mit seinen Schulen und Hochschulen macht dieses kleine Bundesland ganz am westlichen Rand der Republik meist nicht von sich reden. Auf einer Landkarte kann man das Saarland schnell zwischen Frankreich und den Benelux-Staaten übersehen. Und wann wurde zuletzt groß über die saarländische Bildungspolitik diskutiert?

Die Universität in Saarbrücken wurde nicht mit einem Titel bedacht, als Deutschland kürzlich seine neuen Exzellenzuniversitäten kürte, genau wie in den drei Runden zuvor. Vor wenigen Wochen brachte die Bildungsministerin aus Baden-Württemberg ein "Zentralabitur auf süddeutschem, mithin bayerischem, Niveau" ins Gespräch. Vom Vorbild Saarland war in der aufgeregten Diskussion dagegen keine Rede. Und in der Debatte um die Deutschkenntnisse von Grundschülern wurde zuletzt eher Hamburg als Musterland genannt, wo Kinder weit vor der Einschulung getestet und gefördert werden.

Dass aber ausgerechnet das Saarland besonders große Sprünge in der Bildungspolitik gemacht hat? Das würde man nicht unbedingt erwarten.

Ein Länder-Ranking der arbeitgebernahen "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft" bescheinigt nun aber genau das. Die Ökonomen haben Bildungsdeutschland vermessen und 93 teils sehr verschiedene Kennzahlen zu einem Index zusammengefügt - von der Quote der Schulabbrecher über das Alter der Lehrer bis zur Zahl der Ingenieursabsolventen. Am besten schnitten zwar Sachsen und Bayern ab - die üblichen Verdächtigen also. Am stärksten aufgeholt im "Bildungsmonitor" hat von 2013 bis heute aber das Saarland. Es steigerte sich in sechs Jahren um 16,2 Punkte und liegt im Länderranking jetzt auf Platz 4.

Insgesamt tritt Deutschland jedoch auf der Stelle. Im Schnitt haben sich die Länder im selben Zeitraum nämlich nur noch minimal verbessert. Das Ranking aus dem Arbeitgeberlager zeichnet damit ein ähnliches Bild wie andere Studien. Die Leistungen deutscher Schülerinnen und Schüler im Pisa-Test stagnierten zuletzt eher. Im IQB-Ländervergleich, den die Kultusminister regelmäßig in Auftrag geben, schnitten Deutschlands Viertklässler sogar schlechter ab. Da auch Zahlen aus dem IQB-Vergleich in die Rangliste des "Bildungsmonitors" einfließen, wäre es verwunderlich, wenn die Ergebnisse der "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft" deutlich anders ausfielen.

Bessere Chancen auf eine Lehrstelle, mehr Schulabbrecher

Um den Index zu verstehen, muss man ihn allerdings erst wieder auseinanderfädeln: Hinter der Stagnation stehen gute Entwicklungen an der einen Stelle, die durch schlechte an anderer zunichte gemacht werden. Der vordergründige Stillstand verdeckt viele sehr gegenläufige Bewegungen.

Deutlich günstiger ist die Lage auf dem Ausbildungsmarkt: Auf 100 junge Menschen kamen zuletzt 67,7 Ausbildungsstellen. Dabei rechnen die Forscher zur Zahl der abgeschlossenen Lehrverträge die Stellen hinzu, die unbesetzt blieben. Im Jahr 2017 lag diese Quote noch bei 64,8 Prozent. Mehr Kinder als früher bekommen zudem eine Ganztagsbetreuung in der Schule. Unter den Grundschülern kletterte der Anteil von 40,8 auf 41,6 Prozent, an den weiterführenden Schulen von 43,4 auf 44,8 Prozent.

Zum Teil gab es allerdings auch deutliche Verschlechterungen. So ist die Zahl der Schulabgänger ohne Abschluss in die Höhe gegangen - innerhalb eines Jahres von 5,7 auf 6,3 Prozent. Besonders oft betroffen sind junge Migrantinnen und Migranten. 18,1 Prozent von ihnen brachen zuletzt die Schule ab; ein Jahr zuvor waren es 14,2 Prozent. "Dieser Fehlentwicklung dürfen die zuständigen Politiker in Bund und Ländern nicht tatenlos zusehen", sagt Hubertus Pellengahr, der Geschäftsführer der "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft".

Was ist im Saarland passiert?

Hinter die Zahlen schauen muss man auch, um zu verstehen, was in den jeweiligen Bundesländern geschehen sein könnte. Hamburg zum Beispiel verbesserte sich im Vergleich zu 2013 vergleichsweise stark und kämpfte sich im Länderranking auf Platz fünf vor. Damit liegt Hamburg klar vor den anderen Stadtstaaten, die auf den hinteren Plätzen liegen. Ein Grund dafür ist, dass die Schülerleistungen in Hamburg besser geworden sind; auch in den IQB-Vergleichsstudien der Kultusminister hatte Hamburg aufgeholt. Bayern hat sich im aktuellen "Bildungsmonitor" ein wenig verbessert, weil sich die Lage auf dem Lehrstellenmarkt im Freistaat besonders günstig entwickelt hat.

Und was genau ist im Saarland passiert? Im Vergleich zum Vorjahr haben sich aus Sicht der Autoren folgende Bereiche verbessert:

  • Das Land steckt einen besonders großen Anteil seines Budgets in die Studierenden. Die Ausgaben pro Student lagen 2,7-mal höher als die pro Einwohner. Im Jahr 2016 wurde pro Student 2,29-mal so viel ausgegeben wie pro Einwohner.
  • Die Hochschulen investieren mehr. Der Anteil der Investitionsausgaben an den Gesamtausgaben der saarländischen Hochschulen ist von 4,0 im Jahr 2016 auf 15,5 Prozent im Jahr 2017 gestiegen.
  • Der Anteil der Grundschüler mit Ganztagsbetreuung ist im selben Zeitraum von 47,6 auf 50,8 Prozent gestiegen. Damit liegt das Saarland nun leicht über dem Bundesschnitt.
  • Positiv bewerten die Forscher es auch, wenn ein großer Anteil junger Menschen in einem Bachelor- statt in einem traditionellen Diplom- oder Magisterstudiengang startet - weil das Studium kürzer ist und die Absolventen damit schneller auf den Arbeitsmarkt kommen. 70,8 Prozent aller Studienanfänger im Saarland schrieben sich zuletzt in einem Bachelorstudiengang ein. Im Jahr 2016 waren es 69,5 Prozent.

Das Beispiel zeigt bereits, wie anfällig der Index ist. Kürzt ein Land bei der Polizei, im Gesundheitswesen oder bei den Sozialleistungen, steigen im Vergleich dazu die Ausgaben für Studierende - der Index verbessert sich. Baut es eine medizinische Fakultät auf, an der klassischerweise auf ein Staatsexamen und nicht auf einen Bachelorabschluss hin studiert wird, verschlechtert er sich. In einem Land wie dem Saarland mit wenigen Schulen und Hochschulen fallen kleine Änderungen stark ins Gewicht: Es braucht nur ein paar Grundschulen mehr, die ein Ganztagsangebot starten, schon steigt der Wert deutlich. In den Index fließen zudem viele Faktoren ein, auf die die Bildungspolitik nur bedingt Einfluss nehmen kann, wie zum Bespiel die Zahl der Lehrstellen, die auch von der Wirtschaftslage abhängig ist.

Die Autoren schreiben selbst, dass sie das Bildungsgeschehen aus einer "explizit ökonomischen Perspektive" beschreiben. Wer jenseits der Rangtabellen einen Schluss aus den Daten ziehen will, muss genauer hinsehen.

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