Süddeutsche Zeitung

Bildungsbarometer:#MeToo sollte Thema an den Schulen sein

Lesezeit: 3 min

Von Matthias Kohlmaier

Sind Männer und Frauen in Deutschland wirklich gleichgestellt? Was ist sexuelle Belästigung und was nicht? Braucht es Geschlechterquoten an Schulen, Unis und im Job? All das sind Fragen, die spätestens seit Beginn der #MeToo-Debatte in großen Teilen der Gesellschaft diskutiert werden. Und viele Menschen sind auch der Meinung, dass es Fragen sind, die im Schulunterricht einen Platz haben sollten. Das zeigt das ifo Bildungsbarometer 2018.

Für die repräsentative Studie hat das Münchner Institut 4000 Erwachsene und erstmals auch 1000 Jugendliche im Alter von 14 bis 17 Jahren befragt. Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick:

Gleichstellung in den Unterricht

Die befragten Männer und Frauen sind sich zwar nicht bei allen Themen einig, bei diesem aber sehr wohl. Dreiviertelmehrheiten sind in beiden Gruppen dafür, dass im Schulunterricht Gleichstellung, Gewalt und Machtmissbrauch von Männern gegenüber Frauen und sexuelle Belästigung behandelt werden. Das sehen auch die Jugendlichen so, wobei wie bei den Erwachsenen auch hier die Zustimmung unter den männlichen Befragten etwas geringer ist als unter den weiblichen.

Dass eine öffentliche Debatte über sexuelle Belästigung geführt wird, finden deutliche Mehrheiten richtig. Sexuelle Belästigung in Deutschland sehen darüberhinaus 45 Prozent der Frauen und 30 Prozent der Männer als ernsthaftes Problem (den Jugendlichen wurde diese Frage nicht gestellt). Für kein oder ein kleines Problem halten es 22 Prozent der Frauen, aber 37 Prozent der Männer.

Eine breite Mehrheit ist außerdem dafür, dass Sexualkundeunterricht von der Grundschule an erteilt wird. 64 Prozent der Männer sowie 70 Prozent der Frauen sprechen sich auch dafür aus, dass sexuelle Vielfalt an den weiterführenden Schulen thematisiert wird.

Klares Nein zur Geschlechtertrennung an den Schulen

Die Deutschen wünschen sich, dass Jungen und Mädchen gemeinsam unterrichtet werden - unabhängig vom Schulfach. Nach Geschlechtern getrennten Unterricht in Mathematik und Sprachen lehnen die Erwachsenen wie auch die Jugendlichen entschieden ab. Auch beim Sport können sich viele Befragte ein Miteinander vorstellen. Ausnahme sind die jungen Frauen: 54 Prozent von ihnen möchten lieber ohne die Jungs Sportunterricht haben.

Dem Ausbau von getrennten Schulen lehnen deutliche Mehrheiten der Frauen und Männer ebenfalls ab. Sowohl bei den Grund- wie auch bei den weiterführenden Schulen sind um die 70 Prozent der Befragten gegen die Einrichtung weiterer reiner Jungen- oder Mädchenschulen.

Ja zu Veränderungen in der Gesellschaft

Die Studienautoren stellten auch Fragen zur Geschlechtergerechtigkeit in Beruf und Alltag - hier wünschen sich offenbar viele Menschen Veränderungen. Deutliche Mehrheiten der Frauen und Männer möchten, dass der Frauenanteil in IT-Berufen und der Männeranteil in Pflegeberufen steigt. Für verpflichtende Geschlechterquoten bei Führungspositionen in Unternehmen finden sich sowohl bei Frauen als auch bei Männern Mehrheiten. Verpflichtende Quoten auch in der Politik, bei Universitätsprofessuren und bei der Studienplatzvergabe wünscht sich jeweils eine relative Mehrheit (46 bis 49 Prozent) der befragten Frauen. Bei den Männern ist die Zustimmung zu derlei Quoten um drei bis sieben Prozentpunkte geringer.

Eine wichtige Erkenntnis des Bildungsbarometers lautet: Beide Geschlechter finden, dass Männer in der Gesellschaft insgesamt und besonders auf dem Arbeitsmarkt bevorzugt werden. Vorteile im Job vermuten fast zwei Drittel der befragten Frauen, aber auch 49 Prozent der Männer. Immerhin in der Bildung sind die Deutschen aber der Meinung, dass es gerecht zugeht. Zwischen 74 und 79 Prozent der Männer und Frauen meinen, dass an Schulen und Universitäten das Geschlecht keine besondere Rolle spielt. Auch die Jugendlichen finden mehrheitlich, dass Jungen oder Mädchen in der Schule weder in Mathematik noch in Sprachen oder Sport bevorzugt werden.

Uneinigkeit beim Ganztag

Für das Bildungsbarometer wurden Jugendliche wie Erwachsene auch zu allgemeinen Bildungsthemen befragt. Auch hier herrscht bei vielen Fragen Konsens: Beide Gruppen sind mehrheitlich für die Einführung von deutschlandweit einheitlichen Abschlussprüfungen wie etwa einem Zentralabitur, für einheitliche Vergleichstests in verschiedenen Jahrgangsstufen, gegen die Abschaffung von Schulnoten und - etwas überraschend - für Klassenwiederholungen bei schlechten Leistungen.

Bei einem Thema, das viele Bildungspolitiker seit Jahren umtreibt, sind sich Jugendliche und Erwachsene allerdings uneinig: Während 60 Prozent der Erwachsenen die bundesweite Einführung eines Ganztagsschulsystems befürworten, bei dem die Schüler bis 15 Uhr in der Schule sind, stimmen dem nur 29 Prozent der Jugendlichen zu. Das dürfte bedeuten: Obwohl die Jugendlichen ihren Schulen laut Bildungsbarometer insgesamt gute Noten geben - nur zwei Prozent geben Note 5 oder 6; bei den Erwachsenen tun das sieben Prozent -, haben sie wenig Lust, auch Teile des Nachmittags dort zu verbringen.

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