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Bildungsbericht:An der Digitalkompetenz mangelt's

Bildungsbericht ´Bildung in Deutschland 2020"

Computer im Klassenzimmer: Laut jüngstem Bildungsbericht sind sie immer noch eher die Ausnahme.

(Foto: dpa)

Der Bildungsbericht bestätigt, was viele Eltern erleben: Wie gut digitaler Unterricht klappt, hängt sehr von der Haltung der Lehrkräfte ab. Und: Obwohl das Schulsystem durchlässiger geworden ist, lässt der Trend zu höheren Abschlüssen nach.

Tausende Eltern, Kinder und Jugendliche erfahren es seit Mitte März am eigenen Leib, nun ist auch wissenschaftlich von höchster Stelle bestätigt: Die deutschen Schulen sind auf digitalen Unterricht nur mangelhaft vorbereitet. Zu diesem Ergebnis kommt der jüngste Nationale Bildungsbericht, den eine Gruppe von Wissenschaftlern im Auftrag der Bundesregierung und der Länder erstellt und am Dienstag vorgestellt hat.

"Sich in einer digitalisierten Gesellschaft zurechtzufinden, an dieser teilzuhaben und die eigene Biografie zu gestalten wird künftig entscheidend von digitalen Kompetenzen abhängen", heißt es in der alle zwei Jahre veröffentlichten Untersuchung. Doch ein "beträchtlicher Teil" der Bevölkerung - Kinder und Jugendliche ebenso wie Erwachsene - verfüge "bislang allenfalls über rudimentäre digitale Kompetenzen".

Während die digitale Lehre an den Hochschulen eine immer größere Rolle spiele, hinke die Entwicklung an den Schulen dem Rest der Welt hinterher. 2018, als Corona noch fern war und die für die Studie verwendeten Daten erhoben wurden, bereiteten sich demnach 42 Prozent der Achtklässler mit digitalen Medien auf die Schule vor - in der Schule aber nutzten diese nur 23 Prozent. Weniger als die Hälfte der Schüler hatte Zugriff auf ein Lernmanagementsystem, gerade einmal ein Viertel auf W-Lan in der Schule.

Bund und Länder haben unter dem Druck der Ereignisse mittlerweile nachgesteuert und unter anderem den Digitalpakt um 500 Millionen Euro aufgestockt. Für das nächste Schuljahr haben sich die Länder jüngst vorgenommen, "die Digitalisierung des Lehrens und Lernens" weiter voranzutreiben. Das Fazit des Bildungsforschers Kai Maaz, Mitverfasser der Studie und Sprecher der Autorengruppe, ist trotzdem mehr als deutlich. "Bislang", sagt er, "fehlt es an einer überzeugenden und abgestimmten Strategie für die Bildung in einer digitalisierten Welt."

Die Länder wollen auch die Fortbildung der Lehrkräfte "zügig" ausbauen. Und auch in diesem Punkt bestätigt der neue Bildungsbericht viele Erfahrungen der letzten Monate. Ob und wie digitale Medien eingesetzt werden, hänge stark von der Lehrerin oder dem Lehrer ab, von der "Grundhaltung des Personals", wie es in der Studie heißt. Und nicht selten entpuppt sich das, was als digitale Lehre verkauft wird, als analoger Unterricht im modernen Gewand - das Arbeitsblatt als Pdf-Datei ist dafür das wohl berüchtigtste Beispiel.

42 Prozent der Lehrkräfte sind 50 Jahre oder älter

Apropos Lehrer: Von großem Interesse mit Blick auf das kommende Schuljahr ist neben dem Thema Digitalisierung die Frage, wie die Länder sicherstellen wollen, dass genügend Lehrkräfte zur Verfügung stehen. Der KMK-Beschluss vom Freitag schweigt sich dazu aus, verspricht aber einen Regelbetrieb in der Schule, in den üblichen Klassen und "nach geltender Stundentafel". Wie das gelingen soll, ist durchaus fraglich. Schon lange vor Corona plagte die Schulen ein erheblicher Lehrermangel, den die Krise noch einmal erheblich verschärft hat. Der Bildungsbericht hat darauf zwar auch keine Antwort, illustriert aber die Herausforderung: Fast 42 Prozent der Lehrkräfte an Schulen sind 50 Jahre oder älter.

Fast ein wenig versteckt, aber durchaus deutlich ist der Appell der Autoren an die Länder, bei der Digitalisierung der Schulen selbstbewusster und geschlossener gegenüber der Privatwirtschaft aufzutreten. Die technische Infrastruktur werde "in Schule und Hochschule derzeit nicht selten von Medienunternehmen bereitgestellt, die ihre Interessen gegenüber vereinzelt agierenden Akteurinnen und Akteuren des Bildungssystems zur Geltung bringen, mit teils erheblichen Problemen für den Datenschutz".

Bemerkenswert sind darüber hinaus vor allem zwei Entwicklungen. Erstens: Die "einst rigiden Strukturen im Bildungssystem" sind in den vergangenen Jahren aufgeweicht worden, das Schulwesen ist durchlässiger - "so flexibel wie noch nie", sagt Bildungsforscher Maaz. Das liegt vor allem daran, dass das einst dreigliedrige Schulsystem - Gymnasium, Realschule, Hauptschule - in vielen Ländern einem zweigliedrigen gewichen ist. Neben dem Gymnasium gibt es dort eine weitere Schule, etwa die Gemeinschaftsschule, die alle Abschlüsse anbietet. Die Folge: Nach wie vor trennen sich die Wege der Schüler früh, in den meisten Ländern nach der vierten Klasse. Doch auf welche Schule ein Kind dann wechselt, ist nicht mehr so vorentscheidend. "Bildungswege werden heutzutage nach der Grundschule weniger vorbestimmt als früher", heißt es in der Studie. "Entscheidungen über Abschlüsse können auch später getroffen werden."

Trend zu höher Bildung stößt offenbar an Grenzen

Deutlich gestiegen ist in den letzten zehn Jahren auch der Anteil der Menschen, die eine Hochschulreife erreichen. 2008 traf das auf ein Viertel der Bevölkerung über 15 Jahre zu, 2018 auf ein Drittel. Doch dieser "über viele Jahre anhaltende Trend zu höherer Bildung" ist dem Bericht zufolge offenbar an einer Grenze angelangt. Die Übergangsquoten auf das Gymnasium stagnierten, in manchen Ländern seien sie sogar rückläufig, ebenso wie zuletzt die Absolventenquoten mit mittlerem Abschluss und Hochschulreife. Erreichten 2014 noch 53 Prozent der Absolventen eine allgemeine oder eine Fachhochschulreife, waren es vier Jahre später nur noch 50 Prozent.

Und das System ist nicht nur nach oben durchlässiger geworden, sondern auch nach unten. Die Zahl der Schüler steigt, die durch alle Raster fallen und die Schule ohne jeglichen Abschluss verlassen. Nach einem Tiefstand im Jahr 2013 erhöhte sich der Anteil dieser Abgänger von 5,7 auf 6,8 Prozent. "Es gibt viel Licht, aber auch noch Schatten", fasst Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) die Ergebnisse des Bildungsberichts zusammen.

© SZ.de/berk
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