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Bildungskritiker Bernhard Heinzlmaier:"Was uns fehlt, sind humanistische Eliten"

Der Philosoph Richard David Precht hat in diesem Jahr eine "Bildungsrevolution" propagiert - allerdings nicht nur auf inhaltlicher, sondern auch auf systemischer Ebene. Er will das seiner Ansicht nach ungerechte, dreigliedrige Schulsystem abschaffen.

Ich halte nichts von Gesamtschulen, in denen alle Schüler gleichgemacht werden. Wir brauchen in der Bildung nicht mehr Gleichheit, sondern individuelle Förderung. Was uns fehlt, sind humanistische Eliten, die in der Lage sind, solche Bücher zu schreiben, wie es Herr Precht tut. Ich finde, am System wurde in den letzten Jahren zu viel herumgedoktert - man soll es um Gottes Willen in Ruhe lassen. Viel wichtiger wäre, gängige Unterrichtsmethoden infrage zu stellen: Wollen wir unsere Kinder mit Frontalunterricht quälen, wo ihnen fertige Lösungen vorgesetzt werden, die sie in Multiple-Choice-Klausuren wieder ausspucken müssen? Oder wollen wir Unterricht lieber im Sinne des sokratischen Gesprächs gestalten, den jungen Leuten dabei helfen, sich selbst Wissen anzueignen?

Schulunterricht

"Wir brauchen in der Bildung nicht mehr Gleichheit, sondern individuelle Förderung", sagt Bildungsforscher Heinzlmaier.

(Foto: dpa)

Aber gleiche Bildungschancen gelten doch als Schlüssel zu sozialer Gerechtigkeit.

Es ist eine fatale Illusion zu glauben, dass man über irgendein institutionelles Arrangement - sei es Krippe, Kindergarten oder Schule - gleiche Bildungschancen für alle schaffen kann. Denn die Unterschiede entstehen durch die Sozialisation im Elternhaus. Jemand, der in der bürgerlichen Mittelschicht erzogen wird, hat Startvorteile, ein kulturelles und soziales Kapital. Das kann jemand aus den unteren Sozialschichten in der Schule nur mit größten Anstrengungen aufholen - eher noch, wenn er bildungsbewusste und ehrgeizige Eltern hat.

In Ihrem Buch zitieren sie den Schauspieler Moritz Bleibtreu mit dem Satz: "Ich wünsche mir, dass es wieder cool wird, klug zu sein." Wie begeistert man Schüler wieder für Bildung und speziell für humanistische Bildung?

Das ist die große Frage. Humanistische Bildung wurde über Jahrzehnte systematisch und auf irreversible Art und Weise beschnitten. Wenn man viel Geld in die Hand nimmt, kann man sie einer kleinen Elite vielleicht wieder zugänglich machen. Mich stimmt aber vor allem der Blick auf die kulturellen Konkurrenzangebote - wobei sich dieser Ausdruck eigentlich verbietet - skeptisch bis pessimistisch. Bildung, egal welcher Art, kämpft heute gegen regelrechte Volksverblödungsmaschinerien in Form der Privatfernsehsender, denen die Menschen Tag und Nacht ausgesetzt sind. Wie soll da ein Interesse an Goethes Werken entstehen?

Aber es haben doch auch viele Schüler und Studierende das Gefühl, dass etwas grundlegend falsch läuft, und gehen auf die Straße - gegen G8, gegen Bachelor und Master. Stimmt Sie das nicht hoffnungsvoll?

Noch ist es ja nur ein Funke des Protests, der hier und da aufflackert. Das Problem ist, dass es uns wirtschaftlich zu gut geht. So lange fast jeder ein Stückchen vom Konsumglück abbekommt, hält sich das Aufbegehren in Grenzen. Der Konsumismus ist der stärkste Systemstabilisator. Erst wenn sich die Mehrheit kaum noch etwas leisten kann, wird der unbedingte Änderungswille zum Flächenbrand, wie man gerade in Ländern wie Spanien oder Griechenland sieht.

Also ist die Krise in gewisser Weise eine Chance für Bildungssysteme, die an ihrer Wirtschaftsorientierung kranken?

Absolut, ja. Die heutige Jugend ist mit dem Diktat der Wirtschaft aufgewachsen, für sie ist es ganz normal, sich dem unterzuordnen. Erst wenn das ökonomische System Schwächen offenbart, entstehen Zweifel - und hoffentlich der Wunsch nach anderen Werten.

IQB-Studie

Die Aufgaben des Bildungsvergleichs