Betriebswirtschaft:Mit Small Talk in den Wunschberuf

Lesezeit: 4 min

Den Wert ihres Studiums sehen beide weniger im Curriculum, sondern anderswo. "BWLer sind kompetitiv und effizient", sagt Fiege. In Berlin, dem Zentrum der deutschen Gründerszene, lässt sich das gut beobachten. Hier wird Triathlon grade zur Trendsportart. Das zeitfressende Schwimmen, Radfahren und Laufen mit dem intensiven Berufsalltag zusammenzubringen, ist eine organisatorische Mammutaufgabe. Vielen der stressgewöhnten Gründern macht die Zusatzbelastung offenbar nichts aus. "Das Bulimie-Lernen entspricht zwar nicht dem humboldtschen Bildungsideal. Aber zumindest erwirbt man dadurch eine gewisse Stressresistenz", sagt Fiege hierzu. Auch er selbst ist begeisterter Triathlet.

Effizienzstreben alleine ist aber nicht die einzige Zutat des betriebswirtschaftlichen Erfolgsrezepts. Auch das Networking gehört zu den Königsdisziplinen des Studiengangs. An vielen BWL-Fakultäten werden regelmäßig Karrieremessen und sogenannte "Kaminfeuergespräche" organisiert. Im vertrauten Rahmen können die Absolvierenden ihre Wunscharbeitgeber kennenlernen und Fragen zum Bewerbungsprozess stellen. Im Idealfall springt hierbei das erhoffte Praktikum heraus.

Volksstudium BWL

"Die Ökonomie lernet man bei den Bauern und nicht auf den Universiteten", schrieb Friedrich der Große 1772. Zwar wurden im Mittelalter vereinzelt kaufmännische Texte verfasst. Und mit der Kameralistik gab es im 18. Jahrhundert gar ein Vorläuferstudium der heutigen BWL. Doch im Gegensatz zu Fächern wie Philosophie, Jura oder den Naturwissenschaften hat die BWL keine jahrhundertelange Wissenschaftshistorie. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte sie sich als eigenständige Disziplin: Erste Handelshochschulen wurden gegründet, die BWL grenzte sich als Wissenschaftszweig von der Volkswirtschaftslehre ab. Die Zahl der BWL-Professuren stieg von nur acht im Jahr 1909 auf mehr als 50 im Jahr 1933. Heute sind laut Statistischem Bundesamt mehr als 200 000 Studenten für BWL eingeschrieben. Die belächelte Handelslehre ist zum beliebtesten Studiengang Deutschlands geworden.

Denn neben Effizienz und Small Talk ist das die dritte Zutat des BWL-Erfolgs: Praxiserfahrung. "Die beste Vorbereitung meines Studiums war, dass es mir den Raum gegeben hat, außercurriculare Erfahrungen zu sammeln", sagt Huegli. Während Pflichtpraktika in BWL-Studiengängen nicht ungewöhnlich sind, lässt in anderen Fachrichtungen der Kursplan häufig gar keine Zeit für mehrmonatige Arbeitserfahrungen.

Fachfremde in der Unternehmensberatung

Auch das Engagement in universitären Vereinen gehört häufig zum BWLer-Lebenslauf. Huegli hat selbst ein Jahr lang im Organisationskomitee des St. Gallen Symposiums gearbeitet. "Dort habe ich vieles gelernt, was ich später bei Praktika gut gebrauchen konnte." BWLer erwerben in ihrem Studium also womöglich kein einmaliges Fachwissen. Aber das Umfeld, in dem sie sich mindestens drei Jahre bewegt haben, scheint ihnen dennoch wertvolle Fähigkeiten mitzugeben.

"Eine neue Kultur, dass BWL-Berufe in Deutschland jetzt massenweise von Nicht-BWLern ausgeübt werden, gibt es in meinen Augen nicht", sagt deshalb Michael Hies, Leiter des Karrierenetzwerks E-fellows. Die Unternehmensberatung zähle zu den wenigen Branchen, wo sich eine solche Kultur tatsächlich etabliert habe. In den meisten anderen Sektoren seien die vielen Fachfremden in BWL-Berufen dagegen eher der aktuellen Arbeitsmarktlage geschuldet. "Weil der Arbeitsmarkt knapp ist, stellen Firmen eben auch Nicht-BWLer für BWLer-Positionen ein", sagt Hies. Das könne sich aber wieder verändern, sobald sich die Lage am Arbeitsmarkt wandelt.

Und so ziehen auch Huegli und Fiege letztlich ein versöhnliches Fazit unter ihr BWL-Studium. Ob sie noch einmal BWL studieren würde? "Ja, ich hätte kein anderes Studium machen wollen." Ob er noch einmal BWL studieren würde? "Leider ja."

Saskia Schneider übrigens, die zur Beraterin gewordene Psychologin, ist bei BCG unterdessen vollwertiges Teammitglied. Von Nachteil sei ihr fachfremder Hintergrund dabei nie gewesen. Einen signifikanten inhaltlichen Rückstand gegenüber den BWLern bemerke sie nämlich nicht. Im Gegenteil: Bei manchen Themen seien die Exoten frisch aus dem Bootcamp sogar fitter als ihre BWL-Kollegen. Die haben die gleichen Themen nämlich irgendwann im Studium mal gepaukt. Und sie vermutlich danach sofort wieder vergessen.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema