Hochschulstreit "Dieses 'Ein Kind seiner Zeit'-Argument ist rein apologetischer Natur, es entschuldigt nichts."

Auf dem Podium der Beuth-Hochschule liegt es an den hochschulfremden Experten, Bewegung in die verfahrene Situation zu bringen. Thomas Stamm-Kuhlmann von der Universität Greifswald berichtet von den vergifteten Diskussion, die er führen musste, bevor sich die Hochschule im vergangenen Jahr von Namenspatron Ernst Moritz Arndt trennen konnte. Man müsse, sagt Stamm-Kuhlmann, zunächst auf die Evidenz schauen und diese dann in einem zweiten Schritt bewerten. Dass es sich bei Beuth um einen Antisemiten handle, sei für ihn keine Frage. Ob man deshalb nun die Hochschule umbenennen sollte, sei die Diskussion, die es zu führen gelte.

Studium Scheiden tut weh
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Scheiden tut weh

Die Beuth-Hochschule in Berlin trägt den Namen eines preußischen Beamten, der Antisemit war. Ob das so bleiben darf, soll im offenen Diskurs entschieden werden. Doch der entgleitet zusehends.   Von Christine Prußky

Friedemann Stengel von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg hat mit dem Reformator Luther als Namensgeber ein ganz eigenes Antisemitismus-Problem. Er befürwortet eine Namensdebatte, auch für seine eigene Universität. Stengel findet klare Worte: "Dieses 'Ein Kind seiner Zeit'-Argument ist rein apologetischer Natur, es entschuldigt nichts." Was ebenfalls der falsche Weg sei: das Aufrechnen der Verdienste einer Person gegen die Probleme, die man mit ihr hat. Reinhard Thümer hatte gleich zu Beginn der Diskussion erst einmal Beuths Errungenschaften und Innovationen aufgezählt.

Wie aber sollen Hochschulen und Bildungseinrichtungen nun mit Herausforderungen wie diesen umgehen? Lassen sich überhaupt einfache Lösungen für Fragen finden, die sich zwar in erster Linie auf den Namen einer Institution beziehen, bei denen es aber eigentlich und ganz allgemein um den gesellschaftlichen Umgang mit Unrecht und Verantwortung geht? Das Podium auf dem Symposium der Beuth-Hochschule bemüht sich redlich, aber es krankt an den gleichen Mängeln wie so viele Debatten der Gegenwart. Wie soll Arbeit am Fortschritt der Gesellschaft funktionieren, wenn neben einer einzigen Frau (Ronja Marcath, eine Vertreterin der Studierenden) sieben Männer auf dem Podium sitzen?

"Einen eindeutigen Blick auf den Monolithen Geschichte, aus dem wir alles Böse getilgt haben, bekommen wir nicht", sagt Friedemann Stengel zum Schluss. "Wir kriegen nur die Ambivalenz." Mit dieser Ambivalenz kritisch und produktiv umzugehen, sei die große Aufgabe. Der Student David Czycholl von der Initiative zur Umbenennung widerspricht. Was wäre, wenn man die Schule einfach nicht nach einer Person, hinter der sich mögliche Probleme verbergen könnten, benennen würde, sondern beispielsweise nach einer wissenschaftlichen Errungenschaft?

Andreas Nachama von der Stiftung Topographie des Terrors kann dem nur beipflichten. Die Vorstellung "Männer machen Geschichte" sei längst überholt. Hochschulen sollten sich von ihr lossagen, ihre Namen entpersonalisieren und beispielsweise nach einem Ort benennen. Am Ende ist es die einzige Frau in der Runde, die den konstruktivsten Beitrag des Tages liefert: "Wedding-Hochschule für Technik, das wäre doch ein schöner Name."