Bildungsbürgertum versus Prekariat Haarsträubendes Verhalten

Diese Eltern machen vieles falsch. Das kann nerven. Über sie erheben darf man sich aber nicht. Das aber passiert zur Zeit, und das empört mich zunehmend: diese Verachtung, die von den Gebildeten kommt. Sie haben Kultur, sie haben gute Berufe, sie haben Geld. Sie haben - auch am Vorbild anderer Menschen - gelernt, wie man sich in unterschiedlichen Situationen benimmt. Sie lesen in Büchern, Zeitschriften und im Internet. Sie tauchen in andere Welten ein, lernen Perspektivenwechsel, üben sich in Toleranz. Sie sind das Denken gewöhnt. Sie können ihr eigenes Verhalten reflektieren und korrigieren.

Nur: Viele tun es nicht - und merken nicht, wie ihr Verhalten haarsträubend wird.

Aus sicherer Quelle hat mich diese Geschichte erreicht: Der Sohn eines gut situierten Akademikerpaares tat sich in der Schule durch heftigen Schimpfwortgebrauch hervor: "Du Schwuchtel!" gehörte zu seinen Lieblingsausdrücken. Die Lehrerin, eine erfahrene, reife Frau, bestrafte ihn dafür, was dem Jungen missfiel. Er behauptete, die Lehrerin habe ihn " Schwuchtel" genannt. Alle Mitschüler wussten, dass die Anschuldigung erfunden war. Die Eltern aber zerrten die Lehrkraft durch sämtliche Instanzen.

Ohne Respekt und überheblich

Oder: Der Leiter einer Grundschule in sehr guter Gegend erzählte mir von Eltern, die den Anwalt einschalten, wenn der Übertritt ihrer Kinder aufs Gymnasium gefährdet ist, manchmal auch schon bei einer zu schlechten Note in einer Probearbeit. Den Lehrern gegenüber träten diese Eltern ohne Respekt und überheblich auf. Manchmal würden seine Kollegen vor aller Augen lächerlich gemacht.

Schul-Streitigkeiten

Wenn Eltern mit dem Anwalt kommen

Klassenarbeiten werden auf Konzeptionsfehler durchforstet, Pädagogen als unfähig dargestellt: Immer mehr Familien gehen juristisch gegen die Schulen ihrer Kinder vor. Der bayerische Lehrerverband hat deshalb seine Rechtsabteilung aufgestockt.   Von Tina Baier

Wenn Menschen mit hohem Bildungsniveau sich derart ungehörig verhalten, nehme ich ihnen dies übel. Ich empöre mich, wenn sie weder ihr eigenes noch das Verhalten ihrer Kinder reflektieren, wenn ihnen egal ist, was sie anderen antun und was ihr Verhalten bei ihren eigenen Kindern auslöst. Sie wären zu Besserem in der Lage.

Ja, es gibt auch eine Lehrerverachtung von unten, sie soll nicht verschwiegen werden. Der Sohn des Türstehers protzt mit dem dicken Auto seines Vaters und lässt den Lehrer spüren, dass er ihn für ein armes Würstchen hält. Was, Ihr Polo ist nicht tiefergelegt? Sie haben kein einziges Tattoo am Körper? Ihre Familie isst immer Bio? So ein Scheiß! Welch ein armseliges Leben!

Damit kann ich aber besser umgehen als mit der Verachtung der Gebildeten. Natürlich auch, weil das oft unfreiwillig komisch ist. Vor allem aber kann ich mit den Motiven dieser Verachtung besser umgehen. Verachtung hat ja immer etwas mit Verunsicherung und Ich-Schwäche zu tun: Ich mache mich selbst stärker, indem ich andere herabsetze. Wer aus den beiden Welten das nötiger hat, liegt auf der Hand.

Sie versuchen, ihr Leben irgendwie hinzukriegen

Nicht wenige der Menschen aus dieser anderen, nichtbürgerlichen Welt nötigen mir großen Respekt ab. Viele arbeiten für Hungerlöhne, nicht selten in zwei bis drei Jobs. Sie sind zerrissen zwischen Sprachen und Kulturen, müssen Trennungen und persönlichem Scheitern ins Auge sehen. Sie kriegen ihre eigenen Schwächen nicht in den Griff und müssen die Verlockungen der Wirtschaft genauso aushalten wie die Ansprüche ihrer Kinder. Sie erleben sich selbst als glück- und hilflos. Und halten trotz allem durch und versuchen, ihr Leben irgendwie hinzukriegen.

Ich spüre da sehr viel Würde. Weitaus mehr als bei denen aus der Welt des guten Geschmacks und der Benimmregeln, die sich unsozial, unreflektiert und selbstgerecht verhalten.

Lehrerin Heidemarie Brosche ärgert sich über die Verachtung der Gebildeten.

(Foto: oh)

Heidemarie Brosche, 58, schreibt Sachbücher, Kinderbücher und Jugendbücher - und arbeitet als Hauptschullehrerin in der Nähe von Augsburg. In ihrem Deutschunterricht startet sie immer wieder Schreibprojekte.