Hochschulstreit Männer machen Geschichte

Denkmal für den Namensgeber an der Beuth Hochschule für Technik in Berlin

(Foto: Christine Prußky)

An der Beuth-Hochschule in Berlin wird über den preußischen Namenspatron und dessen antisemitische Äußerungen gestritten. Eine Diskussion, aus der man viel über die Debattenkultur der Gegenwart lernen kann.

Von Julian Dörr, Berlin

Zugegeben, es ist eine schwierige Aufgabe. Über die 25 menschenhohen Betonbuchstaben, die sich die Beuth-Hochschule für Technik neben den Eingang ihres Campus im Berliner Wedding in die Wiese gepflanzt hat, lässt sich nicht so einfach hinweg schauen. Ebenso wenig über die hochschulinternen Querelen und gekränkten Wissenschaftleregos, die die Diskussion um den umstrittenen Namenspatron der Fachhochschule, den preußischen Ministerialbeamten Christian Peter Wilhelm Beuth (1781 - 1853), umgeben.

Wer das aber dennoch schafft, der kann sehr viel über die Debattenkultur der Gegenwart lernen. Über ihre Protagonisten, über ihre Dynamik, aber vor allem über ihre Probleme.

Die Beuth-Hochschule ist gespalten. Seit einigen Monaten streiten unterschiedliche Interessengruppen über eine mögliche Umbenennung der Schule. Denn Beuth war nicht nur ein Wegbereiter der modernen Ingenieurwissenschaft, sondern auch Antisemit. In einer Rede vor der Deutschen Tischgesellschaft, zu deren Mitgliedern Beuth zählte, hielt der eine Rede, in der er Juden mit Schweinen verglich. Er wünschte jüdischen Jungen, sie mögen bei der Beschneidung verbluten und unterstellte Juden, sie würden das Blut von Christenkindern "abzapfen und trinken".

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Der Techniksoziologe Achim Bühl, der an der Beuth-Hochschule lehrt, machte 2017 erstmals auf den Antisemitismus des Namensgebers aufmerksam. Die Hochschule gab daraufhin ein externes Gutachten bei den Historikern Jörg Rudolph und Christian Schölzel in Auftrag. Sie kamen zu einem deutlichen Ergebnis: "Beuths Haltung ist dabei im zeitgenössischen ableitbaren Spektrum möglicher Haltungen als konservativ und rigide judenfeindlich zu kennzeichnen."

Auf diese sehr eindeutige Quellenlage beruft sich die Initiative zur Umbenennung der Hochschule. Doch das sehen nicht alle so. Reinhard Thümer, ehemaliger Präsident der Hochschule, hat Zweifel. 2009, in seiner Amtszeit, wurde die damalige Technische Fachhochschule in Beuth-Hochschule umbenannt. Er schreibt eine Stellungnahme, in der er die bisherigen Belege für "keineswegs hinreichend für eine Klassifizierung Beuths als Antisemit" bezeichnet.

Thümer ist auch Gast auf dem Podium, das an diesem Freitag das zweitägige Symposium der Hochschule zu "Christian Peter Wilhelm Beuth in seiner Zeit" abschließt. Neben dem ehemaligen Präsidenten sitzen dort Experten von anderen Universitäten. Die Initiative zur Umbenennung, vertreten von zwei Studierenden und einem Professor der Hochschule, hat erst kurzfristig einen Platz bekommen.

Wie festgefahren die Situation an der Beuth-Hochschule ist, offenbart sich schon nach wenigen Minuten. Seine eigene Forschung, so Thümer, lege nahe, dass der Vorwurf des Antisemitismus gegen Beuth vor einem modernen Gericht keine Grundlage für eine Verurteilung bieten würde. Thümer zweifelt an den wissenschaftlichen Fakten und der Arbeit der Historiker. Er selbst ist weder Historiker noch Soziologe, sondern promovierter Wirtschaftsingenieur. "Es ist heute weit verbreitet, dass Fakten zu Meinungen gemacht werden", sagt später der Literaturwissenschaftler Stefan Nienhaus aus dem Publikum. Nienhaus hat schon 2003 ein Buch zur "Geschichte der Deutschen Tischgesellschaft" und ihrem Antisemitismus geschrieben.

Der Streit an der Hochschule, er ist auch ein Streit über die Verfasstheit der Realität. Die Debatte über den Antisemitismus Beuths steht symptomatisch dafür, wie Debatten über brisante und dringliche gesellschaftliche Fragen gerade geführt werden. Die eine Seite liefert Fakten, die andere Seite kontert mit alternativen Fakten. Die Beuth-Hochschule ist so gespalten wie die Gesellschaft.

Die große und wichtige Frage stellt der Moderator nach einer guten Dreiviertelstunde: Kann man so eine Debatte führen ohne zu spalten?