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Bildungsforscher Hurrelmann über das G8:Gegen den Leerlauf

Kann im G 9 die Persönlichkeit besser reifen, wie die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft sagt?

Das kann sie, aber nur unter bestimmten Bedingungen. Den Schülern nur ein Jahr mehr zu geben, ist kein pädagogisches Konzept. Es kommt darauf an, was man daraus macht, es muss also ein Plan dahinterstehen. Da hat das alte Gymnasium sehr viele Schwächen gehabt.

Welche?

In dem System mit 13 Schuljahren führte der Übergang nach der 10. Klasse in einen Korridor mit vielen Freiräumen. Das ist zunächst einmal positiv, aber es fehlte die Struktur. Aus diesem Grund entstand viel Leerlauf, vor allem in Jahrgangsstufe 11.

Nun ist der Leerlauf geringer geworden, dafür hört man immer wieder, der Stress im G 8 mache Kinder krank. Wissenschaftliche Belege gibt es nicht. Halten Sie das trotzdem für plausibel?

Wenn man innerhalb von kurzer Zeit den Weg zum Abitur um ein Jahr verkürzt, die Schüler aber die gleichen Anforderungen bewältigen müssen, dann erzeugt das enormen Stress. Das ist eine gewaltige Druckwelle, auch für die Eltern. Diese Überforderung ist wissenschaftlich zwar schwer nachzuweisen, aber nach dem, was Eltern und Lehrer berichten, plausibel.

Es gibt mittlerweile viele Ansätze, das G 8 zu korrigieren: Stoff streichen, nachmittags mehr unterrichten, langsameren Schülern das G 9 anbieten. Was muss Ihrer Meinung nach geschehen?

Die Wahlmöglichkeit zwischen G 8 und G 9 für jedes Gymnasium ist rein pädagogisch gesehen ein sehr kluges Konzept. Aber jetzt haben wir gerade einmal den zweiten G-8-Jahrgang abgeschlossen. Vieles am G 8 wird sich in drei Jahren eingespielt haben, weil es Routine geworden ist und Fehler korrigiert wurden, da bin ich sicher. Jetzt noch einmal Änderungen einzuleiten, halte ich für sehr riskant. Das ist ein politisches Ablenkungsmanöver, das zu weiterer Unruhe beiträgt.

Sollte wenigstens der Lernstoff weiter reduziert werden?

Nein, der ist genug entschlackt. Nun geht es darum, die Zeit besser zu nutzen mit Schritten zu einer effektiven Ganztagsschule. Zudem muss es Wahlmöglichkeiten geben. Die Kultusminister sollten das G 8 neben dem G 9 weiter anbieten, aber an unterschiedlichen Schulen. Das Konzept, in 13 Jahren zum Abitur zu gelangen, wie etwa an den Sekundarschulen in Berlin, ist vielversprechend.

Das G 8 ging mit weniger Wahlmöglichkeiten einher. Sollten die Schüler sich selbst wieder mehr entlasten können, etwa, indem sie Mathematik ablegen?

Dies hat sich nicht bewährt. Die Länder verlangen zu Recht einen Kanon aus Deutsch, Mathematik, einer Fremdsprache und einer Naturwissenschaft. Ich hoffe, die Länder bleiben dabei, alles andere würde die Schullandschaft weiter zersplittern. Das sollten wir unbedingt vermeiden.