Berlin:Wie sich Gentrifizierung auf die Einschulung auswirkt

Campus Rütli

Die Rütli-Schule in Neukölln galt einmal als schlimmste Schule Deutschlands. Dort hat sich das Image gewandelt. Andere Schulen im Bezirk kämpfen noch mit Imageproblemen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Einkaufen auf dem türkischen Markt und mitfeiern beim Beschneidungsfest: Viele Deutsche ohne Migrationshintergrund lieben das Leben in Berlin-Neukölln. Doch wenn es um den Schuleinstieg ihrer Kinder geht, geraten sie in Panik.

Von Sebastian Krass

Als die Einschulung ihres ersten Kindes bevorsteht, meldet Petra Hartmann ihren Wohnsitz in Berlin um. Vom nördlichen Neukölln zieht sie offiziell ein paar Hundert Meter weiter auf die andere Seite des Landwehrkanals, zu einer Freundin. Sie legt beim Amt einen Untermietvertrag vor, das reicht. Tatsächlich bleibt Hartmann damals in Neukölln wohnen. Es geht nur darum, dass ihre Tochter nicht in Neukölln zur Schule muss, wo der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund jenseits der 90 Prozent liegt, sondern in Kreuzberg, wo es gut 50 Prozent sind.

Beim zweiten Kind ist es komplizierter: Die Prüfung auf Scheinumzüge ist inzwischen genauer. Hartmann muss einen Antrag stellen, um ihren Sohn in Kreuzberg einschulen zu dürfen. Der erste wird abgelehnt, Hartmann legt Widerspruch ein. Dann klappt es.

Petra Hartmann, die in Wirklichkeit anders heißt, ist 47 Jahre alt, kommt aus Süddeutschland, sie arbeitet als Lektorin, ihr Mann ist Lehrer. Das nördliche Neukölln, der Kiez, in dem sie wohnen, hat sich in den vergangenen Jahren enorm verändert, die Gentrifizierungs-Karawane, von der der Soziologe André Holm spricht, ist aus Kreuzberg herübergezogen. Gleichzeitig aber ist Nord-Neukölln noch immer ein "sozial benachteiligtes Gebiet", heißt es in einem Bericht des Senats zur sozialen Stadtentwicklung. Hier gibt es überdurchschnittlich hohe Werte bei Arbeitslosigkeit, Bezug von Sozialleistungen und Kinderarmut. Auch der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund ist höher als im Berliner Durchschnitt.

Es ist an der Oberfläche oft ein schönes, ein buntes Zusammenleben. Dienstags und freitags zum Beispiel trifft sich der Kiez auf dem Markt am Maybachufer, wo türkische Gemüsehändler Petersilie in riesigen Bündeln verkaufen und beim Biostand jede Tomate einzeln geprüft wird. Aber wenn es an die Einschulung geht, dann geraten viele Eltern ohne Migrationshintergrund - manche nennen sich selbst "Biodeutsche" - in Panik.

Welche schwierigen Fragen sich stellen

In Berlin gilt das Sprengelprinzip: Jede Wohnadresse ist einer öffentlichen Grundschule zugeordnet. Dort soll ein Kind normalerweise hingehen. Im nördlichen Neukölln aber haben die Schulen - auch nach Jahren der Gentrifizierung - einen NDH-Anteil von mehr als 90 Prozent. NDH steht für "nichtdeutsche Herkunftssprache".

Wie ist das Klima an so einer Schule? In welcher Sprache unterhalten sich die Schüler? Lernt mein Kind dort genug und vor allem schnell genug? Schafft es nach vier oder sechs Jahren den Sprung aufs Gymnasium? Andererseits: Ist es verlogen, hierher zu ziehen, sich tolerant und weltoffen zu fühlen und dann bei der Einschulung so zu denken? Ist das diskriminierend?

Worauf es Eltern ankommt

Diese Fragen lösen intensive, manchmal auch hitzige Diskussionen aus, unter Eltern und vielleicht noch mehr zwischen Eltern und Nichteltern.

Petra Hartmann kennt die Diskussionen. Sie erinnert sich, dass früher die Eltern aus Neukölln weggezogen sind, wenn die Einschulung anstand. Das wollten sie und ihr Mann nicht, sie lieben ja ihren Kiez. Sie freuen sich, wenn die Kinder auf ein türkisches Beschneidungsfest eingeladen werden. Und sie wollen ihre Kinder auch "nicht auf eine hauptsächlich deutsche Schule" schicken, wie Hartmann sagt.

Aber ihr Eindruck war, dass die Schulen in Kreuzberg besser ausgestattet sind und eine bessere Mischung von Kindern verschiedener Herkunft haben als die in Neukölln. In ihrer Sprengelschule, fürchtete sie, könnten die Kinder zum multikulturellen Versuchsobjekt werden.

Wie eine Schuldirektorin die Diskussion erlebt

"Jedes Jahr gehe ich in die Kitas und erzähle den Eltern, was für eine gute Schule wir hier haben", erzählt die Direktorin einer Grundschule im nördlichen Neukölln, "wie wir die Kinder fördern, wie unser Unterricht aufgebaut ist, was sich hier alles zum Positiven geändert hat". Ihr Name und der ihrer Schule bleiben ungenannt, weil sie spricht, ohne sich vorher die Genehmigung von oben geholt zu haben.

Ein NDH-Anteil von 90 Prozent entspreche nicht ihrem Anspruch: "Wir wollen eine Kiezschule sein, die abbildet, wenn sich ein Viertel verändert", sagt die Direktorin. "Aber erstmal müssten wir den Anfang schaffen, wir bräuchten eine Handvoll deutsche Kinder, um zu zeigen, dass es funktioniert."

Es gibt in Berlin die Möglichkeit der Gruppenanmeldung: Mehrere Eltern, etwa aus einer Kita-Gruppe, können beantragen, dass ihre Kinder in eine Klasse kommen. Natürlich würde man versuchen, das zu berücksichtigen, sagt die Direktorin. Nur, wer macht den Anfang?

Sind die Ängste der Eltern begründet?

Sind die Ängste von Eltern um den Schulerfolg ihrer Kinder überhaupt berechtigt? Nicht unbedingt, sagt Jörg Ramseger, Grundschulforscher an der Freien Universität Berlin. "Das kulturelle Kapital einer Familie wird nahezu unverändert weitergegeben und bestimmt den Werdegang des Kindes weit mehr als die Schule", sagte Ramseger, der im vergangenen Jahr mit dem renommierten Grundschulpreis ausgezeichnet wurde, im Gespräch mit der Zeit.

Für Kinder aus sogenannten bildungsnahen Schichten kommt es demnach gar nicht so sehr darauf an, auf welche Schule sie gehen. Für Kinder aus eher bildungsfernen Schichten ist die Schule hingegen umso wichtiger als ein Ort, in dem sie gefördert werden - von Lehrern und idealerweise auch von Mitschülern. Klingt gut, in der Theorie.

Was das Land Berlin unternimmt

Das Land Berlin bemüht sich, Schulen in schwieriger sozialer Lage zu helfen. Es gibt ein Bonusprogramm in Höhe von 15 Millionen Euro pro Jahr für gut 200 Schulen. Diese könnten die Zulagen "mit eigenen Ideen umsetzen", sagt Beate Stoffers, Sprecherin der Bildungssenatorin. Allerdings betont sie auch, dass der teils hohe Anteil an Kindern mit anderen Muttersprachen "Berliner Realität" sei, "dem muss sich die Gesellschaft stellen - und zwar ohne Vorurteile. Die Eltern müssen bereit sein, ihren Fuß in vermeintliche Problemschulen zu setzen".

Stoffers verweist auch darauf, dass die Muttersprache von Kindern ein problematisches Kriterium sei. Sie nennt als Beispiel die Gustav-Falke-Schule im Bezirk Wedding, sie hat eine NDH-Quote von 83 Prozent. Dort läuft seit mehr als vier Jahren ein Schulversuch, in dem Klassen speziell für Kinder mit guten Deutschkenntnissen geschaffen werden.

Sie mussten dafür einen Test ablegen. Schnell kursierte dafür das Wort "Deutsch-Klassen". Das sei irreführend, sagt Stoffers. "Tatsächlich gibt es in den Klassen mit diesem System einen gar nicht so geringen Anteil von Kindern, die eine andere Muttersprache haben, die aber hervorragend Deutsch sprechen - weil ihre Eltern Wert darauf legen."

Bei Petra Hartmann sieht es so aus, als wären die größten Schulsorgen vorbei. Die Tochter geht aufs Gymnasium, der Sohn schlägt sich gut im ersten Schuljahr. Und was wäre passiert, wenn es bei ihm nicht geklappt hätte mit der Ummeldung auf eine Schule in Kreuzberg? "Dann wären wir weggezogen", sagt Hartmann. Weg aus dem sonst so geliebten Neukölln.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: