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Bildungsausgaben:Sächsische Lehrer protestieren gegen Sparpolitik

Das Bildungssystem in Sachsen gilt als vorbildlich - in Vergleichen schneiden die Schüler hervorragend ab. Doch die Schulen leiden unter der Sparpolitik, sogar die Kultusministerin hält die Kürzungen für wenig hilfreich. Nun gehen die Lehrer auf die Straße.

Christiane Kohl

Im Vergleich zu den anderen Bundesländern schneiden sächsische Schüler stets mit besten Noten ab. Sie besuchen fleißig den Unterricht und belegen vor allem bei Mathe- und Physiktests regelmäßig die Spitzenplätze unter Deutschlands Schülern. Auch das sächsische Schulsystem wird immer wieder gelobt - erst vor wenigen Wochen stellte das Kölner Institut der Deutschen Wirtschaft dem ostdeutschen Freistaat wieder einmal ein Einser-Zeugnis aus: Sachsen biete eine "ausgezeichnete Förderinfrastruktur" für die Schüler und verfüge über das "leistungsfähigste Bildungssystem aller Bundesländer", hieß es Mitte August beim aktuellen "Bildungsmonitor" des Instituts.

Mithin könnte in Sachsen alles zum Besten stehen - wenn nur die Lehrer nicht wären. Viele von ihnen fühlen sich durch ständige Überstunden belastet; sie klagen über eine zu geringe Bezahlung und mangelnde Angebote für Altersteilzeitreglungen.

So verärgert sind viele sächsische Pädagogen derzeit, dass sie pünktlich zum Schulanfang am vergangenen Freitag massenhaft den Unterricht schwänzten: Sie traten in einen Warnstreik und reisten nach Dresden. Dort demonstrierten etwa 13.000 Lehrer vor dem Landtag. Nach Angaben der Landtagsverwaltung war es die größte Protestkundgebung, die je vor dem sächsischen Parlament stattgefunden hat.

Beinahe jeder zweite der landesweit etwa 27.200 Pädagogen war dem Streikaufruf gefolgt. "Es rumst jetzt tüchtig", beschreibt der Sprecher der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Sachsen, Jürgen Thamm, der selbst Gymnasiallehrer in Hoyerswerda ist, die Stimmung seiner Kollegen: "Langsam ist einfach die Schmerzgrenze überschritten." Tatsächlich gibt es in Sachsen schon seit Längerem heftigen Krach über die Zukunft des Schulsystems.

So warf erst vor wenigen Wochen der bildungspolitische Sprecher der CDU-Fraktion im Landtag, Thomas Colditz, entnervt das Handtuch: Er könne die Politik der schwarz-gelben Landesregierung nicht länger mittragen, erklärte der Koalitionspolitiker zur Verwunderung auch der Opposition. Colditz kritisiert, ähnlich wie die Lehrerverbände, dass die schwarz-gelbe Regierung bei der Bildung immer nur sparen wolle - statt das Schulsystem fit für die Zukunft zu machen.

Bereits Monate zuvor, im März 2012, hatte der christdemokratische Kultusminister Roland Wöller praktisch über Nacht seinen Rücktritt eingereicht, weil er vom sächsischen Finanzminister vorgesehene Kürzungen im Bildungsbereich in Höhe von etwa 100 Millionen Euro nicht mehr mittragen wollte. Seither leitet die parteilose Brunhild Kurth das Bildungsressort; und auch sie, eine studierte Lehrerin, lässt neuerdings durchblicken, dass sie den Sparkurs der Regierung im Bildungsbereich nicht unbedingt für hilfreich hält.

Ein Problem in Sachsen sind die extrem hohen Ausfälle bei den Schulstunden. So mussten im Schuljahr 2010/2011 rund 774.000 Unterrichtsstunden gestrichen werden, weil Lehrkräfte fehlten; an mancher Schule gab es zum Beispiel wochenlang keinen Chemie-Unterricht.

Immerhin bewirkte Ministerin Kurth, dass keine zusätzlichen Stellen gestrichen, sondern zum Schulbeginn neue Lehrer eingestellt wurden: Nach Angaben von Kultus-Sprecher Dirk Reelfs handelt es sich um 650 neue Stellen. Aus Sicht der Kritiker ist das jedoch viel zu wenig. Denn schon bald könnte es zu einer Art Exodus unter sächsischen Lehrern kommen. Der Lehrkörper gilt als stark überaltert.

Nach dem Ende der DDR waren viele Pädagogen neu eingestellt und motiviert worden, doch diese sind jetzt mehrheitlich über 50 Jahre alt und marschieren auf die Rente zu. Bis zum Jahr 2020 werden gut 9000 Lehrer pensioniert sein. Um gute Nachwuchskräfte heranzuziehen, müsse man sich jedoch rechtzeitig kümmern, klagen Kritiker. Denn auch wenn sächsische Schüler in den Bildungsrankings stets als Musterknaben der Nation gelobt werden, sächsische Lehrerstellen gelten im Bundesvergleich als nicht besonders attraktiv.

Im Gegensatz zu ihren Kollegen im Westen werden die Lehrer in Sachsen nicht verbeamtet, überdies sind ihre Gehälter vergleichsweise moderat. So beginnen Neueinsteiger an Sachsens Grundschulen mit einem überschaubaren Gehalt von 2700 Euro brutto, junge Gymnasiallehrer haben mit 3100 Euro brutto auch nicht wesentlich mehr in der Tasche. Da mag sich mancher eher für eine Lehrerstelle andernorts entscheiden. Doch es gibt auch ein großes Plus in Sachsen: Die Klassen sind spürbar kleiner als in anderen Ländern. So sitzen in sächsischen Gymnasien durchschnittlich 23,8 Schüler in einer Klasse, etwa in Baden-Württemberg hingegen 27,2.

Freilich steigen die Schülerzahlen in Sachsen seit einiger Zeit kräftig an. Mit dem Ende der DDR und der danach folgenden Abwanderung aus den ostdeutschen Ländern hatte sich die Zahl der Schüler zunächst halbiert: von etwa 760.000 Mitte der 1990er Jahre auf 380.000 im Jahr 2011. Doch bis 2020 sollen die Schülerzahlen wieder auf knapp 400.000 ansteigen - der ostdeutsche Babyboom hat die Schulen erreicht.

© SZ vom 10.09.2012/wolf

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